21 Jahre Mouse On Mars - Ein Interview

Elektronische Musik gilt oft als sehr schnelllebig, von ebenso kurzer Dauer sind häufig die Verbindungen zwischen Musikern. Manchmal aber halten Produzententeams lange Zeit aneinander fest. Eins dieser Langzeitbeispiele sind Mouse On Mars, die es mittlerweile auf 21 gemeinsame Jahre bringen. In dieser Zeit ist viel passiert, vor allem auf der technologischen Ebene, was auch an Jan St. Werner und Andi Thoma nicht vorbeigegangen ist. Wir haben mit ihnen über kreative Prozesse, ihr Jubiläums-Album und ihr eigenes Festival gesprochen, das vom 31. Oktober bis 1. November im Hebbel am Ufer in Berlin stattfindet. (Interview & Fotos: Julius Brodkorb)

Zum Anfang habe ich eine Frage, die ich von einem langjährigen Mouse On Mars-Fan bekommen habe: Ist Musik etwas, das sich an euch ohne euer Zutun abspielt oder habt ihr die Fäden selbst straff in der Hand?

Jan St. Werner: Das ist ja keine entweder-oder-Frage. Wenn sie sich mit unserem Zutun abspielt, heißt das ja noch lange nicht, dass wir die Zügel fest in der Hand halten. Das ist glaube ich ein Zusammenspiel aus beidem. Aber es ist eine schöne Frage, im Prinzip hat er schon umrissen, wie wir die Arbeit mit der Musik sehen.

Andi Thoma: Es ist ja alles irgendwie schon da, man pickt es sich raus aus dem Äther, oder aber es wird einem geschenkt. Manchmal fließt es ja auch durch ein Kabel in ein Gerät. Aber was man tun muss, ist aussuchen. Man ist eben ein Kurator, der das Gebilde dann zusammenstellt.

Hat sich insgesamt in der ganzen Zeit etwas an eurer Arbeitsweise geändert oder ist der Prozess immer gleich geblieben?

Jan St. Werner: Ich glaube, dass früher immer alles viel langsamer war.

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Durch die Technik?

Andi Thoma: Wir hatten auch mehr Zeit.

Jan St. Werner: Vielleicht hatten wir auch ein anderes Zeitempfinden. Es ist alles extrem kleinteilig geworden. Man arbeitet viel dichter und schafft mehr in einer Zeiteinheit und es steckt viel mehr Information in allem. Heutzutage macht man am Rechner Sounds, die man vielleicht nur für eine kurze Stelle macht. Die hört man sich am Ende an und denkt. dass das eigentlich ein komplettes neues Stück ist. Das war aus vielen Gründen früher anders.

Andi Thoma: Früher hat man seine Zeit damit verbracht, Sounds irgendwie dicht zu bekommen und heute braucht man die Zeit, um sie wieder ein bisschen zu entschlüsseln.

Jan St. Werner: Aber die Sachen klingen auch viel, viel besser. Man hat sehr viel mehr akustische Informationen, sehr detaillierter und hochauflösender als das vor 20 Jahren der Fall war. Man kann heute mit einfachstem Equipment so wahnsinnig präzise aufnehmen. Früher musste man noch mit Bandrauschen, Grundbrummen, flacher Dynamik und sonstigen Störfaktoren arbeiten. Man denkt sich aber immer rein in die Musik, die dadurch immer maximal groß ist. Das war in den 60ern bei irgendwelchen Country- oder Rock & Roll-Produktionen nicht anders. Damals wie heute hatte man die gesamte akustische Welt vor sich.

Muss man sich selber nicht manchmal auch bremsen, weil man eventuell von diesen schnell gemachten Sounds geblendet ist?

Jan St. Werner: Man muss sich schon konzentrieren. Wonach wir suchen ist die Überraschung. Um noch mal auf die erste Frage zurückzukommen, man muss auch mal die Zügel verlieren. Dadurch wird die Aufmerksamkeit wieder geschärft. Der Moment der Überraschung und des Fehlers ist ja nicht, dass wir es wahnsinnig cool finden, wenn Dinge passieren, die in keiner Gebrauchsanweisung stehen. Aber dann blitzt die Gefährlichkeit des Augenblicks auf und es droht die Kontrolle verloren zu gehen. Dann muss man voll ran und das ist wie ein Sturm auf offener See.

Auf dem neuen Album habt ihr mit vielen anderen Musikern kollaboriert, dabei wart ihr vermutlich ein wenig außerhalb eures normalen Arbeitsumfeldes.

