Die meisten kennen den Berliner Housemeister vor allem für analogen und ziemlich präsenten Techno, beispielsweise auf Boysnoize Records. Vor einiger Zeit belebte er sein eigenes Label All You Can Beat – kurz AYCB – wieder, auf dem er sich und anderen internationalen Künstlern ein Sprachrohr für elektronische Musik zwischen Techno und House bietet. Ich habe mit ihm über sein neuestes Werk, das Album „Transfer“ gesprochen und warum es auf Kassette erschienen ist. Dabei gab er mir unter anderem auch einen kleinen Einblick in seine Plattensammlung. (Text und Illustration: Julius Brodkorb)

Housemeister, dein aktuelles, sechstes Album ist nach deinem Gameboy-Album und dem OP-1-Album dein drittes Konzeptalbum, aber diesmal geht es nicht ausschließlich um ein Gerät. Warst du froh dich nicht noch einmal komplett limitieren zu müssen oder empfindest du das gar nicht unbedingt als Einschränkung?

Hm, darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich lasse mich eher immer treiben.

Du nimmst ja tatsächlich deine Musik in deinem Studio ohne den klassisch weichen und meistens durchgesessenen, mit Brandlöchern versehenem Sessel auf. Das heißt, du stehst die ganze Zeit über, brauchtest du bei dem Album doch zwischendurch mal eine Sitzmöglichkeit?

Natürlich hab ich auch einen superweichen Chefsessel mit Rädern im Studio. Zum Programmieren der Geräte sitze ich eher, nur bei den Aufnahmen stehe ich. Ich hab dann einfach besseren Zugriff und mehr Bewegungsfreiheit.

Die Welt wird zumindest gefühlt immer chaotischer und lauter, du aber wirst mit dem Album leiser. Das neue Album klingt nach einem ganz anderen Housemeister, kein „ausschließlich nach vorne“ und keine aggressiven Acid-Sounds, ist das der Anfang einer neuen Schaffensphase oder bloß ein Ausflug in andere Sphären?

Ja vielleicht… „Transfer“ ist deeper & erwachsener. Ich wollte mal Musik machen, die einfach so zu Hause im Hintergrund laufen kann, was zum tiefer eintauchen. Generell bahnen sich bei mir musikalische Veränderung an, meine alte Liebe Techno ist wieder entflammt. Da beeinflusst mich meine Freundin Dinamite sehr, sie ist Spanierin und ebenfalls DJ & Producer. Der ganze spanische Freundeskreis ist wegen (dark) Techno in Berlin und sie alle sind voller Passion und Hingabe. Das steckt natürlich an. Ich lade sie auch öfter in meine Resident Nacht ins Suicide ein. Letztens hatte ich die Transhumans live dabei und am 26.2. spielt P.E.A.R.L. dessen Label „Falling Ethics“ mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommt.

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Was hat dich überhaupt auf die Idee gebracht, solch ein Album zu machen? War das auch eine besondere Herausforderung für dich?

Tatsächlich hat mich jemand in die Bahnen gestossen, wieder meine Dinamite. Letztes Jahr im Winter hab ich im Studio „aus Versehen“ einen entspannteren Ambient Track aufgenommen, „Multiversum“ auch zu hören auf dem Album. Sie fand den grossartig und meinte zu mir, ich solle mal mehr davon machen. Gesagt, getan – ich beschloss jede Woche einen „Ambient“ Track aufzunehmen, ein Mann braucht ein Projekt! Dazu brauchte ich meinen Maschinenpark nur ein bisschen zu drosseln, alles etwas langsamer, mehr Reverbs und Delays, mehr Atmosphären und softere beats. Es waren auch schon Ideen vorhanden, die ich vorher irgendwann mal programiert hatte, aber nie wusste, wohin damit. Nach zwei Monaten waren elf Tracks im Kasten, zwei flogen raus und fertig war „Transfer“.

Deine bisherigen Alben erschienen auf Boysnoize Records und Deinem eigenen Label AYCB, „Transfer“ aber erscheint auf Detroit Underground. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Das ist auch eine witzige Geschichte und zeigt wieder einmal, wie klein die Welt doch ist.

Meine ersten Platten hab ich ja damals in 2000 auf BPitch Control rausgebracht, da hat auch Detroit Underground Boss DJ Kero ein paar Sachen released und wir hatten ein paar mal zusammen gespielt, aber uns nicht wirklich kennengelernt. Dann in 2014 waren wir zur Hochzeit meiner Schwester in Toronto eingeladen und Ana meinte zu mir, dass ihre Freundin Annie Hall (beide aus Madrid) im nicht weit entfernten Windsor mit Kero wohnt und wir sie doch mal besuchen sollten. Also haben wir uns einen Wagen gemietet und sind nach Windsor gefahren. Wir sind dort ein paar Tage geblieben, Techtalk mit Kero im Studio, Site Seeing im nahegelegenen Detroit mit Abstecher ins Underground Resistance-Haus, wo uns John Collins gleich mal eine ausführliche Führung durch´s UR Museum gegeben hat. Ja und so kam eins zum anderen… und mein Album letztendlich zu Detroit Underground.

