Einfach ist für Anfänger

Apples neue Strategie rings um den Audio-Output ihrer iPhones wirft – abgesehen von der eigenwilligen Verwendung des Wortes Courage, das wir irgendwie intuitiv als “Schneid” übersetzen – ein paar Fragen auf, die wir wohl erst in ein paar Wochen endgültig geklärt haben dürften, die aber dennoch einen besseren Einblick in den Umgang damit geben.

1. Was ist so schlimm an einem Adapter?

Wann immer jemand entrüstet sagt: und, soll ich jetzt meinen alten Kopfhörer wegschmeißen?, ist die einfache Antwort diese Gegenfrage. Adapter haben wir oft genug benutzt. Sie sind ein etablierter Weg mit Eigenheiten der Hardwarehersteller bezüglich ihrer Anschlüsse umzugehen. Gerade so kurze, wie der von Apple mitgelieferte Lightning auf Miniklinke Adapter, gehen auch selten kaputt. Ästhetisch ist es eine andere Frage, denn wer möchte an sein pechschwarzes iPhone ein knallweißes Minikabel hängen, um daran dann ein dunkles Kopfhörerkabel zu stecken? Da muss Jony Ive doch die Zornesröte ins Gesicht steigen. Auch im Zubehörshop von Apple gibt es nur diese weiße Farbe. Mögen andere Hersteller das ändern, bitte, hoffentlich ohne die üblichen Lightning-Billigsteckversager.

2. Wie steck ich die Lightning EarPods an meinen Mac?

Oh? Gar nicht? Von einem Miniklinke auf Lightning-Female Adapter zu träumen, ist schon mal Blödsinn, da Lightning ja Strom braucht. USB auf Lightning-Female oder gar USB-C auf Lightning-Female vielleicht? Bislang nirgendwo zu sehen und wir sind uns auch nicht so sicher, ob das überhaupt praktikabel wäre, denn sicher wandelt das iPhone das digitale Signal ja intern schon in analoges Audio um, wenn es erkennt, dass da ein Klinkenkabel-Adapter oder Lightning-EarPods dranhängen. Weshalb sollte ein Mac das am USB-Anschluss können? Normalerweise hängt da ja ein eigener Digital/Analog-Wandler.

3. Sind die Lightning-EarPods dumm?

Dumm jetzt nicht im Sinne von unpraktisch, sondern: haben die überhaupt einen Vorteil von dem Strom den sie bekommen? Wir glauben nicht. Der Preis ist mit 35 Euro genau der gleiche wie bei den bisherigen EarPods mit Klinkenstecker. Die Bedienung ist auch die gleiche. Über die gleiche Fernbedienung. Die brauchten bislang keinen Strom, die brauchen immer noch keinen. Die von Phil Schiller angesprochenen tollen neuen Funktionalitäten, die Kopfhörer dank des neuen Anschlusses so bieten können sollen, wurden von Apple schlichtweg nicht realisiert. Es spricht eigentlich nichts dagegen, wenn der Bauernschlaue iPhone-Käufer die Dinger sofort weiterverkauft, denn dann spart er sich im eigenen Apple-Universum immer zwei Kopfhörer rumschleppen zu müssen. Beißt man halt in den sauren Adapter-Apfel. Schließlich sind die neuen EarPods selbst mit Macs inkompatibel.

4. Warum gibt es drahtlose AirPods und drahtige EarPods?

Gute Frage. Hätten die EarPods von ihrem Lightning-Anschluss profitiert, d.h. einen dieser ominösen W1-Chips bekommen, oder wenigstens normales Bluetooth, dann gäbe es zwar die Möglichkeit diese Kopfhörerchen auch weiter mit allen anderen Apple-Geräten zu nutzen, aber das Kaufargument für die AirPods wäre dahin. Da Bluetooth-Kopfhörer im Allgemeinen weitaus billiger sein können, als sogar die EarPods sind (um nicht von den AirPods zu reden), kann der Preis für so einen kleinen Extra-Chip kein Argument gewesen sein. Gut, der W1 hat noch einen Proximity-Sensor und Accelerometer, aber die gibt es auch wie Sand am Meer und man hätte die in den EarPods zur Differenzierung auch schlichtweg weglassen können.

