Wir nominieren das Unwort des Jahres

Die “Parallelgesellschaft” ist eins dieser Schlagworte, die einem dieser Tage ständig irgendwo begegnen. Und es ist – logischerweise – wesentlich hoffähiger, als das ähnlich populäre “Lügenpresse”. Es ist aber auch rein semantisch um Längen perfider. Denn während “Lügenpresse” als eine Art provisorisches Pappschwert der Aufklärung von denjenigen geschwungen wird, die glauben, es gäbe gar keine “unabhängige” Presse, um dann so schnell wie möglich im Morast des unverantwortlichen Wahns diverser Verschwörungen zu versinken, dass man eigentlich nur darüber lachen kann, ist die “Parallelgesellschaft” – vermutlich auch aufgrund der Beschwörung geometrischer, also wissenschaftlicher Figuren – ein anderes Kaliber.

Doch mal kurz zu den Tatsachen:

1. Es kann keine Parallelgesellschaften geben.

Aus der Sicht einer Gesellschaft ist eine zu ihr parallel verlaufende logischerweise gar nicht wahrnehmbar. Es gehört zu den (wenigen) Grundzügen von Parallelen, dass sie keinerlei Berührungspunkte aufweisen. Man braucht da jetzt nicht mal die Chaostheorie oder die Globalisierung heranziehen, um zu wissen: Gesellschaften ohne Berührungspunkte existieren nicht. Schon gar nicht innerhalb so ordentlich sozio-judikativ begrenzter Räume wie Nationalstaaten. Für Hinweise auf unentdeckte Urwälder in Duisburg oder so, wären wir allerdings trotzdem dankbar.

Gut das wir das geklärt hätten. Aber was soll dieses Phantasma sonst verschleiern?

2. Nichtexistierende Parallelgesellschaften werden bejammert, weil sie sich in die Quere kommen.

Der Clou des Wortes “Parallelgesellschaft” ist, eine absolute Fremdartigkeit, eine völlig Eigenständigkeit zugleich zum Problem eines Eingriffs in die bestehende Ordnung formulieren zu wollen. Es ist also gerade das In-Die-Quere-Kommen, die Überkreuzungen dieser Gesellschaften, die als Problem formuliert werden. Die “real existierenden” Parallelgesellschaften – sofern man diese katastrophale Metapher mal als das nimmt, was sie zumeist ausdrücken will – sollen aber dennoch außerhalb unserer Gesellschaft im Weg stehen. Dabei muss – wer immer diesen Begriff benutzt – eins verheimlichen: sie können nur innerhalb “unserer” Gesellschaft zum Problem werden. Egal wo man das “uns” verankern will: im Nationalstaat, im Westen, in Europa, in der abendländischen Kultur, etc.

3. Nichtexistierende Parallelgesellschaften sind ein Problem in der Gesellschaft.

Im – wir nennen das jetzt mal läppsch so – Gelaber von Parallelgesellschaften wird im gleichen Atemzug das Problem unserer Gesellschaft thematisiert, wie es ausgemerzt werden soll. Nicht unsere Gesellschaft hat ein Problem, eure Gesellschaft macht uns eins, weil sie mit unserer Gesellschaft nichts zu tun haben will. Das sich hier die logischen Brüche die Klinke in die Hand geben, um sich am Stammtisch, ohne gegen die Tür zu laufen, ordentlich besaufen zu können und von unerwiderter Liebe eines Hassobjektes zu schwadronieren, sollte jedem klar sein. Irgendwie aber gleitet Parallelgesellschaft als Wort – slick verlogen wie es nun mal ist – immer wieder als irgendetwas echt Ernstzunehmendes durch. Man kann Gesellschaft nicht anders denken, als durch ihre Zusammenhänge. Die mögen vielschichtig sein, aber funktionieren nie nach der Methode “böses Außen im Inneren”, weshalb die Lösungen rings um das Thema “Parallelgesellschaften” auch oft so hilflos wirken. Wenn man nichtexistierenden Parallelgesellschaften ankreiden möchte, dass sie doch gefälligst mehr Berührung zur “guten”, “echten”, “aufgeklärteren” Gesellschaft suchen mögen, wird man durch eben diesem Begriff der “Parallelgesellschaften” mit Vorschlaghammer und Brechstange aufgeklärt.

4. Nichtexistente Parallelgesellschaften sind Unberührbare

Die geforderte Berührung oder Annäherung der scheinbar völlig von unserem Universum getrennten Parallelgesellschaften mag zunächst mal nicht unbedingt mit der Forderung nach völliger Aufgabe eigener gesellschaftlicher Konstrukte einhergehen, oft sogar wird im gleichen Atemzug die Relevanz dieser kulturellen Andersartigkeit sogar “geduldet”, sofern sie sich nur “integriert”, oder zumindest den Schleier ablegt. Dennoch aber wird im Begriff der Parallelgesellschaft das Andere strukturell so betont, so zu einer überwiegenden Last, einem generell Ungewollten der Andersartigkeit stilisiert, dass zunächst eine grundlegende Abkehr vom Anderen gefordert wird, bevor die Berührung mit dem bundesdeutschen Gesellschaftskörper überhaupt erlaubt wird. Sprich unsere Sprache, oder halt einfach das Maul. Ganz so, als hätte die unsichtbare Hand des Kapitals das gute alte religiöse Thema des Unberührbaren als Anpassungsinstrument aus dem Keller der Vergessenheit geholt. Normale Interaktionen, Berührungspunkte die täglich überall in diesem Land stattfinden, sei es auf formaler, juristischer, gesellschaftlicher oder sonstiger Basis (meinethalben nur im Straßenverkehr), werden im Begriff der Parallelgesellschaft von vornherein als inexistent determiniert, denn ihre Existenz ist von vornherein eine Bedrohung des Scheinbegriffs.

Deshalb: Wir nominieren “Parallelgesellschaft” trotz vieler anderer grauenvoller Begrifflichkeiten im Diskurs 2015 als Unwort des Jahres und sichern ihm schon mal einen Freimaurerlogenplatz auf dem Schariasprachpolizeikongress, da es den Kern eines Un-Wortes, die innere Negation allen Verstandes, schlichtweg am besten erfüllt.

Leave a Reply