Auf der Suche nach der Wahrheit in manipulierbaren Medien am Beispiel von MH17

Erinnert sich noch jemand an dieses Flugzeug von Malaysia Airlines, MH17, das mitten im ukrainischen Kriegsgebiet Leichen über einem Dorf verteilt hat? Vermutlich ja. Die Untersuchungen dauern – sofern man in einem Kriegsgebiet überhaupt etwas untersuchen kann – noch an.

Unter den endlosen Pseudobeweisen für Schuld der einen oder anderen Seite gab es unter anderem ein Video, das zeigen sollte, dass dieses Buk System, das im Verdacht steht, die Menschen des Fluges abgeschossen zu haben, kurz nach dem Abschuss mit einer Rakete weniger auf dem Weg heim nach Russland war. Einer der Hauptbeweise wenn es darum ging, herauszufinden wer überhaupt für dieses Unglück verantwortlich war.

Aber die Lage ist kompliziert. Kein Mensch wusste (da Beweise in Kriegsgebieten wie der Ukraine nicht selten über Social Media kommen), ist das echt, ist das Propaganda, hat das wer zusammengefusselt, was zeigt es überhaupt wirklich.

Während es bei klassischen Medien dieser Tage, egal ob aus dem “Westen” oder dem “Osten”, meist bei einem kurzem Statement bleibt, gibt es, ist echt, gibt es, ist fake, oder schlimmstenfalls, “gibt es, ist es echt echt?”, machen sich manche Menschen irgendwie die peinliche Mühe näher hinzusehen. Und das sind nicht nur die Verschwörungstheoretiker, die in einem Pixel das Gesicht Gottes finden können. Es gibt nämlich in der Tat ein recht häufiges Versäumnis der (nein nicht westlichen, schon gar nicht System-Medien, oder ähnlicher Blödsinn, nennen wir sie einfach…) klassischen Printmedien mit Online-Anhang. Im Zuge des Abarbeitens und sanften Umtextens von Reuters-Meldungen etc. vergessen sie nicht selten, wenn es um Dinge aus Twitter-, YouTube- oder Facebook-Welten geht, auch hier ist investigativer Journalismus möglich.

Im speziellen Fall dieses Videos war, ganz zur Freude der Putin-Kawaii-Posse, der Erste der näher hinsah, Russland. Da war eine Werbung im Video abgebildet, für einen Autohändler oder so, der wohnt im von der Ukraine beherrschtem Gebiet, also musste das Video laut russischer Staatslogik fake sein oder zumindest beweisen, dass es sich um ein Buk-System des ukrainischen Militärs handelt. Das betonte sogar – unwidersprochen, weil keiner eine Ahnung hatte – der Gesandte der Russischen Botschaft, Oleg Krasnitskiy, bei Anne Will. Und gilt auch heute noch in den einschlägigen Kreisen als einer der Hauptbeweise, warum nicht die Separatisten, sondern die Ukraine Schuld am Abschuss von MH17 ist.

Nahezu unwidersprochen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt sich längst jemand mehr Mühe gemacht hatte, herauszufinden was dieses Video nun wirklich zeigt. Bei Interpretermag, Bellingcat und dem Umkreis des Open Newsrooms von Storify werden nämlich genau solche Dinge ernst genommen.

Da ist also eine Werbung auf einem Plakat. Lass uns doch mal anrufen und nachfragen wo diese Werbung überall geschaltet wurde. Journalistisches 1×1, sollte man denken, wenn es um so harte Fakten wie einen Killerabschuss wie den von MH17 geht. Genau das haben sie dann auch getan, nicht etwa die Traditionszeitung XYZ, und dabei eine Menge Daten bekommen, diese verglichen mit möglichen Positionen auf Google Streetview, anderen Fotodaten und social Media Zuspielungen, und am Ende herausgefunden, dass es sich eigentlich nur um eine Kreuzung handeln kann. Die ist allerdings mitten in Lugansk. D.h. im Separatistengebiet. Ja, liebe russische Botschaft, liebe Anne Will, manche Menschen schalten Werbung auch nicht direkt neben ihrem Laden.

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Nun ist Interpretermag nun wirklich nicht die unschuldigste Quelle, da sie über direkte Querverbindungen mit dem Ölkonzern Yukos verbunden sind, der soeben 50 Milliarden Entschädigung von Russland zugesprochen bekommen hat, wie sie zumindest offen zugeben, aber zumindest hat sich mal jemand die Mühe gemacht, hinter die offensichtlichsten Fakten zu sehen. Und andere haben eben diese Nachforschungen auch noch gründlich überprüft.

Und dann hat obendrein Paris Match dieser Tage ein weiteres Foto von dem Konvoi veröffentlicht, auf dem schon wieder eine Telefonnummer war. Und auch hier hat der Open Newsroom von Storify angerufen, festgestellt, dass der Laster dem Inhaber von russischen Separatisten entwendet wurde und auch hier die Position der Route zurück nach Russland entspricht. Und ja, für die Geolocation werten die natürlich standardmässig die EXIF-Daten solcher Bilder aus, von denen sie die Originale immer anfragen. Ein Mangel an Einsendungen bei Fotoforensics gilt in diesen Kreisen eh immer schon als ein schlechtes Omen.

Warum sich sonst so selten in der Presse (und nein, damit meinen wir nicht die höchst amüsante russische Propaganda Maschine) jemand Mühe macht, diese nicht gerade schlimm komplexe Art von investigativem Journalismus in Verbindung mit Daten-Forensik als Grundregel zu pflegen, ist uns auch ein Rätsel, denn ja, social Media produziert dieser Tage nun mal unverhofft oft Quellen. Sehr viel der Verschwörungs-Rhetorik könnte einem so doch erspart bleiben.

Die Komplexität mit der solche Untersuchungen an diversen Stellen stattfinden, verbunden mit der Vorsicht vor Aussagen, die statt einem “der wars, nein, der wars, nein, der da bestimmt” immer eher ein “wir glauben mit großer Wahrscheinlichkeit sagen zu können, dass” vorziehen, ist allemal eine Erfrischung im derzeitigen sozialen Kriegsdiskurs.

PS: Anmerkung für alle die die Separatisten-Führer nicht per se für ultranationale rechtsradikale Spinner halten, nein, wir denken auch nicht, dass mit solchen Untersuchungen letztendlich handfeste Beweise geliefert werden, die den Abschuss von MH17 ein für alle mal klären, aber zumindest befreien sie einen ein Stück weit von der Banalität der Pseudobehauptungen und diversem Verschwörungsblabla. Bilder und Videos sind immer manipulierbar. Deren Interpretation sollte zumindest nicht noch einfacher manipulierbar sein, als es wirklich sein muss.

5 Responses

  1. Tai Ginseng

    Zeichensetzung, Satzstellung: 6. – Artikel ungenießbar.

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  2. Theresa

    Oh Mann, jedes Mal bei diesem Autor freue ich mich über so gute Ansätze/Headlines, um dann nach zwei Dritteln angesichts des wirren, schlechten Schreibstils total entnervt aufzugeben. Das liest sich echt außergewöhnlich scheiße! Habt Erbarmen! Sascha Kösch braucht unbedingt einen Redakteur und ‘n roter Faden wär auch nicht verkehrt.

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