Überfallig oder überflüssig? 909, 303 und Vocoder mit Batteriebetrieb

Nichts gegen Retro, muss es denn immer so zwanghafter Hardware-Skeuomorphismus sein? Roland hat in den über dreißig neuen Produkten gestern gleich einen ganzen Satz neu wiederbelebter Minisynths, die sie Boutique nennen, verpackt.

Die TR-09, die aussieht wie die 909, die TB-03, die noch mehr aussieht wie eine 303 und den VP-03, ein VP-330 Vocoder im Taschenformat. Alle laufen mit Batterie, alle haben einen kleinen Lautsprecher, alle passen in die Plattentasche und alle dürften (pure Spekulation) irgendwie zwischen 300 und 500 Euro kosten. Wir vermuten eher ersteres.

Klar, ist die 909 eine Legende und man kann es Roland durchaus gönnen, dass sie für die Nachholfans (mit Gnade der späten Geburt) jetzt die (immer schon verflixt große) Kiste in Klein feiern wollen, aber man kann sich ruhig fragen, warum ein Minisynth, der eine 909 emuliert bis hin zur Trigger-Buchse (dafür aber mit weniger Audioausgängen) neben einer vermutlich nur wenig teureren TR-8 existiert, die nicht nur viel mehr kann, sondern auch eine 909 emuliert. Optik? So ähnlich sind sich die beiden nun nicht.

Ähnlich fragwürdige neue Produkte unter dem 909-Brand sind der 909 Plattenspieler (TT-99), auch bekannt unter dem Namen “Dance DJ “C”” Produkt, und der DJ-99 Battlemixer. Was feiern wir da eigentlich. 33 Jahre 909. So analog war die 909 eigentlich nie. Und intuitiver sind die Fader der TR-8 allemal.

tb-03_top_gal-1

Amüsanter ist da sicherlich die 303-Emulation im TB-03 Boutique-Synth, da schon das Format näher an einer echten 303 ist und man die Bewahrung der – freundlich formuliert – umständlichen Programmierung, die man auch als produktivsten UX-Fail der Musikelektronikgeschichte feiern kann, als amüsanten Marken-Zynismus irgendwie gut finden kann. Immerhin wurde dem Boutique-Nachbau auch noch ein Overdrive und ein Delay (mit Tape Echo und Reverb Funktionen) spendiert. Mehrwert!

vocoder

Je weiter sich Roland von seinem Kultstatus entfernt, desto mehr scheinen sie auch an neuen Features zu wagen. Der VP-03, nach dem zwar legendären, aber im Großen und Ganzen weniger bekannten VP-330 kommt immerhin mit einem eigenen Stepsequencer und einem “16 Chord Memory”, für all jene, die Akkorde lieber mit einem Finger spielen. Etwas mehr als ein Chorus hätte man allerdings als Effekt schon zugeben können.

Während das musikalische Innovationspotential dieser Maschinchen gen Null tendiert, dürfte das eigentlich Interesse hier der Haltung von Roland gelten. Denn sie scheinen jetzt Hardware produzieren zu wollen, wie man früher Apps produziert hat. Da die Decke an wieder herbeihalluzinierten Legenden allerdings eher dünn ist, vermuten wir, dass Roland dies nicht als Strategie durchhalten wird, sondern eher als kurzes saisonales Modephänomen mal eben für die Boutique, wenn auch spät, mitnehmen wollte.

Am Ende ist man fast schon verblüfft, dass Roland sich selbst für die Werbung dieser Boutique-Synths auch noch so einen stilechten Boutique-Techno Song nebst Video gebastelt hat.

Versteht uns nicht falsch, für all diese Geräte gibt es irgendwo sicher einen denkbaren, nützlichen, möglicherweise auch praktischen Einsatz, nur eben die Hoffnung, dass man damit irgendetwas neues zu hören bekäme, darf man vergessen.

Als Bonus noch das Dance DJ “C”” Produkt in voller Schönheit. Und für mich bitte einmal die Slipmat!

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4 Responses

  1. ffm

    So viele Klammern, so viele Klammern, so viele Klammern erschweren das Lesen (und sind immer noch schlechter Stil (auch wenn sie cool sein sollen)).

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  2. Tom

    Über Sinn oder Unsinn solcher RetroClones kannn man streiten. Ich glaube, für viele ist der Sound und die Haptik dieser Maschinen immer noch die Referenz wenn es um Clubsound geht. Der Bedarf scheint jedenfalls da zu sein. Sonst würden die sowas nicht wieder auflegen.

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