Ah, endlich mal reinhören. Und den ersten Track kennt ihr ja schon alle. “minipops 67 (source field mix)”. Was ihr nicht wisst, er setzt das Thema für das ganze Album. Bin ich froh, dass die Monstergearliste, die die Tage die Runde machte, sich genaugenommen so gar nicht in einem Super-Geek-Album ausdrückt. Die Albernheiten in “minipops” ziehen sich durch Syro wie ein roter Faden. Aphex Twin wie in den ersten Tagen. Im Grunde hätte Syro auch ein Caustic Bubblebath Spätwerk sein können.

Apropos Werk. Das neue Aphex Twin Album ist so unkompliziert, so erfrischend easy, lässig, plaudernd, quasselnd, quatschig, kindlich aufrichtig emotional, dass man sich gerne von jeder Legendenbildung verabschiedet. “XMAS_EVET10 (thanaton3 mix)” beginnt zwar mit etwas sphärischen Flächen, aber trällert dann gleich im ähnlichen, wenn auch melancholischeren Stil von “minipops” weiter. Ein Hauch Indie vielleicht. Flausig natürlich. Musik die so klingen könnte, als hätte Aphex gerade zum Weihnachten sein erstes Equipment bekommen und müsste jetzt voller Glück erst mal alles ausprobieren. Sprunghaft war Aphex schon immer gerne, keine Melodie zu schön, um sie nicht etwas zu verwuseln, kein Sound so gut, dass man viel zu lange dabei bleiben müsste. Aphex das ADHS-Kid. Immer wieder. Und wer genau das an ihm liebt, ist schon beim zweiten Track süchtig. Glöckchenklang, verdrehte Chords, kindliche Stimmen, alles so herzlich untechnisch. Voller kleiner Details, aber eher im Sinn eines Eimers voller quietschbunter Süssigkeiten, als auch nur ansatzweise High-Tech.

PS: ich gebe keine Gewähr für die Tracktitel. Der Stream (oh wie ich das hasse) ist an einem Stück, ich bin zu faul die BPM nachzuzählen, aber falls wir doch noch im gleichen Track sind, dann swingt der auf einmal endlos zurückgelehnt und lässt es mal für eine Weile grooven. Das könnten auch zwei Stücke sein. Vermutlich genau das was uns der Unterstrich sagen will.

“produk 29”. Ein Downtempotrack. Wie so vieles, wird auch hier eine Erinnerung an die Zeiten der frühen 90er wach. Das hätte ein Triphop-Track sein können. Mo Wax. Ihr wisst schon, die guten. Natürlich – wie gerne bei Aphex – mit einer dicken Schicht 70er Jahre Synthsound, und mit albernen Vocals, dich sich fast lüstern über die Clubs beschweren, oder irgendwas anderes, was nicht ganz radiotauglich ist. Hatte ich schon erwähnt, wie sehr ich die Drums von Aphex Twin liebe. Immer etwas pappig, immer anders, immer mit so viel schlendernder Dynamik. Die atmen, egal aus welcher Maschine sie kommen. Und wie alles an Aphex sind sie extrem biegsam, analog, nicht unbedingt weil sie aus einer analogen Drummachine kommen, sondern eher, weil er ständig irgendwo eine kleine Einstellung ändern muss. Oh. Schon vorbei.

Jetzt aber mal Techno. Die balearisch funkig elektroide Variante. “4 bit 9d api+e+6” schnarrt in den Synths, rauscht, vertüdert sich gelegentlich in den Grooves etwas, fällt immer wieder auf die samtigen Pfoten (auch hier wieder viel Synthgebimmel und Glöckchenklang, Pizzicatos und endlos schlängelnde Melodien) und könnte eine Kreuzung aus Drexciya in den softesten Stunden und, äh, ja, eigentlich nur Aphex Twin sein. Ist das alles blumig hier. Ich wünschte, man müsste sich nicht die restlichen Bits zum Stream dazudenken. Ich pack gleich meine LED-Quitscheentchen aus.

“180db_”. Ok, jetzt aber wirklich Techno. So richtig belgisch. Mentasmstakkato, Breaks, Rave! Geht das wo lauter zu machen? Ich möchte dieses Geisterhafte unter die Haut injiziert bekommen. Ich will das die Wände wackeln in ultraviolett. Ein paar weiße Handschuhe wären auch nicht schlecht. Und ein Subwoofer, der einem das Hirn zerdrückt. Das lustige an diesem Album, es macht niemals Krach. Ihr wisst schon. Aphex Twin konnte auch schon mal noisy sein. Ist er jetzt altersmilde? Ein moshender Langhaarraver mit Bart, der in den Mentasmsounds baden geht, wie in einem plätschernden Bächlein auf der walisischen Heide?

“CIRCLONT6A (syrobonkus mix)”. Moment. Wird doch noch etwas krakeliger. Aber eben nicht völlig willenlos vertrackt und dabei irgendwie krachig, sondern eher flink fusselig zerrissen ohne wirklich kaputt zu sein. Ich kenne Deephousetracks die kaputter klingen (gerne auch absichtlich). Hier ist alles elektrisch aufgeladen und aufgeschnürt, vielleicht mal etwas übergatet, vielleicht hätte man das 1995 auch für irre wahnsinnig wild gehalten, aber Aphex Twin ist echt nicht Venetian Snares oder Black Midi. Dafür sind die Synths einfach immer zu sanft, zu schaukelnd, zu bunt, zu psychedelisch. Und das ganze Album viel zu sehr auf dieses im Hintergrund sanfte Morphen aus. Aphex Twin – auch das toll – hat nicht die geringste Referenz zu heute nötig. Hier ist nix was modern klingt. Keine typische Technik, die man so aus den Stücken der letzten Jahre kennen würde. Dafür aber unglaubliche Breaks mit extrem schnuckelig ausgefeilten Synthwendungen. Ausrausch mit Gate. Auch gut.

