Nach drei Anstam-Alben und einigen Remixen, unter anderem für Radiohead und alt-J, wechselt Lars Stöwe einfach seine Identität und veröffentlicht unter dem Namen Anno Stamm ein Album. Ob die beiden miteinander verwandt sind und warum er sich zu diesem Schritt entschieden hat, hat er bei einem sehr aufschlussreichen Gespräch erzählt. Von Julius Brodkorb

Wir sprachen auf VRU mal über die Komplexität von Musik und was dich daran interessiert. Bei Anno Stamm hast du vor allem beim Rhythmus im Gegensatz zum Projekt Anstam weitestgehend auf diese verzichtet, zu Gunsten von fast durchgängigen 4/4-Beats.

Lars Stöwe: Anstam hat sich immer mehr zum Studioprojekt entwickelt, wo man in seinem Kämmerlein sitzt und Sachen bis ins Detail ausarbeiten kann und ausprobiert. Gerade aber durch die jeweiligen Live-Auftritte und die Club-DJ-Sets, habe ich mehr und mehr den Reiz an kurzen, repetitiven Hooks entdeckt. Das war zwar weniger ein Anstam-Thema, aber gerade im Club-Kontext entwickelte das eine extreme Legitimität, die man so im Studio oder beim Zuhause hören gar nicht so sehr fühlen kann. Grundsätzlich bin ich außerdem immer interessiert, mich musikalisch an allen Sachen auszulassen. Dadurch fing ich an als Anstam ein wenig schizophren zu werden, weil ich einerseits wieder zurück wollte zum Repetitiven, andererseits gleichzeitig immer weiter in dieses Songwriting/Future-Band-Ding vordringen wollte. Ich habe dann gemerkt, dass für mich diese zwei musikalischen Taktiken schwer miteinander vereinbar waren. Ich wollte eben nicht anfangen, wie viele Projekte, die sich in der Post-Dubstep-Phase ausgetobt hatten, einfach so mit Anstam auf den 4/4-Beat-Zug aufzuspringen – ich wollte mit Anstam auf keinen Fall anfangen Techno zu machen. Dann war klar, dass ich ein zweites Projekt brauchte, dass von Anfang an den 4/4-Beat mit im Genmaterial hat.

Man merkt trotzdem immer noch, dass Anstam im Sound steckt, was sich ja auch im Namen widerspiegelt. Inwieweit war das für dich wichtig, dass dieser Bezug auch weiterhin sichtbar bleibt?

Lars Stöwe: Ich glaube aus Anstam Anno Stamm zu machen, war mehr ein fließender Vorgang. Aber natürlich steckt dort trotzdem eine Überlegung drin, die ich unterbewusst geführt habe. Anno Stamm und Anstam haben vor allem mit Lars Stöwe zu tun. Ich habe natürlich eine musikalische Handschrift und Vorlieben, die immer irgendwie rauskommen, egal was ich mache. Für mich war es auch interessant, dass Anno Stamm etwas ist für die sein könnte, die Anstam an sich gut finden, aber denen Anstam einfach nicht tanzbar genug ist. Am Ende ist es auch ein Spiel für mich, wenn ich beim Produzieren eines Stückes merke, für welches Projekt er passen könnte. Grundsätzlich konnte ich mit Anno Stamm aber eine andere Fragestellung beantworten – nämlich die nach dem ultimativen Hook. Der kurze, sich wiederholende Moment, an dem man so lange rumbastelt, bis er so gut ist, dass der eine halbe Stunde laufen kann und trotzdem funktioniert. Das hat überhaupt nichts mit Anstam zu tun, ist aber auch unheimlich interessant für mich.

Du hast bei einigen Stücken die Melodie immer wiederholt, aber immer mit unterschiedlichen Sounds. So gibt es einerseits diese Wiederholung, trotzdem ist es immer wieder auch etwas Neues. Die Veränderung des Sounds selber war ja auch eines der Kernelemente von Anstam. 

Lars Stöwe: Das ist etwas, das ich jetzt auch nicht mehr werde abstellen können. Man sitzt im Studio und hat das Gefühl, jetzt muss für mich etwas passieren. Dazu muss man sagen, dass es sich bei den Stücken die du gehört hast, auch um ein Album handelt. Es war noch mal eine ganz eigene Überlegung, wie man ein Techno/House-Album macht, dass auch als solches in einem einer „Nicht-Club-Umgebung“ Sinn macht. Da sind dann auch Elemente dabei, die wenn man nicht unbedingt bräuchte, wenn man es nur im Club spielen würde.

