Buchla ist Bach

Als ich noch ein Wurm war, bekam ich, wie in den 70ern unter jugendlichen Rotznasen männlichen Geschlechts vermutlich nicht unüblich, zum Einstieg in die Welt der elektronischen Erwachsenenwelt eine eigene Schneider-Kompaktanalage geschenkt. Das besondere: Sie war Quatro! Nicht einfach nur banales Stereo, nein, die Differenzapologenten im Neckermannkatalog hatten meinen Eltern da vermutlich ein echtes Highlight aus der Zukunft der Klangtechnologie nahegelegt, dessen Genuss sie ihrem Sohn wohl keinesfalls verwehren wollten, denn auch der hatte mittlerweile schon davon gehört, dass es mal ein Wirtschaftswunder gegeben haben sollte.

Quatro müsst ihr wissen, war eine Art Vorgänger von 7.1, 5.1 und sonstigen Surroundsetups. Klar, statt zwei müden Stereoboxen gleich 4 Boxen ringsum im Quadrat aufstellen, da musste doch ALLES möglich werden. Es war auch die Zeit in der Katastrophensciencefiction im Spätabendprogramm zu meinem Genuss rauf und runter liefen. Zwei Tatsachen, deren Synchronizität keinesfalls an mir vorbei gingen. Dass diese lustige Innovationsidee nicht an 4-Kanal-Tapedecks zum Selberaufnehmen gekoppelt war, sondern an quadrophonische Vinyl-Schallplatten in diversen inkompatiblen Schnittformaten, die 4-Dimensionalität meist eher herbeihalluziniert haben, versteht sich eigentlich von selbst und dürfte entschieden zu ihrem Untergang beigetragen haben.

Zunächst allerdings reduzierte es ganz banal meine Erfahrung der Surroundwelten vor allem auf lustige Spinnermeisterwerke wie Switched-On Bach oder Tomitas Synthgroteske “Pictures at an Exhibition” und führte logisch schnell (aber keinesfalls schmerzfrei) zu einer kompletten Heilung von jeglichem Audiophilie-Elitarismus sowie einer glücklicherweise heilbaren kurzzeitigen Synthesizer-Aversion und folgerichtig zu Punk, weshalb ich euch auch erspare wie Quadrophonie eigentlich klang.

Und nun, 30 Jahre nach der letzten Quadrophonie-Pressung gibt es wieder eine neue. Auch noch Von Suzanne Ciani als Mitschnitt eines Livekonzertes. Gleichzeitig war dies (am 5. März 2016) die erste Solo-Buchla Synthperformance der Künstlerin und Synthesizerlegende seit 40 Jahren. Buchla! Falls ihr nicht wisst was das ist, denkt euch verkürzt: heiliger Gral der Modularsynthesizer-Freunde. Und ja, das Konzert, ebenso wie der Synth (Buchla 200 mit Buchla 227 Quatro-Modul) waren quadrophon.

Da natürlich dieser Tage kein Schwein über ein kompatibles HiFi-System verfügt, mit dem man das hören könnte, gibt es praktischerweise einen Decoder gleich zum Vinyl hinzu, der aus dem Stereosignal die vier Boxeninhalte herausrechnet. Und da all das auf dem Buchla 227 Outputmodul basiert, gibt es auch nur 227 von diesen Vinyl-Hardware-Boxen und sie kosten natürlich auch 227 Dollar. Ein Insider-Witz der in der Umrechnung auf Euro sicher verloren ginge, wenn man das außerhalb der USA kaufen könnte. Definitiv aber dürfte er bei Spotify verloren gehen.

Der Wurm in mir, bei allem Verständnis für die Bewahrung moderner Kulturgüter der Frühmoderne (Synthesizer) und toter Medien generell (Quadrophonie), ja sogar für das leicht überzogene Alltags-Gelübde zu Buchla, das mir kürzlich auf der Superbooth noch in Reinform und Masse begegnet ist, ist bei all dieser Rückbesinnung kurz davor, für die nächste komplette Gegenbewegung bereit zu sein. Hauptsache sie nimmt mich mit. Kommt mir aber nicht mit Punk. Allerdings: Suzanne Ciani bleibt davon völlig unbelastet trotzdem cool ohne Ende. Veröffentlicht wird das übrigens in Kollaboration mit Third Man Records hier.

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