Stilblüten des Musikstreamings. Mit Napster! Ja, die gibt es noch.

Wie jeder Milchbauer bezeugen kann, ist Aldi eine Macht. Ein Preisdrücker. Der Kapitalismus in seiner reinsten und von allem Marken-Chic befreiten Version. (Allein schon die “Logos”! Nord und Süd). Wenn es Lidl nicht gäbe, würde man im Herzen von Aldi das Zentrum des Bösen in der Konsumgesellschaft verorten.

Aldi hat aber auch so einen Tick mit Technik. Der Volks-PC, die neuerdings massiv aufgebretzelten NFC-Zahlungsmethoden… Ich rieche schon jetzt das “Internet der Dinge”-Regal im nächsten Jahr neben der Milbona-Trüffelbutter-Selection. Wir vermuten dieser Tick wurde aus der internen Devise, teure Arbeitskräfte durch Technik zu ersetzen, geboren.

Jetzt also Aldi-Streaming. Billig Musik direkt vom Discounter. Egal ob das konsequent ist, da möchte man erst mal durchdrehen. Das Streaming-Groschengrab gleich noch tiefer schaufeln. Aber die Preise kann man in dieser Welt der für jeden immer und überall zum vergessbaren Abopreis zugänglichen universellen Musikbibliothek (mit großen Lücken) eh kaum noch weiter nach unten drücken. Gut, zwei Euro weniger als die anderen gehen noch.

Also: wie genau macht Aldi das? Der Einstieg – wir zitieren kurz das Google-Snippet – ist mit “Tage. {{cdCtrl.days}}. Stunden. {{cdCtrl.hours}}. Minuten. {{cdCtrl.minutes}}. Sekunden. {{cdCtrl.seconds}}” ganz schön hackermäßig.

Der “Style”, wie bei allen Streamingdiensten, irgendwie gewollt jugendlich (bauchfrei in mit gepierctem Nabel, wir ersparen euch das): der dezent arogante Blick von oben herab, da lebt das gute alte Distinktions-Paradigma noch, das sich Pop-Musik wohl noch immer wie ein ausgedientes Punker-Hundehalsband als Ur-Mythos anhängen darf.

Die große 1 soll wohl an den letzten großen Hauptkonkurrenten anspielen und erinnert nicht zufällig an eine Mischung aus altertümlicher Fernseh-Graphik und Beats One. Auch der schön angeschwärzte Ton macht auf geheimnisvoll (da gibt es etwas zu entdecken!). Selbst auf die Logofarben wurde (puh) mal verzichtet, auch wenn in typischer Aldi-Manier hier die einzelnen Elemente aus dem Gesamtkontext am liebsten rausspringen würden.

(Eine Irritation, die Aldi-Produkte auf dem Frühstückstisch auch immer so knallhart als eine Aufforderung, doch jetzt schnell Migräne zu bekommen, wirken lassen).

Damit es auch der Rollator-Kunde versteht, musste wohl gleich zwei Mal Aldi Life (life natürlich flott kursiv in einer Art Schreibschrift) auf die Ankündigung.

Es passt perfekt, dass Aldi Life auf die totgeglaubten Napster als virtuellen Streaming Operator zurückgreifen (mittlerweile ein Teil von Rhapsody). Und damit die Preisdrückeranmutung nicht ganz verloren geht, kann man das als Telefonservice buchen und zahlt dann keine extra Daten. Wie bei der Telekom und Spotify.

Es wird wohl nicht lange dauern, bis der Rest der Discounter auch noch Musikstreaming anbietet, und McDonald und Starbucks und natürlich Tschibo! Aber vielleicht braucht es eben auch genau all die, damit die kritische Masse erreicht werden kann, bei der sich Streaming am Ende dann auch wieder für Künstler lohnt. Vorausgesetzt, die werden eines Tages mal einen genaueren Blick auf ihre Verträge werfen.

Disclaimer: Ich mag Aldi vor allem deshalb nicht, weil es da so ungesund nach ranzigen Pappen riecht, wie auch immer die das hinbekommen.

8 Responses

  1. lucas

    Erstmal: Kudos für den Titel!

    Ich geb’s zu: Ich bin ein Freund von Streaminganbietern und entdecke dadurch regelmäßig neue Künstler, die ich dann auch anderweitig unterstütze (Medienkäufe und v.a. Konzertbesuche sind aber auch schon das Ultimo bei mir). ALDI wird mit ALDI Life aber sicher eine neue Kundengruppe erreichen, vielleicht auch jene, welche bislang – nunja, wie soll ich’s sagen – von pekuniären Ausgleichen nicht allzu überzeugt sind. Damit wäre ja schon mal ein bisschen gewonnen. Wieviel am Ende dann wirklich beim Künstler ankommt, ist natürlich eine andere Sache, da müssen aber meiner Meinung nach sämtliche Anbieter nachziehen.

    Übrigens, ein Punkt im Artikel passt nicht so ganz: Der Datenverbrauch durch Streaming wird regulär auf das Datenvolumen angerechnet, man kann Napster einfach nur gleich in einem Tarif inkludiert buchen.

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    • Sascha Kösch

      Bist du dir da sicher? Für mich las sich das als “inklusive”. Aber es ist – zugegeben – schwammig formuliert in der Pressemeldung.

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      • lucas

        Das liest sich in der Tat etwas schwammig, gerade mal in der offiziellen PM nachgelesen, stimmt. Ein Freund arbeitet aber für Aldi bzw. dessen Umfeld und hat mir schon vorweg bestätigt, dass das nicht der Fall sein wird.

  2. Roger

    Ja, ich geb’s zu… ich komm immer noch nicht drauf, worauf der Titel anspielt. Streamfunkdiscounter, Streamfunkdiscounter… ich sitz hier seit einer Viertelstunde und spreche das ganz unterschiedlich aus. So hilft mir doch jemand!

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    • Sascha Kösch

      Die deutsche Übersetzung für MVNO (mobile virtual network operator), aka Aldi Talk usw., ist Mobilfunkdiscounter. Streamfunkdiscounter liegt da nah.

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      • lucas

        Damnit, die Erklärung macht alles kaputt :/

        Ich bin von einer Ableitung von Steampunk ausgegangen. Der Zusammenhang war mir zugegeben nicht ganz klar, die Idee fand ich aber sehr clever.

  3. marcshake

    Ich nutze Streaming nur, wenn das was ich hören will bei YT nicht zu finden ist. Wenn mir dann ein Song gefällt, wir der noch immer auf CD, besser sogar auf Vinyl gekauft. Was “Napster” betrifft, so sind dir mir einfach nur unsympathisch, seitdem die “legal” sind. Napster war für mich immer das P2P-Ding von früher und so will ich die in Erinnerung behalten

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