Dezente Irritation über einhellige Begeisterung schön präsentierter Halbwahrheiten.

Ja, ich bekenne, ich habe diesen Artikel auch gelesen. Nicht geteilt, nicht geliked, könnte ja was schlimmes passieren. Ihr wisst wovon ich rede. Der “Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt”-Artikel über Cambridge Analytica und Trump.

Der reiht sich im Gestus nahtlos in eine Folge anderer Artikel ein, die der eigenen Post-Trump-Hilflosigkeit tröstende Erklärungsmuster anbieten. Die Medien sind schuld mit ihrer freiwilligen rund um die Uhr Trump-Berichterstattung. Clinton ist schuld! Facebook ist schuld! Fake News sind schuld! Russland, äh, sorry, Wikileaks ist schuld! Oder, meine Lieblingstheorie: Detroit ist schuld! Ihr wisst schon, diese faulen “inner city” Wähler, wie Trump sie nennt, die Michigan rot haben werden lassen.

So sehr ich die Story als Story hinter dieser “Bombe” genießen kann, auch wenn ich das polit-big-data-thrillerhafte aber eher lifestylig finde, es gibt ein paar Dinge an diesem Artikel, die mich so sehr nerven, dass es selbst jenseits der paarKorrekturen” die es im Netz schon gab, vermutlich noch mehr Randbemerkungen braucht, um aufzuzeigen, warum die Story viel brüchiger ist, als der Bombenartikel nahelegt und auch warum die einhellige Begeisterung über den Artikel in mir irgendwie vor allem Unbehagen auslöst.

Fangen wir an mit diversem Kleinkram, der da so nebenbei fallen gelassen wird.

Lange war nicht ganz klar, wozu diese Daten gut sein sollen – ausser dass in unserem Facebook-Feed Blutdrucksenker beworben werden, weil wir grad «Blutdruck senken» gegoogelt haben.

Ein Artikel der die Geheimnisse hinter dem Big Data Wunder hinter Trump beleuchten will, fast möchte man sagen den Big-Data-Swindle dem wir alle dank durchleuchteten US-Wählern erlegen sind, behauptet sowas einfach. Kurz zurücklehnen. Es gibt zwei Monsterfirmen im Internet, deren Businessmodell Anzeigen sind. Google und Facebook. Die sollen also ihr eigentliches Kapital, das was sie über uns wissen, schlichtweg so nonchalant miteinander teilen. Klar! Wenn es irgendwo eine Firewall von persönlichen Daten gibt, dann zwischen Facebook und Google. Das ist so das Einmaleins der alltäglichen Internetüberwachung.

Warum man so einen “Nebensatz” nicht mal eben als scherzhaft-übertriebenen Einwurf gelten lassen kann, wenn es um das Thema Überwachung geht, sollte eigentlich jedem einleuchten, denn das ist genau die Methode wie aus gefährlichem Halbwissen am laufenden Band krude Verschwörungstheorien gestrickt werden. Etwas das ich dem Artikel selbst allerdings nicht vorwerfen würde.

Doch rücken wir mal etwas näher ran, an die zentraleren Aussagen.

Bisher, so Nix, seien Wahlkampagnen nach demografischen Konzepten geführt worden, «eine lächerliche Idee, wenn Sie drüber nachdenken: Alle Frauen erhalten die gleiche Nachricht, bloss weil sie das gleiche Geschlecht haben – oder alle Afroamerikaner, wegen ihrer Rasse?» So dilettantisch arbeitet das Kampagnenteam von Hillary Clinton, das braucht Nix hier gar nicht zu erwähnen, es unterteilt die Bevölkerung in vermeintlich homogene Gruppen – genauso wie all die Meinungsforschungsinstitute es taten, die Clinton bis zuletzt als Gewinnerin sahen.

Hier bekommt man den Eindruck Nix (Supername!) verkauft dem Autor nicht nur seine eigene Überlegenheit, nein, der Autor des Artikels übernimmt sie auch gleich unterwürfig (gut gelaufen mit der Werbung) für ein völlig unsinniges noch weiter gehendes Argument gegen das “dilletantische” Clinton-Kampagnenteams. Wer Big Data und Wahlen auch nur mit einem halben Auge in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird wissen, dass selbst Obama schon höchst präzise Informationen über einzelne Wähler hatte, die sogar in eine App gegossen waren, mit der ausgestattet die Wahlkämpfer an Türen klopfen konnten und damit wussten, was die Vorlieben des jeweils angesprochenen potentielle Wählers waren, um so ihre Strategie, diese Person zur Urne mit der “richtigen” Entscheidung zu treiben, mit genau den richtigen Worten optimieren zu können. Feedback inklusive. Kommt euch bekannt vor? Ja, es ist genau das, was später im Artikel als radikal beschrieben und als irgendwie genuine Neuigkeit von Cambrige Analytica präsentiert wird.

