Ein Interview mit Clark

Das mittlerweile siebte Album „Clark“ von Clark ist gerade auf Warp Records erschienen und schnell wurde klar, dass es sich hier um ein besonderes Album handelt, nachdem sich diverse Kritiker in ihrem Lob überschlugen. Wir haben uns mit Clark darüber unterhalten, was das Besondere an diesem Album ist und warum er sich eigentlich am wohlsten in unheimlicher Stimmung fühlt. (Interview: Julius Brodkorb) 

Du hast dein neues Album nach dir selbst benannt, würdest du sagen, dass es DAS Album ist, welches deinen wahren Sound definiert? Eine Art Quintessenz deines Schaffens?

Das ist komisch, ich hatte die Idee das Album „Clark“ zu nennen noch bevor ich überhaupt mit dem Schreiben anfing, so als wollte ich mir selber Angst einjagen. Das ist schon ziemlich beängstigend, auf eine gewisse Weise zu suggerieren, dass es DAS Album und DIE Quintessenz all meiner elektronischen und Dancefloor Einflüsse ist. Es ist mein siebtes Album und eine ziemlich schwere Aufgabe etwas zu machen, was all das zusammenfasst. Das ist ein ziemlich guter Weg um rauszufinden, ob ich das überhaupt packe. In der ersten Woche lief es ziemlich mies, aber nach zwei Wochen begann es zu funktionieren und am Ende fühlte es sich tatsächlich wie mein eponymisches Album an. Ich bin wirklich zufrieden damit, dass es keinen Titel hat.

Was ist für deine Musik wichtiger, Konstruktion oder Dekonstruktion?

Ich sehe eigentlich keinen Unterschied zwischen diesen beiden Dingen. Wenn ich über Dekonstruktion spreche würde ich es als das bezeichnen, was man löschen und bearbeiten nennt. Ich glaube, je besser man musikalisch wird, desto genauer wird man darin, Dinge zu löschen. Zu wissen welchen Teil man entfernen muss, wann und wie viel. Es ist fast so, als wäre es unabdingbar, dass, wenn man gut in einer Sache ist, das auch immer heißt, man muss in der Lage sein, eine Menge Fehler zu machen – und zwar so schnell wie möglich. Nur um diese dann genauso schnell wieder im Prozess zu korrigieren. Wenn ich ein neues Stück mache, lösche ich normalerweise ungefähr 30 Minuten lang, bevor es anfängt interessant zu werden.

Und du speicherst nichts davon ab?

Nein, ich habe keine Sicherheiten, ich bin da sehr selbstkritisch. Wenn es dann nach dieser halben Stunde besser wird, habe ich endlich etwas. Daran kann ich dann eine Woche arbeiten, lösche vielleicht noch mal zehn Versionen, bis ich irgendwann etwas habe, womit ich zufrieden bin. Für mich ist dieser Prozess daher in dem Sinne mehr eine Dekonstruktion als eine Konstruktion.

War das immer schon deine Herangehensweise?

Nein, ich habe früher mehr an den Dingen festgehalten und fand die Vorstellung irgendwie romantisch – vor allem bei elektronischer Musik – tausende von Musikstücken zu besitzen. Aber statt jetzt mit diesen tausenden von Stücken zu prahlen, was ja heute sehr einfach geworden ist, mit dem endlosen Speichern von Versionen, geht es mir heute mehr um das Album. Mich auf zehn Stücke zu fokussieren. Ich meine, jeder kann tausend Stücke machen, man kann drei Stücke am Tag fertig machen, aber sind die dann wirklich gut?

Bist du eigentlich schnell gelangweilt? Ich frage deshalb, weil auffällt, dass sich viele deiner Stücke immer wieder mittendrin verändern.

Ich schätze ich bin ziemlich schnell gelangweilt. Es ist eine Kombination aus schnellem gelangweilt sein und dass ich mich leicht hypnotisieren lasse von den Dingen, die ich mache. Es ist als würde ich mich selbst mit einem Zauber belegen. Wenn sich irgendetwas in meinen Kopf schleicht und sich dort festsetzt, muss ich daran arbeiten, was ja eigentlich nicht schwer ist, weil die Idee ja so präsent ist, aber es wird irgendwann schwierig, wieder damit aufzuhören.

Das heißt du bist manchmal extrem vertieft in etwas und löschst immer und immer wieder die Versionen eines Stücks. Würdest du dich daher selbst als Perfektionisten bezeichnen?

Ja! Das ist das Ungewöhnliche an diesem Album. Normalerweise bin ich für eine Woche zufrieden nach der Fertigstellung eines Albums, nur um danach direkt wieder etwas Neues anzufangen. Aber dieses mal kann ich immer noch nichts Neues anfangen, obwohl ich das Album schon vor vier Monaten fertiggestellt habe. Ich habe wirklich das Gefühl, alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte. Einerseits ist es ein gutes Gefühl, denn es wird schwer dieses Album zu schlagen, aber andererseits ist es auch beängstigend. Ich weiß gerade nicht, was ich machen soll. Aber ich habe dieses Gefühl immer bis zu einem gewissen Punkt. Ich bin da wirklich brutalst ehrlich. Es ist gut, diese Verunsicherung zu spüren, denn ich denke, dass es zu dem Prozess gehört. Das macht auch das nächste Album wieder sehr aufregend und auch neu für mich.

