Soundcloud als "normaler" Streaming-Service in den USA wirft viele Fragen auf

Nicht selten haben Leute Probleme mit Soundcloud. Sie laden ihre Tracks hoch, das System erkennt irgendetwas, dessen Rechte irgendwem gehören sollen, dann gibt es eine beängstigende Warnung und die neue Musik, die man alle hören lassen wollte, ist wieder offline. Gelegentlich entstanden diese Probleme aus dem Missverständnis, dass man auf Soundcloud tatsächlich DJ-Mixe hochladen dürfe, denn auch wenn diese extrem verbreitete Praxis eher in einem großen Grauraum der Duldung als “ok” galt, wirklich erlaubt war das nie. Manchmal aber drehte obendrein der Algorithmus auch noch komplett durch.

Dieses Grundproblem zwischen User-Wahrnehmung und Rechtslage ist Soundcloud jetzt endlich angegangen und hat Verträge mit allen großen Majorfirmen zusammengezimmert. Das Ergebnis: Soundcloud Go. Ein Streaming-Service der besonderen Art, der zunächst mal wie das gewohnte Soundcloud aussieht, tatsächlich aber alles verändert. Ob und wann diese Veränderung bei uns ankommt, steht in den Sternen, aber möglich wäre es, auch wenn selbst Seiten wie YouTube es konsequent nicht hinbekommen, sich hierzulande mit den zuständigen Stellen zu einigen.

Aber was ist Soundcloud Go genau?

Ein Streaming-Abo wie alle anderen (9,99$) aber auch ganz anders. Denn zusätzlich zu den Pop-Tracks der Großen bleibt der Pool der über 100 Millionen Tracks, Remixe, “Mashups” (gibt es die noch?), DJ-Sets etc. erhalten. Genaugenommen ist das Add-On der “offiziellen” Popmusik für genau diese Tracks überhaupt erst entstanden, denn es soll ja nun alles gehen dürfen. Wie sehr die Verträge mit den Major-Firmen die bislang übliche Praxis allerdings nicht nur halten, sondern verbessern und legalisieren können, muss man im Laufe der Zeit erst mal sehen, aber auch die Aufnahme von DJ-Sets bei Apple Music zeigt, dass sich hier langsam eine grundlegende Veränderung breit macht.

Wie im Hintergrund die Gelder der neu gewonnenen Abonnenten verteilt werden, kann man nur ahnen. Welche Möglichkeiten Künstler haben, an diesem Pool beteiligt zu werden, wenn sie nicht zu den diesen Mediakonglomeraten gehören, ebenso, aber ein wenig Einblick bekommt man jetzt schon als User und das ist eher verwirrend.

Bislang scheuten viele Künstler der Majorfirmen vor Soundcloud zurück, oder setzten es gezielt für ein paar wenige Tracks ein. Jetzt soll der “Katalog” auch dahin transportiert werden. Also testen wir mal die “grand dame” der Streamingverweigerer, Taylor Swift.

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In Deutschland ist auf dem offiziellen Taylor Swift Soundcloud Account nichts zu sehen. Deshalb hat sie auch weniger Follower als DJ Hotzenplotz aus dem Erzgebirge. Aber die Anzahl der Tracks deutet schon an, dass da was ist. 197 Tracks von Taylor Swift. Ok. VPN anwerfen, mal aus den USA kommen. Geofencehopping ist ja Volkssport.

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Siehe da, da sind sie, die Taylor Swift Tracks. Nicht die Aktuellsten, aber könnte sein, dass sich das noch ändert, denn Soundcloud sagt selbst, dass das Updaten der Datenbanken um so viele Stücke sich ein paar Tage hinziehen kann. Allerdings, und jetzt wird es “interessant”: die Tracks sind als “PREVIEW” markiert, d.h. man kann nur einen geringen Teil davon hören, es sei denn, man hat ein “Soundcloud Go” Abo. Auf der Soundcloud-Webseite selber ist das alles nicht tragisch, denn für User außerhalb der USA wird dieser Kram einfach ausgeblendet, aber was passiert wenn man diese Songs nun irgendwo einbettet, oder auf einen Link geclickt hat?

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Man kommt auf eine Seite, die einen darauf hinweist, dass dieser Sound nicht in Deutschland “available” ist. Das wird nerven, falls man zu viele Freunde in den USA hat, oder Soundcloud Go sich weiter verbreitet und am Ende nur auf der Insel BRD nicht stattfindet. Aber wir sind das gewöhnt von YouTube.

oops

Eingebettet erscheint das “ooops”, dass wir von manchen Soundcloud-Tracks schon kennen, ein fliegender Landeswechsel macht daraus dann ein 30-Sekunden PREVIEW. Wir können Snippets zwar generell nicht leiden, aber problematischer dürfte sein, dass manche Tracks, die bislang für alle in den USA hörbar waren, jetzt samt der in der Timeline versteckten Kommentare zu bestimmten Stellen, hinter der “Soundcloud Go”-Paywall verschwinden.

