Erinnert sich noch jemand daran, als Aphex Twin – war das mit “Dodeccaheedron” – diese monströs gewaltige, pappig wuchtig breakige Bassdrum, die immer so quer durch die Eingeweide zuckt, in Techno eingeführt hat? Die gehört jetzt ja schon gefühlt ewig zur unserer Sprache. Aber immer wieder bewirkt dieser Nachhall, dass man von der Masse direkt in die Deepness abschwenken kann, ohne groß drüber nachzudenken.

Und genau so funktioniert sie auch auf “Choral”, dem ersten Track der phantastischen neuen EP von Andrea auf Ilian Tape. Von ganz unten aufwühlend, wirbelt der Track in der Sicherheit dieser bestimmenden Ruhe seine Harmonien auf, lässt sie in kurzen Hallräumen auf den schweißnassen Boden träufeln und ist mit dem gleitenden Schimmern in diesen zusammengepressten Zwischenräumen schon fast zu Ende, wenn man sich gerade, mit allem was man hat, den Track wie eine dritte Haut einverleibt.

Auf “Machine” wird mit fast gabbaartiger Peitsche und 909 Geholze vorgetäuscht, man könnte sich von der Tiefe lösen, aber sobald Andrea die Synths zum Singen bringt, wummern nicht nur die Glasscheiben der Warehäuser, sondern auch das innere Echolot dieser Tiefe, aus dessen Suchern man sich sich nur durch resolut schnippische Rimshots retten kann. Ein Track für den Untergang der Auferstehung. Nein, mir ist auch nicht klar, warum ich hier ausgerechnet bei einem Italiener (Andrea ist aus Turin) in religiöse Metaphern (oder was man dafür halten könnte) abgleite. Es ist und bleibt purer Funk. Wenn auch mit dem Beigeschmack einer Abrißbirne. Und auch wenn Andrea bei seinen Tracks, die für diese Art Sound mit 5 Minuten ziemlich kurz sind, das ganze unwirklicherweise als Popformat inszeniert.

Der Titeltrack. Immer besonders. Der ist so schön, dass man heulen möchte. Ooops. Die Ästhetik bleibt, die Melodien gehen noch tiefer unter die Haut, sprengen sie und lassen einen bis in die letzte Zelle das Glück dieser sanft rollenden Gewalt singen. Musik, die einen, vorbei an allen Wehrmechanismen, die man so haben mag, in sich auflöst, als wäre man eigentlich eine Brausetablette.

Als Ausklang dann “Rainbow”, dass nach schlängelndem Synthintro die geschliffen monumentalen Breaks auf die Spitze treibt und in einen tribalen Tanz verwickelt, der sogar mich, der dieses Wort (“tribal”, juck!) hasst, wieder daran glauben lässt. Wenn ich auch keine Ahnung habe, wie man das in Clubrealität umsetzen könnte, ohne diese historische Klebrigkeit aufzurufen. Man kann es “Rainbow” aber nur wünschen. Uns auch.

Kurzum: eine Platte, die ästhetisch immer wieder aus seiner schwebenden Schwere heraus neugeschichtet und gewuchtet werden will, eine Platte wie Marmor.

One Response

  1. Vince_W

    Der zweite Track war die letzte Nummer der Jungs auf dem melt, mit dem sie die Modeselektorstage quasi verabschiedet haben… Habe ich darauf gewartet… sweet memories…. Ein sooooo unfassbares BRETT!!!!! EPIC…. :-)

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