5. Aber klingt das digital nicht einfach besser?

Nicht anzunehmen. Jedenfalls nicht bei den EarPods. Denn die Wandlung dürfte ja eh schon im iPhone stattfinden, d.h. der Klang der im Lightning-EarPod ankommt, ist sowieso analog. Und besser ist’s, denn um am Ende was hören zu können, muss Klang analog sein und der D/A-Wandler im Kopfhörer wird kaum besser sein, als der im iPhone. (Randbemerkung: anders als andere Hersteller derzeit, achtet Apple erstaunlich wenig darauf, ihre Klangqualitäten durch Extra-HiFi-Chips im iPhone aufzumotzen, nur einen zarten zweiten “Lautsprecher” im Mikrophon-Löchlein hat das iPhone 7 da als Besserung zu bieten).

5. Was ist dieser W1-Chip und sprechen AirPods nur mit iPhones?

Der Webseite von Beats kann man entnehmen, dass es sich um ein Class 1 Bluetooth Gerät handelt. Class 1 bedeutet hier, dass es mit mehr Strom mehr Reichweite haben könnte. Es ist eine andere Bezeichnung als die üblichen Bluetooth X.X, oder LE Namen. Also etwas, was bei drahtlosen Kopfhörern durchaus Sinn machen kann, wobei Apple allerdings betont, dass sie besonders wenig Strom verbrauchen. Da es ohne die iCloud scheinbar nicht möglich ist, Macs mit den AirPods zu verbinden, vermuten wir, dass andere Geräte trotz Bluetooth nicht mit den AirPods reden können. Vorstellbar wäre hier eine Art “Casting” wie bei Googles Chromecast, möglich aber auch, dass die iCloud dafür genutzt wird, dass kein anderer Apple-User in deine Kopfhörer reingrätscht. Mit ein wenig Gefussel kann man der Kompatibilitätsliste der AirPods (die gehen nicht mit iPad 1, 2, 3, 4 oder Mini 1) entnehmen, dass die iOS-Geräte mindestens Bluetooth 4 + EDR brauchen. Wer sich noch an die letzte drahtlose “Technologie” von Apple erinnert, AirDrop, wird feststellen, dass AirDrop nichts mit der Verbindung der AirPods zu tun hat, da hier Bluetooth 4.0 mit HS gebraucht wird und die Datenübertragung am Ende über WiFi läuft, nachdem Bluetooth den Handshake gemacht hat. Ein iPad Mini 1 beispielsweise kann AirDrop, aber redet nicht mit AirPods. Nunja, wenigstens sind die Smart und haben diverse Sensoren. Apple beschreibt das Protokoll, dass die AirPods benutzen mit Bluetooth mit “special sauce”, weil sie auf der einen Seite einen extra Chip haben, auf der anderen den Pairing-Prozess kontrollieren können. Es spricht also eigentlich alles dafür, dass AirPods wirklich nur mit iOS-Geräten und über die iCloud auf Macs laufen.

6. Aber klingen AirPods nicht besser, weil digital?

Umpf. Das Audiosignal, das an AirPods gestreamt wird, ist AAC. Wir vermuten mal 256 kbit/s AAC. Das gleiche Format, das im iTunes Store angeboten wird. Wer also den “satten, hochwertigen AAC Sound” (Apple) mag, ist schon mal nicht ganz falsch. Wer sich gerne über digital vs. analog streitet und MP3s für ein Verbrechen hält, schon. Aber natürlich muss das gestreamte AAC in den Kopfhörern auch irgendwie noch in Hörbares umgewandelt werden. Wie das dann am Ende klingt, ist pure Spekulation, denn bislang haben die Kopfhörer ja nur Menschen in schnatternden Menschentrauben gehört und das Mikrofon in den AirPods ist zwar intelligent (“Ein Stimmbeschleunigungs­messer erkennt, wenn du sprichst, filtert mit wellenbündelnden Mikrofonen Hintergrund­­geräusche heraus und hebt deine Stimme hervor.”) aber für Noise-Cancelling hat es dann doch nicht gereicht.