Das Artwork war auch immer sehr stark mit der Musik bzw. dem Projekt verwoben. Es gab drei Anstam-Alben, bei denen dein Bruder Jan Stöwe immer das Artwork beigesteuert hat, genau wie beim aktuellen Anno Stamm-Album. Die letzten beiden Anno Stamm-Veröffentlichungen wurden allerdings von anderen gestaltet. Hatte das den Grund, dass sie auf unterschiedlichen Labels erschienen sind?

Lars Stöwe: Der Gedanke, der ebenfalls zu Anno Stamm gehörte, war der Kollaborationsgedanke. Das man mit verschiedenen Leuten zu tun hat. Das eigentliche Ziel bei Anno Stamm ist, mit möglichst vielen verschiedenen Labels zusammen zu arbeiten. Wenn diese dann jemanden haben, der für das Label normalerweise das Artwork macht, umso besser. Für mich ist es doch interessant zu sehen, wer wie grafisch meine Musik interpretiert. Das Album allerdings war wieder ein Projekt, wo ich wenig aus der Hand geben wollte. Da ist das Artwork dann auch eine große Hilfe, um atmosphärisch klar zu machen, worum es geht und eventuell auch die Leute in die gewollte Richtung lenken zu können.

Wann entsteht das Artwork, vor, während oder nach der Musik?

Lars Stöwe: Das sind eigentlich zwei getrennte Dinge. Erst kommt die gesamte Musik und dann macht man sich Gedanken über das Artwork. Bei Geschwistern ist man ohnehin schon sehr nah beieinander, allein durch gemeinsame Einflüsse als Kind oder Jugendlicher. Ich rede meinem Bruder da nicht besonders rein, ich sage ihm nur grob, was ich nicht will.

Wird Anno Stamm auch wieder eine Alben-Trilogie oder eher mal sehen?

Lars Stöwe: Kann sein, mal sehen. Bei Anno Stamm kann alles passieren. Auch weil ich nicht an einem Label hänge oder das exklusiv mit irgendwem zusammen mache. Ich bin natürlich den All City-Leuten, die mein neues Album rausbringen extrem verbunden, aber das hat mehr menschliche und musikalische Gründe, als alles andere. Grundsätzlich ist für mich aber eine Trilogie immer sehr sinnvoll. Bei den ersten drei Anstam-EPs, die ich damals noch zusammen mit meinem Bruder und dem Hardwax gemacht habe, wussten wir nach der dritten EP auch nicht mehr was wir dem noch hinzufügen sollten. Wir haben es probiert, aber dann feststellen müssen, dass wir es wir es besser bei drei Platten lassen.

Es gab ja zum Record Store Day mal eine Veröffentlichung mit Siriusmo. Wie hältst du es generell mit der Kollaboration mit anderen Musikern außer deinem Bruder? Kannst du dir sowas vorstellen, mit anderen ein gemeinsames Projekt zu machen oder kommt das nicht deiner Arbeitsweise entgegen?

Lars Stöwe: Ich mache eigentlich schon immer sehr isoliert Musik. Man entwickelt da so ein paar Marotten und dannwird es dann schwer mit Anderen zusammen zu arbeiten. Das hat man auch bei der Zusammenarbeit von mir und Moritz gesehen. Wir sind uns da beide sehr ähnlich, was Marotten angeht und sind es gewöhnt eher alleine zu arbeiten. Da müssen schon beide musikalisch sehr gut passen, dass es dann doch funktioniert. Allerdings könnte ich mir wiederum den Band-Leading-Gedanken sehr interessant vorstellen. Ich mag einfach die Idee nicht, dass jemand in meiner Musik rumfuhrwerkt. Zum Beispiel konnte ich es immer gut vermeiden, dass jemand meine Musik geremixt hat. Ich glaube es ist für alle besser, wenn ich das mit der Musik mit mir alleine ausmache.

Du veröffentlichst seit einiger Zeit auf YouTube die „Words of the Week“. Was hat es damit auf sich?

Lars Stöwe: Ich finde es natürlich wichtig, am Ball zu bleiben, gerade bei dem Thema wie heutzutage mit Medien umgegangen wird. Diese YouTube-Channel-Kultur hat mich als Künstler schon immer interessiert. Was ich aber schon zu MySpace-Zeiten schade fand, war der Fakt, dass man als Fotograf, Zeichner oder Maler immer ganz schnell visuellen Content präsentieren kann. Man bleibt mit den Leuten einfach gut in Verbindung, über kurze, schnelle Bilder. Aber als Musiker hat man dieses Tool nicht so richtig. Das funktioniert nicht mit einem 40-minütigen DJ-Set, weil die Leute sich dafür natürlich die Zeit nehmen müssen und vor allem auch sollen. Ton als Grußkarte im Netz war immer schwierig.

