Musicboard übernimmt die Berlin Music Week unter dem blöden Titel Pop=Kultur im Berghain

Vorbemerkungen…

1. Nichts gegen das Musicboard, diese überfällige Förderung von Events, Künstlern und sonstigen Sympathieträgern hier in der Stadt. Auch wenn man sie durchaus aus den verschiedensten Gründen kritisieren könnte, ist dafür hier jetzt weder die Zeit noch der Ort.

2. Katja Lucker, die Musikbeauftragte von Berlin, unter deren Leitung das Musicboard läuft, ist auch eine Gute, wie ich neulich mal bei einem Panel während der Berlin Music Week feststellen konnte.

Aber, aber ne, aber echt jetzt? “Pop=Kultur” soll die Berlin Music Week ab 2015 heißen. Ich hab nicht die geringste Vorstellung davon wieso, dass sie vom Musicboard übernommen wird leuchtet irgendwie schon eher ein.

Wie soll ich das lesen? Pop ist gleich Kultur? Kultur ist gleich Pop? Was nicht Pop ist ist keine Kultur? Nein, da hilft auch kein Hinweis auf den vulgär Diederichsianismus “Alles ist Pop” im Pressetext um das gerade zu biegen. Wo haben sie das überhaupt her? Aus einem Artikel in der Süddeutschen, der eher auf der Suche nach den Resten der Gegenkultur war? “Über Pop-Musik” hat irgendwer jedenfalls nicht gelesen.

Egal.

Noch blöder die Vorstellung, der Senat will irgendwie drauf hinaus, dass, weil alles verwertbar, ist ja auch alles irgendwie so gleich. Pop=Kultur also als Markenzeichen für den unverhohlenen Neoliberalismus? Alles für den Click, für die Populärkultur, kein Gegen mehr, alles glattgebürstet, alles kleine YouTube-Stars im Uber-Tempel Berghain in verwaschenen Darkroom-Pixelleaks?

Auf Pop=Kultur soll (so der Pressetext) die Neurobiologin mit dem Techno-Produzenten zusammen kommen. Oder auch Unternehmer_innen mit Theoretikern zusammenkommen, um (so unsere Mutmaßung) über waghalsiges Durcheinander von kleinen Binnen-Is und Gender_Gap zu reden, oder so?

Noch ein Zitat gefällig? Wir wollen gemeinsam “Visionen für ein Leben in der Pop-Gesellschaft entwerfen”. Wollen wir nicht lieber wieder alle gemeinsam Drogen nehmen und gut ist?

Warum ich diesen Pop-Begriff so scheiße finde noch mal in ganz einfachen Worten: niemand bezeichnet mindestens 90% der elektronischen Musik in den Clubs als Pop. Ist das Berghain Pop? Ja, irgendwie schon, aber läuft da Pop? Nö, selten. Und – lieber Senat – wie oft wollt ihr noch betonen, dass die Clubszene ja irgendwie der Motor des Berlin-Hypes ist? Und auch jenseits von Clubs, ist wirklich niemand aufgefallen, dass dem um Längen überwiegenden Teil der Musikszene Berlins Pop am Arsch vorbei geht? Da hilft auch kein ‘wir definieren das mal bis zur Beliebigkeit um’.

Berlin Music Week (als Name) kannte in dieser Hinsicht kein oben und kein unten. Musik halt, auch wenn ich bei der letzten viele interessierte Zuhörer dabei beobachten konnte, wie sie einer Einführung in den robots.txt von einem Google-Beauftragten andächtig lauschten und sich sogar Notizen machten.

Pop=Kultur macht genau diese Differenz wieder auf in seiner scheinbaren Gleichmacherei. Weil Pop nämlich in den Köpfen tatsächlich polarisiert, egal ob als Metagenre für Zahlenfreunde, als Schleier des Restglams einer gewissen Retro-Nuance, als Trash-Resterampe oder eben auch als spezielle im Rezipienten zusammengeführte Medienarchitektur.

Und wenn irgendwer sich ernsthaft gedacht haben mag, wie man von u.a. Tim Renner auch auf der Berlin Music Week hören durfte, ach, Pop, das wird in den Senatsköpfen immer noch im Gegensatz zur E-Musik gedacht und ist damit nicht so förderungsrelevant, dann hätte man es ja auch wirklich gleich U=Kultur oder meinethalben – passender für die Veranstaltung – E=Kultur nennen können.

Ist der Name nicht eigentlich egal? Könnte nicht die polyglotte Posse der Musikanten in Berlin und drumherum das “Kultur” gerade in seiner Deutschsprachigkeit irgendwie ganz Hip finden? Klingt so ein “=”-Rechenzeichen nicht irgendwie auch toll nerdy? Nö, nö, nö. Das is’ doch alles wieder ein zurück in die Arme der Popkomm, nur jetzt mit Berghain-Zückerchen.

Restbemerkung: c/o pop (oder auch pop up) hatten doch schon vorgemacht, dass man selbst mit Pop noch einen passablen Festivalnamen hinbekommen kann.

3 Responses

  1. Berlin Mitte Institut

    Interessant zu sehen, dass der Name “Pop=Kultur” das Distinktionsverhalten gegen “Pop aka Mainstream” triggert. Auf der Metaebene, z.B. musikwissenschaftlich/sozialwissenschaftlich, kann man aber auch Techno als Pop (z.B. Popkultur, Populärkultur) klassifizieren. Der eigentlich Clou an dem ganzen ist das Berghain, und damit dessen subkulturelles Kapital, als Location.

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    • Sascha Kösch

      Man kann, wenn man, wie es die Poptheorie im Allgemeinen tut, das Phänomen auf etwas reduzieren will, mit dem es im Grunde nur Schnittmengen hat. Das eigentliche Problem an dem Namen ist aber ein Größeres.

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  2. sictransitgloriamundi

    man meint in der gleichung das adverb pop. und ist damit für mich erschütternd, fast fies.

    man könnte doch bitte die zu grunde liegende gleichung an den hamburger bahnhof oder martin-gropius-bau weitergeben, vielleicht findet man in diesem kontext einen passablen ausgang.

    alternativtitel : sic transit gloria mundi

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