Hörst du dir deine Alben eigentlich nach der Veröffentlichung noch mal an?

Ich versuche es nicht zu tun. Ich hab dieses auch noch nicht angehört, aber ich kenne es immer noch sehr gut. Immer wenn meine Freundin ihre Choreographien einstudiert – sie ist Tänzerin, sie arbeitet gerade an den Performances für meine Liveshow – hört sie sich das Album an. Ich will es nicht hören aber sie ärgert mich damit und singt mir meine Melodien vor und ich schreie dann „Neiiiin“! Ich kenne das Album zu gut. Da sind aber auch wirklich eingängige Melodien dabei.

Wie lange hat es gedauert, das Album zu produzieren?

Vier Monate von Anfang bis Ende. Normalerweise nehme ich einige alte und neuere Tracks, wodurch es zu einer Kollektion von Stücken, verteilt über einen langen Zeitraum, wird. Aber dieses Mal habe ich alles in vier Monaten gemacht.

Für mich hat das ganze Album einen Spannungsbogen und ich habe direkt beim ersten Hören die Schiffshörner am Anfang und Ende des Albums bemerkt. Wo kamen diese Sounds her?

Ich wollte etwas haben das sich anhört, als käme es aus dem Dunst. Etwas völlig fremdes und mysteriöses, als würde es aus dem Nebel gebeamt oder aus dem Wald, wie auf dem Cover. Auf dem Foto sieht man diesen dünnen Strich zwischen den Bäumen, ich mag diese schmalen Lichtstrahlen. Oft stelle ich mir einfach weißes Licht vor, das langsam ein- und ausblendet aus irgendeinem imaginären Raum. Für mich ist das ein beruhigendes Bild.

Wie wichtig sind für dich Field Recordings?

Sehr wichtig. Dabei geht es nicht unbedingt darum woher die Sounds stammen, aber um die Tatsache, dass ich diese mit einem Mikrophon aufnehme. Eine einzigartige Erfahrung für mich. Die Klänge sind sehr nachbearbeitet, so dass sich der Donner manchmal extrem hochgepitched anhört, die Schritte im Schnee wiederum sehr massiv, als würde es über einem zusammenbrechen. Ich finde es interessant diese wilden, ungezähmten unmenschlichen Sounds hinter Techno zu legen, der für mich irgendwie die menschlichste Musik ist. Normalerweise existiert Techno in einem Vakuum ohne Bezug zu etwas außerhalb der menschlichen Welt. Mir gefällt die Idee der natürlichen Welt, die dort eindringt auf die eine oder andere Weise.

Dieses Album ist musikalisch irgendwie geradliniger als deine letzten oder?

Es ist wie ein Organisationsprinzip. Manchmal mag ich gerade BPM-Zahlen. Nicht immer, aber dieses Mal habe ich versucht alles relativ geradlinig zu halten. Einfach nur um das mal gemacht zu haben und um zu sehen, was passiert.

Du lebst ja einige Zeit schon in Berlin, welche Rolle spielt die Stadt für dich und deine Musik?

Ich habe das Album nicht hier geschrieben,  sondern irgendwo im nirgendwo auf dem englischen Land, vollkommen allein. Es gibt dort dieses kleine Dorf namens Newton, dort habe ich eine Hütte gemietet. Das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Überhaupt sind auf dem Album viele Sachen, die ich zum ersten Mal probiert habe. Die Idee dahinter war, einfach vier Monate allein irgendwo hinzugehen und dort zu schreiben und zu sehen was passiert.

Warst du wirklich völlig allein dort oder hattest du deine Freundin dabei?

Nein, ich war vollkommen allein.

War deine Freundin damit glücklich?

Sie war in der Zeit im Urlaub und hat gearbeitet. Ich hatte also nur diese alte englische Scheune mit dem Holzofen, das war episch. Es war gemütlich, tagsüber Musik zu schreiben, abends das Feuer anzuzünden und dabei ein bisschen verrückt zu werden. Ich habe dabei auch viel Sport gemacht, ein bisschen wie ein seltsamer Musik machender Mönch. Ich bin aufgestanden, Laufen gegangen und dann habe ich bestimmt 14 Stunden ohne Unterbrechung Musik gemacht. Es gab nur diesen einen Pub in dem Dorf. Ich war einmal dort, das war wirklich ziemlich seltsam und ich habe mich entschieden lieber den Rest der Zeit allein zu bleiben, haha.

War es seltsam im Sinne von unheimlich oder einfach nur so lange allein zu sein?

Es war schon ein bisschen unheimlich aber auch gleichzeitig inspirierend und hat auch die ganze Zeit über funktioniert. Wenn ich ich „unheimlich“ sage, meine ich, dass es inspirierend und ungewohnt ist. Ich mag „unheimlich“.