Deshalb habe ich mich schon immer gefragt, was es für Möglichkeiten gibt, so ein Zwischending zu machen. Audioinhalt, der Wert hat, aber trotzdem unkompliziert und direkt zu konsumieren ist. Ich wollte immer schon eine Internetseite machen, die so funktioniert, wie ein Fernsehsender. Man hat verschiedene Segmente, verschiedene Serien, wo immer neue Episoden regelmäßig erscheinen. Das wollte ich aber eben mit Audio machen und genau das hab ich jetzt mit Anno Stamm angefangen.

Du hast ja Kunst studiert und gehst dadurch sicherlich auch anders an Dinge heran. Würdest du dir von anderen auch öfter eine künstlerischere Herangehensweise wünschen?

Lars Stöwe: Das ist für mich eine sehr schwierige Frage, weil ich für mich selber eine sehr eigenartige Definition von Künstlertum habe. Ich würde zum Beispiel nie Diskussion über E- und U-Musik führen. Für mich gibt es keine Einteilung in Hochkultur und allem anderen, was weniger Wert ist, weil scheinbar der künstlerischen Anspruch fehlt. Ich finde, es ist genau das Gegenteil. Ich sehe manchmal einen künstlerischen Anspruch in Sachen, wo andere Leute überhaupt nichts sehen, sondern nur möglicherweise sowas wie schlechten Eurodance! Ich sage dann, ich weiss was du meinst, aber wenn du dir mal die Produktion anhörst – ab Minute zwei – ist das, was er mit den Hi-Hats gemacht hat, dann doch ganz große Kunst!

Was mir bei diesem großen und schwierigen Thema immer schon wichtiger war, ist das Alleinstellungsmerkmal. Dass man etwas Eigenes hat, diese eigene Note. Und da habe ich in letzter Zeit festgestellt, dass diese eigene Note von vielen Leuten heutzutage eher negativ bewertet wird, weil die Leute dann Probleme haben schnell und effizient über dich zu reden. Da würde ich mir heutzutage wünschen, dass sich da auf allen Seiten ein bisschen mehr locker gemacht wird. Wenn es 99 Leute gleich machen, dann ist es glaube ich o.k., wenn der Eine oder Andere das auch mal anders probieren darf!

Forschen ist für mich eben auch schon immer mit Kunst und Künstler verbunden. Für mich sind Künstler im eigentlichen Sinne die kreativen Frontarbeiter. Dinge zu finden, die noch keiner versucht hat und die vielleicht auch nicht funktionieren. Das ist dann aber heutzutage in den vielen festgefahrenen künstlerischen Kreisen oft auch nicht möglich, weil man zwar Avantgarde sein darf, aber bitte dann doch nach dem festen Avantgarde-Schema, auf dass man sich anscheinend in geheimer Abstimmung irgendwo geeinigt hat. Das habe, tue und werde ich nie verstehen. Deshalb schlage ich wahrscheinlich auch manchmal unbewusst ein bisschen stärker als nötig aus, um diesen Punkt aufzuzeigen und einfach impertinent zu sagen: wenn ihr glaubt das geht so nicht, dann zeige ich euch mal, dass da noch was ganz Anderes geht.

Künstler zu sein, und dann ist hier auch langsam mal Schluss mit dem ganzen Kunstkram, ist für mich auch keine Entscheidung, die man irgendwann trifft, denn für mich hat Kunst immer in erster Linie mit der Frage nach dem inneren Antrieb zu tun. Für mich ist ist jemand Künstler, wenn er etwas Kreatives aus einem inneren Antrieb macht. Da ist auch vollkommen egal, was er macht. Ob das schräg ist, cool oder virtuos – sogar ob gut oder schlecht. Wenn er das Gefühl hat, dass er das unabhängig von jedem Umfeld einfach aus sich heraus machen muss, dann ist er für mich ein Künstler. Aber wenn jemand überlegt, was er machen muss, um etwas zu erreichen oder irgendwo dazu zu gehören, dann ist das für mich Mainstream – auch wenn er nach dem eben beschriebenen festen Avantgarde Schema arbeitet. In meiner Welt kann auch der Avantgarde-Komponist Mainstream sein und der Pop-Musiker der wahre Künstler. Der innere Antrieb vor dem Werk macht für mich den Unterschied und dabei spielt die ganze Öffentlichkeit des Werkes schon fast keine Rolle mehr.

Um jetzt aber die Frage zu beantworten, ob ich mir mehr künstlerische Herangehensweisen wünschen würde, kann ich kurz antworten, dass es mir wichtiger wäre, dass die heutigen kreativen Produzenten sich wieder Gedanken darüber machen sollten, ob und was sie zu erzählen haben und vor allem was sie sich selbst als vermeintliche Künstler schuldig sind.

Was war denn deine letzte Platte, die du dir gekauft hast?

