Midi, Metal, das Kaputte und der Schmutz

Metal und Elektronik. Man weiß nicht so genau, ob die beiden sich wirklich je verstanden haben. Im Konzept des Abstoßenden aber lässt sich das vielleicht gut zusammen denken. So – stellen wir uns vor – die Gedankengänge von Oneohtrix Point Never bei der Konzeption seines kommenden Albums: “Garden Of Delete”.

Unter den vielen abenteuerlichen Links, die sich auf der Webseite von Kaoss Edge (der fiktiven Inspirations-Band von Lopatins neuem Album “Garden Of Delete”) finden, ist auch einer zu Julia Kristevas Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection.

Abjection ist nur halb mit “das Abstoßende” erfasst. Es fehlt der Ekel, die Verachtung, die Erniedrigung. Moment mal, das soll zur Elektronik passen? Zu den Reinräumen unserer geliebten hedonistischen Ästhetik? Wir zitieren mal eben den Anfang von Kristevas Essay, das könnte helfen.

There looms, within abjection, one of those violent, dark revolts of being, directed against a threat that seems to emanate from an exorbitant outside or inside, ejected beyond the scope of the possible, the tolerable, the thinkable. It lies there, quite close, but it cannot be assimilated. It beseeches, worries, and fascinates desire, which, nevertheless, does not let itself be seduced. Apprehensive, desire turns aside; sickened, it rejects. A certainty protects it from the shameful — a certainty of which it is proud holds on to it. But simultaneously, just the same, that impetus, that spasm, that leap is drawn toward an elsewhere as tempting as it is condemned. Unflaggingly, like an inescapable boomerang, a vortex of summons and repulsion places the one haunted by it literally beside himself.

Es sind diese Momente, in denen Subjekt und Objekt in einem Taumel zu verschmelzen drohen, die Elektronik gerne auch beschworen hat, gleichzeitig aber auch diese Faszination des Horrors, der einen berührt, gerade weil er einen abstößt, von dem wir zwar bestenfalls im Albtraum eines schlechten Trips etwas spüren wollten, der vielleicht aber auch noch in der reflexhaft immer wieder beschworenen Bewegung steckt, dass alles Alte immer wieder zertrümmert werden muss, damit die Zukunft entstehen kann.

Die Zukunft ist längst nicht mehr das, was sie mal war. Auch nicht in elektronischer Musik. Und vielleicht sucht Lopatin gerade deshalb an dieser Stelle nach ihr. “Garden of Delete” umschreibt das in seiner einfachen Formel schon sehr gut. Im Wahnzeitalter ständiger Übersicherung die Delete-Taste gedrückt halten und das Phantasma des Gartens (die christliche Metaphorik Edens dürfte hier über den Metal-Umweg fast selbstverständlich sein) auferstehen lassen, den wir komplett ruiniert haben. Das Jenseits blühender Landschaften als Taste der Un-Sicherung.

Wir wünschen jedem, der sich durch die abenteuerlich antithetische Webseite für Kaoss Edge wagt, viel Vergnügen beim Klicken der “kaputten” Links in die Abgründe des Netzes, und bei der schadenfrohen Revitalisierung der schwarzen Magie von Midi. Denn es gibt auch zusätzlich noch obskure MIDI-File Geschenke auf der Seite, die man an den dezent satanischen Alienfreund von Oneohtrix Point Never schicken soll, ezralien666@gmail.com, der wohl auch mitgeholfen hat, den Garden Of Delete blühen zu lassen. Warum? Ob man damit seine Seele verkauft? Wagt es!

Die Files klingen umgewandelt dann in all ihrem letztendlich herumgeisternd unrealisierbarem Glanz z.B. so:

Ihr habt Angst, dass mit dem Album doch nur einem innerer Rockismus, der in den Besten von uns lauert, freier Lauf gelassen wird? Keine Sorge, das Konzept ist schon durchdacht, alles andere als flach, auch wenn gelegentlich mal ein Metal-Sample eingeworfen wird. Man hört einiges von der Bandbreite, in dem das Album sich bewegen wird, auf der ersten “Auskopplung”. (Das Video ist nur zu sehen, wenn man nicht aus Deutschland bei YouTube aufläuft). Da lohnt es sich, den Proxy anzuwerfen.

Das Album kommt am 13. November bei Warp und dieser Text hier ist absichtlich nicht fertig geschrieben. Holen wir dann nach. Er wird übrigens nur ein Date in Deutschland haben. Am 10.11. im Berghain.

Das Tracklisting :

01 Intro
02 Ezra
03 ECCOJAMC1
04 Sticky Drama
05 SDFK
06 Mutant Standard
07 Child of Rage
08 Animals
09 I Bite Through It
10 Freaky Eyes
11 Lift
12 No Good

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