Und die Massnahmen der Firma sind radikal: Ab Juli 2016 wird für Trump-Wahlhelfer eine App bereitgestellt, mit der sie erkennen können, welche politische Einstellung und welchen Persönlichkeitstyp die Bewohner eines Hauses haben. Wenn Trumps Leute an der Tür klingeln, dann nur bei jenen, die die App als empfänglich für seine Botschaften einstuft. Die Wahlhelfer haben auf den Persönlichkeitstyp des Bewohners angepasste Gesprächsleitfaden bereit. Die Reaktion wiederum geben die Wahlhelfer in die App ein – und die neuen Daten fliessen zurück in den Kontrollraum von Cambridge Analytica.

Microtargeting in allen Formen ist seit langer Zeit schon Teil jeder Wahlstrategie in den USA. Es gibt sicherlich neue Dinge, an dem was CA tut. Viele davon aber hängen auch schlicht damit zusammen, was z.B. Facebook solchen Firmen erlaubt. So ist der Abgleich eigener Daten (bspw. Wählerinformationen) mit den Personen auf Facebook ein relativ neues und extrem effizientes Feature, das 2013 erst eingeführt wurde. Dass Clinton nicht auch bei Acxiom Daten eingekauft hat, darf man aus verschiedensten Gründen bezweifeln.

Kurzer Exkurs für US-Wahlanfänger zur Erklärung warum diese spezielle Art von App getriebenem Microtargeting auch vorher schon funktioniert hat. Es mag toll sein, dass man mittels Facebook-Likes mit 85%-iger Wahrscheinlichkeit (auch so eine unverbundene Randinfo aus dem Artikel) feststellen kann, ob jemand nun Republikaner oder Demokraten wählt. Dass dies aber keine so große Leistung ist, dürfte klar werden, wenn man weiß, dass US-Wähler bei ihrer Registrierung zur Wahl gerne auch gleich ihre Parteizugehörigkeit freiwillig abgeben. Und die ist dann öffentlich zugänglich. Das ist aus unseren Vorstellungen über Wahlen heraus ein ziemlich obskures Feature, aber wer mal eine Folge von West Wing gesehen hat, wird wenigstens die Begriffe “registered democrat” oder “registered republican” kennen, die man nicht mit einem wesentlich privatsphäreaffinen Parteibuch verwechseln sollte.

Man sollte sich auch gar nicht erst auf die Voodoo-Aspekte von OCEAN-Profilen einlassen, oder etwa im Kaffesatz der eigenen Applymagicsauce-Ergebisse heraussuchen, warum Detail X dieser omninösen Aussage: “Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben” ziemlich eindeutig widerspricht, denn es steht irgendwie ausser Frage, dass man enormes Wissen über Motivationen Einzelner aus der Akkumulation diversester Daten herausfischen kann, die dann eben auch mit-wahlentscheidend sein können. Es steht auch ausser Frage, dass die Trump-Kampagne Twitter und Facebook vorbildlich zu einer Waffe hochgetrimmt haben.

Es sind andere Dinge am Artikel, die einen irgendwie aufhorchen lassen, ob da nicht jemand dem logischerweise kapitalförderndem Größenwahn einer Firma aufgesessen ist, nur um dies dann, als Gefahr für den eher kulturell geneigten Konsumenten verkleidet, weiterzuverkaufen.

In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five…

So einfach ist das laut dem Bomben-Artikel. Dass die Big-Five Theorie ziemlich umstritten ist, diverse Konkurrenz anderer ähnlich gelagerter Modelle hat, vermutlich eher für Daten-Analysen als für Persönlichkeitsanalysen taugt, und – nunja – Teil einer Wissenschaft ist, in der das Wort “Nachweis” eher mit einer gewissen Vorsicht gehandelt werden sollte, wird nicht mal erwähnt. Wer wirklich wissen will, woher das “zum Standard geworden” des Satzes oben kommt, dem empfehlen wir die deutsche Wikipedia-Version des Big Five” Artikels, der sämtliche Kritik an dem Modell – anders als der englische – auslässt.

Diese dezenten Halbwahrheiten im Artikel, die wir mehr und mehr in einem Mangel an kritischer Distanz zu den Aussagen der Protagonisten – und einem gewissen Willen die Story stimmiger zu machen – begründet sehen, gehen, wenn man sie erst mal sucht, immer weiter.

Brexit. Diese fiesen Cambridge Analytica Typen haben uns also auch das eingebrockt?

Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix.

So steht das da. Fakt! Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter. Ja, leave.eu hatte irgendwann Cambridge Analytica angeheuert. Aber haben die auch viel für den Brexit gearbeitet oder ist, wie Wired schon meldete, als Trump CA anheuerte, letztendlich aus der Zusammenarbeit gar nichts geworden?

An agreement announced late last year collapsed under budgetary constraints, the source says. That hasn’t stopped journalists from crediting Cambridge with working on Brexit, nor has it prompted the company to set things straight. “We’ve never perpetuated anything positive or negative about our involvement,” Nix says.Wired

Trotz der vielen Headlines, die eine schnelle Internet-Recherche zum Thema Brexit Sündenbock passenderweise ergeben mag, ist das nicht alles eher der Stoff aus dem eigentlich Fake-News gemacht werden?

