Wie Israelunderattack.tk kommende mediale Kriegswelten andeutet

Zu den Perversionen moderner Kriege gehört nicht nur die Ausweitung des Schlachtfeldes über den verlängerten Arm der medialen Kriegsführung auf die ganze Welt, mit seinen ganz eigenen Frontlinien, die viel zu häufig vom gemeinen Kriegs-Konsument emotional mit den echten verwechselt zu werden scheinen, sondern immer mehr auch der zweifelhafte Thrill des “dabei seins” über realtime Berichterstattung, deren altmodischster Ausdruck wohl der “+++EIL+++”-Newsticker sein dürfte. Moderner schon, aber auch nicht sonderlich zeitgemäß, die Twitteraccounts und ähnliche social Media Unternehmungen der kriegführenden Parteien, seien es nun die ukrainischen Separatisten Accounts oder die Israel Defence Forces, und deren – wenn man so will – rhizomatische Auswüchse und Anschlüsse.

Andererseits ist unsere Vorstellung von der direkten Verquickung von Krieg und Medien immer noch stark von Bushs Drittem Golfkrieg geprägt. Das klassische Bild: Kamera verfolgt Bombeneinschlag. Die Fotografie, das Video, die Auslöschung jeden Zweifels, aller Vermutungen, durch scheinbar direkt mediale Präsenz als Ikone der Katastrophe neuer Kriegsführung.

Obendrein gepaart mit einer Illusion von Präzision, die sich nicht selten in peinlicher Bildanalyse mit roten Kringeln und Pfeilen ausdrückt. Der größte Wandel dieser gigantischen Maschine der Kriegsbilder in den letzten Jahren: Die Geschwindigkeit ihrer Verfügbarkeit. Gelegentlich hat man das Gefühl, der frühere Reiz, bei Bombeneinschlägen Deckung zu suchen, ist längst durch den stärkeren des Kamera-Zückens ersetzt worden. Die Couchpotatoe-Israelis, die da an den Hängen zu Gaza sitzen, das sind wir alle. Egal auf welche Seite der Konflikt wir meinen uns verorten zu wollen oder können. Nur die Raketen sind weiter weg.

Doch beim Abschuss von MH-17 zeigte sich schon die nächste mediale Schicht. Realtime der Daten. Ein Blick auf die Daten zeigt in simulierter Echtzeit, wie sich der Luftraum über der Ukraine – denn scheinbar ist über den Wolken jetzt nicht mehr Freiheit, sondern erweiterte Kriegszone – zu einem Luftloch, vielleicht sollte man das besser Krater nennen, entwickelt. Syrien als nächstes, jetzt gerade Israel, das von diversesten Fluglinien gemieden wird. Blickt man heute auf diese Weltkarte aktueller Flüge, dann ist nicht schwer vorstellbar, das eine Zeit kommen könnte, in der man die aktuellen Krisengebiete allein schon am Flug der Passagierflugzeuge ablesen kann. (Ganz davon abgesehen, dass man das Fehlen von Flugzeugen in großen Teilen der Welt auch als imperialen Krieg des Kapitals deuten mag.)

Die merkwürdigste, auf darke Weise beste, aber sicher auch denkwürdigste Realisierung und Fortführung dieses kommenden Kriegsbildes der realtime Daten ist aber israelunderattack.tk. Von einem jüdischen belgischen Israel-Immigranten und niederländischen Moslem in Bilderbuchkooperation erstellt, zeigt die Webseite mehr oder weniger in Echtzeit Flugbahn und Einschlagsorte der aus Gaza abgefeuerten Raketen. Lässt man die Seite im Hintergrund laufen, wird man mit einer Warnsirene alle paar Minuten darauf aufmerksam gemacht, dass schon wieder ein Sprengkopf fliegt. Da im Durchschnitt alle 10 Minuten eine startet, entwickelt das (trotz ursprünglicher Nützlichkeit für alle in den betroffenen Gebieten) makaberer Weise einen ähnlichen Effekt wie z.B. Facebook-Notifications auf dem Smartphone. Und ja, die App ist in Planung. Klar.

Die ständige Attacke des Krieges als tödlicher Wecker der Daten mag sich schnell in diese Gefühlswelt zwischen aufgescheuchter Panik und überfluteter Gelassenheit einreihen, die Notifications eben so verursachen, aber das Bild dürfte prägend sein für die Zukunft der Kriege. Dabei sein durch Daten, die interaktive Karte, das animierte Echtzeit-Risiko (zumeist ohne Risiko). Einerseits detailliert konkrete Information über die vernichtendsten aller Kommunikationsvorgänge, andererseits abstrakte Layer einer Weltsicht, die in ihrer Präzision und Aktualität dem Geschehen vor Ort eine unheimliche Praxis zuschreiben, deren Nebeneffekt eine neue Art Interaktion mit Krieg ist. Bombe als Service. Krieg als App.

Oder, um El-Nasire, einen der Entwickler zu zitieren: “Es war eigentlich ganz einfach; nur eine Frage der Mathematik. It’s not rocket science … so to speak.”

PS: natürlich ist die Webseite selbst eine Kriegszone geworden.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

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