“fz pseudotimestretch+e+3” – mittlerweile bin ich wieder sicher, dass ich die Tracks im Griff hab – ist schon vorbei.

Wie das eiert, dieses “CIRCLONT14 (shrymoming mix)”. Wenn mein Gleichgewichtsorgan noch in meinen Ohren sitzen würde, wäre mir jetzt schwindelig und würde zur Beruhigung mal auf der Gearliste nachsehen ob das ein 909 Breakbeat ist. Jedenfalls reinstes Paisleygewusel. Und ja, da singt doch schon wieder jemand. Eine Techno-Breakbeat-Hippie-Nummer für Verdrehte, wie sie im Buche steht (irgendwo da auf den Seiten, wo es zur Rave-Breakbeat-Hippie-Kollision 1993 oder so gekommen ist, falls die nicht jemand rausgerissen hat, weil er wegen der Op-Art-Bebilderung dachte, das wäre ne Pappe). Liebliches Geschnarre das alles. Wie ein lange gereifter viel zu süßer Wein, den man mit verzogen grinsendem Gesicht im Sommer dann doch irgendwie schnell runterschluckt, weil, könnte ja der letzte sein und wäre doch schade drum und ist doch zu schön hier. Ist das alles verspielt. Bauklötze aus Knetgummi. Und wie auch immer Aphex das Gleichgewicht in diesen Tracks findet, ist mir echt ein Rätsel. Das traumtänzelt so von einem Thema zum nächsten, ist aber doch immer völlig klar. Pure Verführung. Man möchte das Album schon irgendwie anknabbern. Das läuft jetzt schon 40 Minuten und ich hab mich noch keine Sekunde gelangweilt. Dafür ist hier aber auch einfach zu viel los.

Ich weiss nicht in welchen Sprachen die Stimmchen hier immer gerne plappern, aber, den “Titeltrack”, “syro u473t8+e (piezoluminescence mix)” lass ich eh mal aus, weil der ist mir zu funky, das hab ich schon beim ersten Mal hören gemerkt. Prince im Strobegewitter mit etwas seichten 80er Jahre Synthanklängen. War noch nie mein Ding. Weiss aber auch nicht, ob ich das so schon mal gehört habe. Obendrein dieses notorische Fiepsen im Hintergrund, das ist nicht gut für die Ohren. Falls ihr auf die Listening-Session geladen seid, wäre das jetzt der Moment auf Toilette zu gehen. Ich mach mir ‘nen Tee.

So, kommen wir zum großartigen “PAPAT4 (pineal mix)”, dem upliftenden Breakbeatravemoment, aus der Zeit als man mit einem Break völlig klar kam, und den auch nicht allzugroß zerschneiden musste. 1992. Die große Kitschmelodie vorgeschoben, nicht zum triefen, sondern eher als Trigger für den großen Spass auf dem ersten Openair-Rave draußen in der nächstbesten Wiese, die man dem Bauern im Norden von London (oder Cornwall, eh mehr Bauern da…) für eine Nacht abquatschen konnte. Aphex hält sich hier sichtlich zurück und zum ersten Mal kommt, obwohl viel von dem was hier läuft auch in oder besser mit der Vergangenheit spielt, Nostalgie auf.

Und da bleiben wir auch erst mal, denn die Ode an Breakbeats ist noch nicht zu Ende. “s950tx16wasr10 (earth portal mix)” ist nämlich lupenrein knatter-cutup Breakbeat-Sound aus 1994. Natürlich mit dem Hauch Aphex Twin, aber irgendwie doch nah, sehr nah an den Sounds die Leuten wie mir ganz ganz tief ins Hirn gebrannt sind. Ich mag das. Sehr. Die ganze Zeit nur Aphex Twin sein, rechts, links, oben, unten nix anderes hören können und wollen, und dann am Ende mit zwei Breakbeatnummern doch noch eine Referenz, eine Art Danksagung an eine Szene loswerden zu wollen, die für Aphex einfach immer schon entscheidend war. Das ist so ungezwungen, wie alles auf diesem Album und darf dann am Ende ruhig noch ne Runde Funk-Skat mit Squarepusher spielen. Das nähert sich dem Ende. Ooch. Schon vorbei? Rewind!

Zum Abschluss, damit wir nicht traurig sind, setzt sich Aphex Twin in seinem Landhaus, in dem die Vögel durchs offene Fenster zwitschern, ans Piano und spielt uns eine butterwarme Frühlingsmelodie. Das ist zum Heulen schön. Und ich weiß auch wieder in welches Gadget ich meine nächsten Euro investiere. Ein Piano. Ich will auch wieder eins. Ein Piano ist ein Freund, verlässlich, holzig, wunderschön fließend. Aphex Twin auch. Und wer den Ambient-Aphex, den Techno-Aphex oder andere davon hier vermisst, ihr wisst doch, der hat noch ein paar Alben fertig, da wird er sicher auftauchen. Und jetzt geh ich erst mal die Analog Bubblebath Vol. 3 CD suchen, die muss so lange halten, bis es “Syro” mal in etwas besserer Auflösung gibt.

7 Responses

  1. amiga

    Sehr cooles Review Sascha,

    In der Tat, das album klingt einfach analog und wie aus einem Guß, das kann ich von Luke Viberts Album “Ridmik” nicht behaupten was eine musikalische Antithese zum Aphex Twin album darstellt nämlich arg konstruiert, ideenlos und einfach amateurhaft rüberkommt.

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