Welches Equipment hast du dir mit in die Scheune genommen?

Lautsprecher, einen Laptop und ein paar nette Synthesizer. Es war wirklich nicht viel Platz dort. Daher war es gut, nicht so viel dabeizuhaben. Ich habe hier ein großes Studio, aber ich bin es irgendwie leid, vor allem diese ganze Modular-Synth-Sache hier in Berlin mit diesen gigantischen Studios. Eine gute Idee zu haben, ist zehn mal mehr Wert als ein großes Studio. Zur Zeit gibt es einiges an langweiliger Musik die auf modularen Synths gemacht wurde. Irgendwelche Furz und Rülps-Sounds mit langweiligen Rhythmen, die auf Equipment für 20.000 Pfund gemacht wurden. Im Grunde Yuppie-Musik. Ich hole lieber den Teufel aus einem U-He-Software-Synth raus und baue mir manuell Unmengen an Midi-Spuren zusammen. Reine Musik entstanden aus Ideen und nicht Equipment. Midi hat etwas Hypnotisches an sich, ich mag wie es aussieht, ich liebe lange Listen aus Midi-Noten, die alle aus dem Raster fallen, wodurch das Tempo sehr komisch ist und schwer zu händeln. Das sieht wunderschön aus, wie eine Art außerirdischer Sprache.

Arbeitest du generell mehr mit digitalem Equipment, als mit analogem?

Beides. Manchmal benutze ich nur einen MPC, zum Beispiel auf dem Track „Banjo“.

Was war das letzte Teil, was du gekauft hast?

Wie gesagt, ich liebe die Software von U-HE, die sind wirklich gut. Computer sind mittlerweile auch sehr gut geworden, ich liebe es, aber ich halte meinen auch vom Internet fern. Ich hasse das Internet! Ich benutze meinen Rechner nur als Bandmaschine.

Betreust du deine Facebook-Seite selbst?

Ja, das mache ich, aber das interessiert mich nicht besonders. Twitter ist ganz lustig, ich bevorzuge es eher, das ist wie mit Leuten zu texten.

Wie siehst du generell die Vor- und Nachteile der Internet-Kultur in Bezug auf Musik? Man hat ja gleichzeitig ein wahnsinnig großes Angebot, aber gleichzeitig eben auch ein viel zu großes.

Ja, absolut. Wie findet man da seinen eigenen Sound? Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich ich angefangen habe, bevor es dieses Überangebot gab, bevor der Sound übersättigt und standardisiert wurde. Als ich mein Album „Clarence Park“ machte, war ich noch auf der Schule und der einzige, der Musik gemacht hat. Ich fühlte mich nicht normal und man musste sich echt sehr anstrengen, um solche Musik in die Plattenläden zu bekommen. Jetzt mache ich gerade im Moment einen Radio-Mix und stelle fest, dass ich sehr viel Musik mag und das irgendwie alles auf ein einheitliches Ganzes runterbrechen muss. Es ist so ein weites Feld und alles ist sofort mit einem Klick verfügbar, das ist schon unglaublich und überwältigend in gewisser Weise.

Was magst du und was fehlt dir an der aktuellen Elektronischen Musikszene?

Ich weiß es nicht. Mit dem Radio-Mix kann man das ganz gut erklären. Ich lege nicht wirklich auf, aber DJs haben einen hohen Druck, immer die allerneusten Tracks zu spielen. Also versuchte ich neue Sachen zu bekommen und fand auch einige davon gut. Ich steh total auf die Musik wie sie zum Beispiel James T. Cotton macht, den man als Dabrye auf Ghostly International Records kennt. Die Sachen sind noch nicht alt, vielleicht zwei Jahre. Manche Musik scheint einfach nicht zu altern und das ist wonach ich suche. Es ist interessant die Verbindung zwischen neuen und alten Stücken zu hören. Nichts ist wirklich völlig neu, es ist immer eine Essenz von irgend etwas dabei, das schon vorher da war, weil man es sonst nicht mögen würde. Das wäre sonst einfach zu weit weg von einem selbst. So ergibt das Leben des Menschen erst Sinn. Wenn man keine Erinnerung hätte, hätte auch nichts eine Bedeutung, denn so erst bildet sich Identität. Ich suche nicht nach Nostalgischem und denke auch nicht, dass Techno früher besser war. Es ist seltsam, wie manche Leute behaupten, dass früher alles besser war und sich darüber beklagen wie schlecht jetzt alles ist. Ihre Jugend ist nun vorbei, in ihnen ist etwas gestorben, das realisieren sie und deshalb werden sie zynisch. Aber bestimmt ist das nicht der Grund dafür, „dass heute alles schlecht ist“. Das meiste ist immer noch gut. Musik ist immer noch gut. Man muss sich nur umsehen, umhören, das ist doch offensichtlich!

Clark – Winter Linn (Regie: Christopher Hewitt)

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