7. Aber es muss doch Vorteile der Lightning-EarPods und AirPods geben?

Vermutlich. Die EarPods lassen das iPhone den Kubikzentimeter für den Klinkenanschluss wertvoller verwenden, die AirPods sollen angeblich sehr unterbrechungsfrei laufen, also ähnlich wie mit Kabel, nur mit nach oben beschränkter Audioqualität, die haben sie allerdings mit eigentlich allen Bluetooth-Kopfhörern gemein, die jetzt nicht unbedingt (anerkannt schlechter “Bluetooth-Sound”) SBC oder (schon besser, u.U. sogar besser als W1) aptX nutzen, obwohl die meisten das tun. So gut wie AirPlay (oops, das hatten wir fast vergessen) können sie strukturell aber nicht sein.

8. Apple und Audio ist aber doch immer etwas schmerzhaft, warum also jetzt nicht?

Stimmt. Apple hat zwar gelegentlich gute Audio-Qualitäten und beispielsweise die Möglichkeiten iPads in die Audioproduktion einzubauen sind gegenüber anderen Tablets ungeschlagen, aber Apple ist immer auch willentlich – wir würden sagen unnötigerweise – restriktiv im Umgang mit Audio. Ein Stück Musik drahtlos und weiterverwendbar auf ein iOS-Gerät zu schieben ist beispielsweise oft ein denkwürdiger Prozess. Und obwohl Apple in nahezu allen iOS-Geräten WiFi/Bluetooth-Chips verbaut, die ein FM-Radio haben, ist diese Funktion immer grundsätzlich abgeschaltet. Dass es jetzt neben AirPlay noch ein weiteres – wenn auch vermutlich nicht ganz so eigenes – Audioprotokoll gibt, das an vielen Stellen im Kompatibilitätswirrwarr versinkt, macht die Sache nicht einfacher, aber der Slogan heißt ja auch: Think Different, nicht “alles easy” oder gar Plug-and-Play.

9. (Bonus) Aber ich kann mein iPhone noch aufladen während ich mit meinen Lightning-EarPods Musikhöre?

Nein.

3 Responses

  1. JL

    10. Was ist mit den drahtlosen Funk-Hörern im Flugzeugmodus und darf ich sie im Flugzeug benutzen?
    11. Wie lade ich das iPhone im Auto, während ich gleichzeitig Audio in den Aux-Eingang des Autoradios einspeise?

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  2. Christian

    Zur Info: Die Wandlung von digital nach analog kann nur im Adapter oder in den Lightning-Earpods erfolgen da der Lightning-Anschluss keine analogen Signale übertragen kann.

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  3. viktordite

    Apple kontrolliert nun vollständig das eigene Öko-System, deswegen ist die Klinke weg. Es gibt keinen anderen Grund zu suchen. Das waren schon immer Apples feuchtesten Träume. Mit Beats im Huckepack ist es ihnen nicht zu verdenken.

    @JL “Wie lade ich das iPhone im Auto, während ich gleichzeitig Audio in den Aux-Eingang des Autoradios einspeise?”
    z.B. mit so einem Adapter http://mizine.de/ipod/aux-kabel-fuer-das-iphone-6s/

    Btw. 6 Gründe warum ich die Airpods geil finde

    1.) Bessere Soundqualität. Apple hat mit den EarPods schon Jahrelange Erfahrung im Sound-Design der Earbuds
    2.) Die Airpods sind hübscher als alle derzeit erhältlichen BT-Inear Kopfhörer. Auch wenn sich alle darüber lustigmachen, sie sehen einfach nur geil aus – fantastisch fliigran, statt klotzig klobig!
    3.) Sensoren erkennen, wenn die Airpods im Ohr sind oder nicht. Nimmt man sie raus, schalten sie sich aus. Stöpselt man die wieder ins Ohr, schalten sie sich wieder ein.
    4.) Volle Siri Kompatibilität. Zwei mal auf die Oberfläche tippen, schon startet Siri.
    5.) 5h Akku-Laufzeit ohne Nachladen
    6.) Die Airpods ersetzen bei mir gleich 3 Geräte: BT FSE im Büro, BT FSE im Auto und natürlich die Allday In EarBuds

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