Zu schön, um wahr zu sein, oder das Netzwerk mit Zukunft?

Seit ein paar Wochen gibt es immer wieder Wellen von Begeisterung und Ernüchterung rings um das neue soziale Netzwerk Ello.

In den letzten Tagen soll es sichtlich explodiert sein, was manche auf die Auswanderung der LGBT-Community zurückführen, die von Facebook ja gerade blödsinnige Ausweisungsstempel verpasst bekommt, falls jemand es wagen sollte, nicht den “bürgerlichen Namen”, sondern die selbstgewählte Gender-Identität zu nutzen. Manche – nüchterner – schieben es auf die neuen Invites, die Ello-Nutzer gerade bekommen haben. Doch erst mal einen Schritt zurück, was ist, für alle die nicht “drin” sind, Ello?

Ello ist ein soziales Netzwerk, das gerade noch mitten in den ersten Schritten der Aufbauphase ist. Nicht gerade voll mit Features. Kommentare sind erst vor einer Woche oder so hinzugekommen, Videos, Soundcloud-Embeds, selbst Notifications stehen immer noch an. Gegründet von diversen Designern, Künstlern und Programmierern klingt Ello in der “About”-Sektion erfrischend unbekümmert und wirklich wie das Netzwerk der Guten.

Keine Werbung, Idealismus der Macher, kein Verkaufen von Daten an Agenturen, sehr datenschutzfreundlich, selbst was die interne Datenpolitik betrifft. Selbst das standardmässig anonymisierte Google Analytics kann man ausschalten, Kommentierfunktionen auch, man kann sich für die Außenwelt unsichtbar machen und wenn man seinen Account löscht, löschen sie alle Daten. Ein Traum im Vergleich zu anderen Netzwerken. NSFW-Freundlichkeit inklusive und obendrein hat es auch noch ein so hübsch reduziertes Design, dass es irgendwie ein wenig mehr an Tumblr erinnert.

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Und wie wollen sie Geld verdienen? Das kostet doch sicher was. Ello will für alle umsonst sein, aber in Zukunft Bonus-Features verkaufen. Welche genau das sind ist unklar. Freemium ohne Werbung. Was sie nicht sagen, ist, dass Ello natürlich auch nicht einfach so aus rein humanitärer Aufopferung für das Gute entstanden ist, sondern von der üblichen Venture-Kapital-Finanzierung zum Start 435.000 Dollar bekommen hat. @waxpancake erklärt in einem für viele recht erleuchtenden Post, was genau das bedeutet. Das investierte VC-Geld soll irgendwann mit dufter Rendite zurück kommen. Wenn nicht durch die Einnahmen, die Ello macht, dann durch einen Verkauf des gesamten Netzwerkes an Google, Facebook, Yahoo, wen auch immer. @waxpancake, aka Andy Baio von waxy.org, vermutet, ein paar Monate haben sie noch, dann muss schon wieder mehr Geld aufgetrieben werden (beim derzeitigen Hype mehr als wahrscheinlich), aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem herauszufinden ist, wie Ello Geld für die dann immer drängelnderen Investoren macht. Die Gründer antworten auf solche Fragen mit einem etwas schwammigen: wenn wir unsere Versprechen nicht halten können, dann steigen wir aus und die User würden es auch tun.

Die Stimmen rings um die Zukunft von Ello werden rasant vielfältiger in diesen Tagen. @quinn stellt auf Ello ähnliche Fragen, mit etwas mehr Hoffnung für die Zukunft. Und die etwas schnell ad acta gelegte Idee, sich vielleicht auch über staatliche Finanzierung zu tragen, könnte tatsächlich ein Modell vor allem in Europa sein. Betabeat entwickelt sich schon zu einer Art heimlichen Pressesprecher von Ello in einer ganzen Serie von Artikeln, die voller Empathie sind, Wired hingegen schreibt es gleich ganz ab.

Wird Ello eine Zukunft haben ist eine Frage, die sich auch bei jeder persönlichen Aktivität auf einer neuen Social Network Plattform für den User stellt. Investiere ich da meine Zeit? Vertraue ich drauf, dass die heren Ziele am Ende auch übrig bleiben und ich nicht wieder mit dem gesamten Anfangs-Vernetzungs-Schmerz woanders anfangen muss? Und vor dem kommt sogar noch die Frage: wird es auch groß genug, damit eine irgendwie sinnvolle Zahl von Freunden dort ein Gefüge erzeugt, in dem man sich einfach gerne aufhält?

Andere Kritikpunkte fügt Not Your Ex/Rotic auf. Dank der eher spärlichen Features ist Ello eben noch kein ideales LGBT-Netzwerk, wie öfter herbeigeredet wird, da es bis auf einen Abuse-Account wenig Möglichkeiten bietet, sich vor Übergriffen zu schützen (und Porno ist auch offiziell raus). Soll alles kommen, verspricht Ello natürlich. Und man kann es schon als Erleichterung empfinden, dass ein Netzwerk mal in diesem Punkt zuhört und sich auf die User einstellt. Die basteln sogar extra eine LGBT-Ello-Gif als Willkommensgruß.

Vielleicht ist es aber schlichtweg noch viel zu früh, sich die Frage über die Zukunft von Ello zu stellen, denn bislang ist es ja nicht nur immer noch in der Invite-Only-Phase, sondern noch dabei die Grundfunktionen zusammenzuschrauben, die man zurecht von jedem sozialen Netzwerk erwartet. Vielleicht ist jetzt wirklich erst die Zeit dafür, sich in Ello einzufühlen, zu sehen wie es da sein könnte und nebenher Träume davon zu entwickeln, was ein wirklich besseres Netzwerk wäre, denn auch das lohnt sich im Nachhinein als ideelles Kapital.

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One Response

  1. martin

    Diaspora als dezentrales Netzwerk als solches ist nicht schlecht. Die User macht das Netzwerk aus. Doch von denen sind gut 70 bis 80 prozent extrem Links gerichtetet. Zumindest wenn man deren Psotings aufmerksam liest und auch die Kommentare dazu verfolgt.
    Kurz gesaat, wer z,B. kritisch zum Thema Ausylanten oder Einreisende aus Ländern welche stark Ebola gefährdet sind, äussert, wird schnell mit dem Label neo NAZI gekennzeichnet.

    Und überhaupt, Anti Deutsch Parolen liest man dorz zu hauf. Weil Deutschland ja so Pöse zu Migranten ist und Flüchtlinge angeblich wie Dreck behandelt. Dispora, ein Eldorado und Treffpunkt für arbeitslose berufs Demonstranten mit akademischem Bildungsstand.

    Das Dispora Netzwerk besteht meiner bescheidenen Meinung nach schlichtweg aus geistigen Duennschiß !

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