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Das dürfte im Einzelfall die Entscheidung der Künstler selbst sein (oder deren Social Media Manager) und damit zusammen hängen, dass die Auszahlung bei Hörern die zahlende Abonnenten des Services sind, um ein vielfaches höher ist, als die “normaler” Nutzer. Als nichtzahlender Spotify-“Kunde” allerdings kann man das Stück z.B. komplett hören. (Nein, haben wir in dem Fall nicht gemacht).

Mag sein, dass die Spotify-Werbeabteilung irgendwie besser läuft, mag sein, dass es einfach ein akzeptiertes Modell für Spotify ist, aber nicht für einen neuen Service, vielleicht ist es auch dem eher automatischen Import der Musik-Bibliotheken geschuldet, die automatisch erst mal als PREVIEW importiert werden, aber es dürfte den jeweiligen Künstlern nicht gut tun, plötzlich auf Soundcloud als Snippet-Verfechter zu gelten und die User, die nicht zahlen, sind obendrein auch noch so erbost, dass es schwer sein wird, sie umzustimmen jetzt (in Einzelfällen) für etwas zu zahlen, für das sie früher nichts ausgegeben haben.

Übrigens werden auch bisher zahlende Soundcloud-Nutzer (Unlimited Pro) für Soundcloud Go zahlen müssen. Die Hälfte in den ersten 6 Monaten. Und das, obwohl nicht sicher gestellt ist, dass sie an den Tantiemen mit ihren Stücken beteiligt werden. Jedenfalls solange die Aufnahme in den “Premier”-Account nicht für alle offen steht, sondern nur auf Einladung. Zur Zeit würde uns nicht wundern, wenn es jetzt für eine Weile erst mal der große nom-de-guerre Vorwurf einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Netz laut wird.

Dass der Übergang von Soundcloud von einem Netzwerk aus Producern des “Undergrounds” zu einem Streaming-Service nicht ohne Schmerzen von statten gehen würde, war klar. Ob diese Schmerzen allerdings jetzt nur bestehende verstärken, oder ob Soundcloud doch die Gradwanderung hinbekommt, aus den verschiedensten Nutzerszenarien und -Bedürfnissen etwas zu gestalten, dass mehr für alle bedeutet bleibt abzuwarten.

Bislang wirkt es noch so, als hätte Soundcloud, die Jahre auf diese Verträge mit den Major-Firmen hingearbeitet haben, jetzt nachdem Sony als letzter unterzeichnet hatte, etwas schnell den Schalter umgeworfen und dabei ein paar Dinge zu viel im Dunkeln gelassen.

Hoffen wir mal, dass Eric Wahlforss sein in einem Wired-Interview formuliertes Ziel in den folgenden Monaten wirklich umsetzen kann.

“A lot of people might think,” Wahlforss says, “‘Oh, they’re getting further away from their path.’ But actually this gets us very much closer to our vision. And it’s very positive for DJs.”

2 Responses

  1. Werner

    175 Millionen Nutzer hat Soundcloud angblich. Da wäre es natürlich schön für seine Tracks etwas zu bekommen.

    Für die meisten Künstler, die bisher Soundcloud für ihre Musik genutzt haben, dürfte es wohl kaum von Bedeutung sein.
    Wenn man dafür erst eingeladen werden muss, um dann, wie ich auch an anderer Stelle lesen konnte, auch noch dafür zahlt damit die man an den Einnahmen durch die Abonennten beteiligt wird, klingt das ersteinmal nicht sehr vielversprechend.

    Es ist wohl nur für eh schon bekannte Künstler relevant bzw. interessant.
    Aber warum sollten ausgerechnet die in großer Zahl ihre Tracks bei Soundcloud zum hören bereitstellen. Schließlich sind diese Künstler sowieso schon an anderer Stelle präsent zum Beispiel bei Apple Music oder Spotify.

    Wie man lesen kann scheint es auch Porbleme mir den automatischen Playlisten die ähnliche Musik zusammenstellen zu geben. Es werden mit ihnen wohl nur wenig offizielle Tracks abgespielt, sondern vor allem von Usern hochgeladene Songs, komplette Alben sollen auch noch nicht zu finden sein und die gesamte Auswahl ist wohl noch nicht sehr umfangreich. Das wird sich wohl noch ändern, aber insgesam wirkt es etwas unausgereift…

    Ich bin gespannt wie es weitergeht!

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