Dein Album erscheint auch auf Kassette, einem Medium, dass es im amerikanischen und auch deutschen Markt kaum noch gibt, welche Idee steckt dahinter? Ist das reine Nostalgie, Anachronismus oder will man sich tatsächlich Nischenmärkte erschließen?

Ich persönlich bin voll stolz, dass ich noch mal ein Album auf Tape veröffentlichen kann – wer hätte das gedacht! Sicher ist es eine Nische und sicherlich wird kein Riesen Tape-Comeback zu erwarten sein, aber wer weiss das schon. Eins ist sicher, da draußen sind ein paar Freaks, Music- & Tapelover, die kaufen’s und ich kann es verstehen. Man kann was sammeln, man hat was in den Händen und man hat wahrscheinlich einen lustigen Ghettoblaster oder ein Highend-Tapedeck zu Hause, oder im Auto noch das alte Kassettenradio. Als Independent Label ist es nur logisch Tapes zu machen, du bist total unabhängig von Presswerken, Terminen und Kalkulationen, brauchst nur einen Tape-Kopierer zu Hause und los geht’s. Du kopierst so viele und so lange, wie bestellt werden und vertickst sie dann inklusive Digital Download auf Bandcamp.

Kero von Detroit Underground meinte zu mir, in Amerika verkauft er nicht so viele Tapes, aber in Europa und Japan geht’s ab. Er hat jetzt sogar einen neuen Tape-Distributor in Japan gefunden.

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Hilft dir Musik eigentlich sich der teilweise doch ziemlich unangenehmen Realität zu entziehen bzw. verarbeitest du diese damit, wie es häufig Musiker tun?

Puh, die Realität… ja Musik hilft. Manchmal…

Was kann man sich deiner Meinung im Internet überhaupt noch angucken? Bzw. wie erträgst du Facebook?

Harter Tobak deine Fragen… Kunst, Musik und Arte Mediathek geht immer. Socials nerven, wär ich kein Artist, hätte ich wahrscheinlich alle Profile gelöscht.

Was hörst du zuhause um wieder runterzukommen? Gibt es da vielleicht Überraschungen, die ich wahrscheinlich nicht erwarten würde?

Eigentlich höre ich alles Mögliche zu Hause, auch verstärkt wieder Techno oder Dark Ambient Podcasts. Ansonsten läuft hier zu Hause der gesamte Katalog spanischer, popularer Musik der letzten 50 Jahre, sonst immer Kraftwerk, DAF, NEU!, Rhythm & Sound, Hildegard Knef, Swing, Joe Pass, Paco de Lucia, Studio One Funk, Dave Pike oder auch immer wieder Depeche Mode 101. Und ich hab dieses Hobby, auf dem Flohmarkt in Berlin oder irgendwo in der Welt suche ich mir billige Alben nach Coverdesign aus der Vergangenheit. Immer in der Hoffnung, welche zu finden, die man einfach durchlaufen lassen kann. Letztens hab ich mir 30 Alben aus Mexiko mitgebracht. Da waren Fundstücke dabei, Wahnsinn der südamerikanische Backkatalog. Ich werde mir auch bald wieder einen tragbaren Plattenspieler für die Küche anschaffen.

Ein kleiner Blick in das Plattenregal von Housemeister

Ein kleiner Blick in das Plattenregal von Housemeister

Aber jetzt wird’s erstmal experimentell, nachdem ich dieses 30GB Tape-Archiv gefunden habe: https://archive.org/details/noise-arch-archive-201110 („material represented includes tape experimentation, industrial, avant-garde, indy, rock, diy, subvertainment and auto-hypnotic materials… most of what you are about to hear is rather difficult to file under any one category“)

Tausende Kassetten aus den 80ern wurden hier digitalisiert. Damit haben wir erstmal eine Weile zu tun.

Was würdest du künftigen Generationen von elektronischen Musikern mit auf den Weg geben?

Keep it real!

Zum Schluss eine Frage, die ich immer wieder gerne stelle – was hättest du eigentlich gemacht, wenn du kein Musiker geworden wärest?

Tja, wer weiss das schon? Vielleicht Fotograf oder Tierfilmer.

„Transfer“ von Housemeister ist am 18.01.2016 auf Detroit Underground erschienen und als Kassette und digital erhältlich. https://detund.bandcamp.com/album/transfer

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