Diese Tendenz zur bedeutungsschwangeren Schwammigkeit zieht sich als Prinzip durch viele scheinbar unschuldig wirkende, Filterbubble massierende Passagen des Artikels.

In sogenannten dark posts, das sind gekaufte Facebook-Inserate in der Timeline, die nur User mit passendem Profil sehen können, werden zum Beispiel Afroamerikanern Videos zugespielt, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als Raubtiere bezeichnet.

Wer weiß jetzt was “dark posts” auf Facebook sind, abgesehen davon, dass die unheimlich klingen und irgendwie fies sind? Ich nicht, hab ich aber nachgeschlagen. Alle gesponsorten Posts auf Facebook, d.h. wenn jemand mehr Verbreitung für seine Posts kauft, kann man auf Nutzerprofile anpassen. So ist das einfach. Das macht sie nicht dark. Dark heißt in dem Zusammenhang schlicht und einfach, dass sie auf der Page, von der sie ausgehen, verborgen sind, damit die Page nicht ganz so spammig aussieht und Nutzer zu oft ihr Like entziehen. Puh. Dark!

Die Passage davor ist auch relativ interessant und wird gerne weiter zitiert, mittlerweile bin ich aber soweit, ihr nur noch unter Vorbehalt zu glauben, wie – leider – vielen Sätzen in diesem Artikel generell.

Am Tag der dritten Präsidentschaftsdebatte zwischen Trump und Clinton versendet Trumps Team 175 000 verschiedene Variationen seiner Argumente, vor allem via Facebook. Die Botschaften unterscheiden sich meist nur in mikroskopischen Details, um den Empfängern psychologisch optimal zu entsprechen: verschiedene Titel, Farben, Untertitel, mit Foto oder mit Video.

Haben sie, oder haben sie nicht? Ich vermute jein. Es ist nicht klar herauszulesen, ob diese Information aus einem Gespräch mit Nix stammt, oder aus einem Video. Wir vermuten mal forsch, sie stammt aus einem (anderen) Wired-Artikel.

On the day of the third presidential debate in October, the team ran 175,000 variations. Coby calls this approach “A/B testing on steroids.” The more variations the team was able to produce, Coby says, the higher the likelihood that its ads would actually be served to Facebook users.

“Every ad network and platform wants to serve the ad that’s going to get the most engagement,” Coby says. “The more you’re testing, the more opportunity you have to find the best setup.”
Wired

Hier klingt das allerdings nicht so, als wären die 175.000 Variationen genau auf jedes denkbare Persönlichkeitsprofil zugeschnitten und angepasst worden (was ja auch wieder minimum 170.000 verschiedene Anzeigeneinstellungen bei Facebook erfordert hätte), sondern als Test gelaufen, um herauszufinden, welche davon am häufigsten geclickt werden.

Das allein ist schon sensationell genug, aber taugt natürlich irgendwie weniger für die Story an sich, dass wir (die US-Wähler im Geiste) bis ins Mark durchleuchtet und mit einem nahezu perfekten fünfdimensionalen Fadenkreuz aus OCEAN-Lettern anvisiert werden.

All diesen Einwänden zum Trotz, ja, Microtargeting mit einer gewissen Psyops-Konnotation spielte im US-Wahlkampf sicher eine große Rolle. Ist es aber eine Bombe, die unfehlbar unsere geliebte westliche Zivilisation vernichten wird, so wie manche nach dem Lesen des Artikels zu glauben scheinen? Unwahrscheinlich.

Auch weil eben so viele Schuldige (s.o.) schon identifiziert worden waren, die sicherlich alle ihren Anteil am Phänomen Trump haben, das man wohl am besten als “perfect storm” bezeichnen könnte.

Zur weiteren Info empfehlen wir noch die sehr detailreichen und fein nerdigen Analysen von Jonathan Albright zu diversen Datenaspekten der US-Wahlen, von dem es auch einen Artikel über Cambridge Analytica gibt. Auch gut der Bloomberg Artikel über Steve Bannon und das ebenso spannende Government Accountability Institute.

2 Responses

  1. Thomas

    Die berechtigte – wenn auch ihrerseits durchaus subjektive – Kritik an dem Stil des benannten Artikels, der zweifellos einen Aspekt als “die Wahrheit” hinter der Wahl Trumps präsentiert, in Ehren wird meiner – per Definition ebenfalls subjektiven – Meinung nach das dort angesprochene Thema immer noch weit unterschätzt. Das Ausmaß an Daten, das über Individuen zugänglich ist, wenn auch evtl. in anonymisierter Form, und die Möglichkeiten, diese völlig legal zu zweifelhaften Zwecken, welcher Art auch immer, zu nutzen, übersteigen mittlerweile bei Weitem alle wünschenswerten Grenzen. Das in dem Artikel beschriebene Einsatzfeld von “Big Data” und die Anwendungsmöglichkeiten, die dort meiner Meinung nach eher untertrieben als übertrieben sind, bietet dafür ein greifbares Beispiel.

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