Lars Stöwe: Das ist glaube ich eine skandinavische Band, Lis Er Stille. Das hat zwar nicht soviel mit elektronischer Musik zu tun, aber sie vereinen alles das, was mich interessiert. Komplexe Rhythmen, Rock-Opernhafter Zuckerguss und schöne komplexe Liedstrukturen.

Aktuell entwickeln ja viele Leute eigene Musikinstrumente. Man kann im Internet zum Beispiel riesige mechanische Maschinen zur Klangerzeugung sehen, andere programmieren ihre eigenen Software-Instrumente. Generell wird die Software für Musik immer komplexer, bietet aber oft von Haus aus extrem viele fertig klingende Sounds an, auf die Musiker häufig aus Bequemlichkeit zurückgreifen. Wie stehst du zur allgemeinen Entwicklung von Musik-Software?

Lars Stöwe: Da könnte ich tatsächlich ganz viel drüber sagen, weil mich die Frage sehr interessiert. Ich habe eine extreme Affinität zu Algorithmen und dadurch natürlich auch zu Software. Für mich ist nur ganz wichtig zwischen dem Werkzeug und dem, der es benutzt zu unterscheiden. Die Idee einer programmierten App, bei der man ein paar Knöpfe drückt und alles immer cool und fertig klingt, interessiert mich überhaupt nicht. Was ich aber interessant finde, da ich ja so isoliert arbeite, ist zum Beispiel die Idee, sich virtuelle Bandmitglieder zu programmieren. Die Vorstellung, dass ich einen Akkord spiele und dazu der Computer einen Bass beisteuert, der einen eigenen Charakter hat und nicht ein einfacher Arpeggio ist, finde ich nach wie vor sehr interessant. Allerdings hat das für mich mit Komposition im eigentlichen Sinne noch nicht viel zu tun, die muss meiner Meinung nach immer vorher kommen.

Tim Exile arbeitet ja seit längerem an seiner neuen Flow-Machine, die auf von ihm programmierten Instrumenten basiert, die eigenständig Sounds erzeugen können.

Lars Stöwe: Tim Exile ist hier ein sehr gutes Beispiel. Er ist ja auch jemand, der sehr daran interessiert ist, neue Wege zu gehen und an Software zu arbeiten. Seine Musik ist aber eben musikalisch auch immer interessant. Exile ist jemand, der auch einen guten Song hinbekommen würde, wenn man ihm nur eine Akustik-Gitarre und ein Klavier hinstellt. Das heißt, alles was er elektronisch und per Software macht ist ein Zusatz, ein Bonus.

Wenn man sich aber die aktuellen Plugins und Programme anschaut, läuft das alles darauf hinaus, dass einem genau eben die wichtigen künstlerischen Entscheidungen abgenommen werden, also hinsichtlich Komposition und Sound. Früher waren Sample Libraries kurze Samples, Schläge. Da hatte man Snares und Claps und hat sie angeordnet, als ob man sie selbst spielt. Heutzutage sind daraus vollwertige Loops, schon effizient für das jeweilige Musikgenre vorpoliert, die ich dann lediglich aneinanderklatschen muss. Und dann raus damit ins Internet. Man kommt zwar extrem schnell  zu professionell klingenden Ergebnissen, die aber letztlich gar nicht von einem selber stammen. Und das ist möglicherweise doch problematisch.

Ich habe kürzlich ein Interview mit einem Jazz-Pianisten gelesen, in dem es um George Duke, einen Funk-Keyboarder, ging. Der wiederum hatte in Frank Zappa’s Band gespielt und da wurde natürlich die Chance genutzt, von eben diesem verrückten Genie Frank Zappa zu schwärmen und wehmütig festzustellen, dass es so einen tollen künstlerischen Hallodri wie Fank Zappa niemals wieder geben wird. Das finde ich, obwohl selber der mit Abstand größte Zappa-Fan, aber genau falsch gedacht. Denn ich ich bin mir sicher, dass zu jeder Zeit immer genug potentielle Zappas existieren. Nur ist es immer eine Frage wie die Medien, die Musikindustrie, die Kultur im allgemeinen und die breite Masse aufgestellt ist, damit solche Leute auch wertgeschätzt werden und überhaupt die Chance haben, dass sie ein Publikum erreichen können.

Heutzutage muss alles eher effizient und schnell funktionieren. Und so findet man sich dann eher in einer Zappa-freieren Zeit wieder. Daran sind aber die ökonomische Ansätze und Antriebe schuld, die sich schön langsam, ohne dass es weh tut, in unser alltägliches Leben geschlichen haben. In der Kunst kann man aber nicht bescheissen. Da braucht alles seine Zeit.

Das Album „To Gravith And Symmeth We Rhyth“ von Anno Stamm erscheint in Kürze bei All City Records.

Mehr Informationen zu Anno Stamm und alle „Words for the Week“ auf: annostamm.wordpress.com

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