Jan St. Werner: Im Grunde war die Zusammenarbeit mit 21 anderen Musikern der ultimative Dehnungstest. Wir haben es zumindest innerhalb unserer Welt versucht. Wir sind ja eher friedfertige Personen und nicht solch große Konzeptionalisten, dass wir sagen würden, wir opfern unsere Persönlichkeiten und Eigenheiten einer größeren Idee, einem Konzept. Wir nehmen die Dinge immer, so wie sie kommen. Wir haben aber immer wieder versucht, das Konstrukt Mouse On Mars einer Art Elch-Test zu unterziehen und dort gab es manchmal eine große Dynamikbreite. Mit diesem Album haben wir uns schon gefragt, ob das noch Mouse On Mars ist, wenn noch jemand singt oder mitspielt. Natürlich haben wir auch ein bisschen getrickst, denn es heißt ja auch immer “Mouse On Mars und…”, von daher erwartet ja auch keiner einen astreinen Mouse On Mars-Track. Aber es war ein Test, wie weit das gehen kann und wann wir die Geduld verlieren.

Andi Thoma: Es war aber auch total entspannt, eigentlich genau aus diesem Grund. Meistens waren die Personen mit im Studio dabei und man hat mit Ihnen unmittelbar zusammen die Musik gemacht. Ich find es immer extrem entspannend, nicht Mouse On Mars sein zu müssen.

Jan St. Werner: Es ist schon erstaunlich, wie toll man heutzutage arbeiten kann. Klar kann man sagen, dass der unmittelbare Geist des Zusammenspielens im selben Raum, das Band läuft, „One, Two, Three, Four!“, etc., dass das alles nicht mehr da ist. Aber das hätte ich glaube ich sowieso nie gebrauchen können. Ich glaube Andi ist auf seine Art ein entspannterer Musiker und könnte so etwas machen. Ich denke, wenn mich einer einzählt, hätte ich schon gar keinen Bock mehr auf der Eins anzufangen und wäre auch total nervös. Außerdem kann ich mir überhaupt nichts merken und solche Sessions wären wirklich nicht mein Ding. Aber es ist toll, was man heute für Möglichkeiten hat zusammen zu arbeiten. Der eine hat sich voll eingebracht, der andere wollte nur singen, der nächste hat ein ganzes Stück abgeliefert und uns den Rest machen lassen. So hat jeder Track seine eigene Entstehungsgeschichte und es gab sehr viel Raum für die unterschiedlichen Individuen.

Andi Thoma: Errorsmith, eigentlich ein totaler Digitalfreak, kam mit Roto Toms ins Studio und trotzdem war es am Ende ein richtiger Errorsmith-Track.

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War es denn schwierig, mit so vielen Leuten zusammen zu arbeiten und wie lange hat es gedauert?

Andi Thoma: Es durfte ja gar nicht lange dauern. Im Prinzip sind die 21 Stücke ja zwei Alben, die wir in drei Monaten produzieren mussten, weil dann alles fertig sein musste.

Wie kam es dazu, dass ihr euer Jubiläum nach 21 Jahren mit 21 Stücken feiert?

Jan St. Werner: Wir hatten uns für das Jubiläum umgesehen, was bei uns noch rumliegt und unfertig ist. Es gab einige angefangene Kollaborationsstücke. Wir hatten viel Material, das sonst nirgendwo reinpasste und uns wurde klar, dass das Album 2013 ohnehin nicht mehr fertig wird. Das „20jährige“ schwebte die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über uns und wir haben den Release-Termin verstreichen lassen, was unser Label Monkeytown auch ok fand. So wurde einfach ein 21jähriges daraus.

Und das daraus resultierende Festival war der nächste logische Schritt?

Jan St. Werner: Das war der logische irrationale Schritt, sozusagen. Das ist natürlich ein Wahnsinn, aber wir haben einfach ein tolles Team das uns dabei hilft. Die Idee war, nachdem wir die 21 Kollaborationen im Albumformat hatten, dass wir das irgendwie feiern müssen, aber nicht nur mit Musikern. Wir wollen auch andere Sachen machen, zum Beispiel wollen wir auch Kochen, es gibt Interventionen von bildenden Künstlern, Sound-Installationen und Videos. Das sind sehr viele verschiedene Ebenen, auf denen sich das Festival abspielt. Es ist keine reine Musikveranstaltung.

Welches Medium fehlt euch eigentlich überhaupt noch in eurem gesamten Schaffensspektrum?

Jan St. Werner: Bisher haben wir noch mit keinem Choreografen gearbeitet, daher wäre das wohl Tanz. Wir haben auch noch nicht mit einem Schriftsteller oder Poeten zusammengearbeitet, das wäre noch etwas, was wir machen könnten…

Weitere Informationen zum Festival im HAU findet man hier

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