Nach all den Jahren, all den endlosen Platten von und mit Roman Flügel, fällt es mir eigentlich immer schwerer zu greifen, was er eigentlich ist, aber wann immer eine neue Platte von ihm eintrudelt, freu ich mich immer noch wie ein kleines Kind. Da kann nichts schief gehen und man weiß schon vorher, dass man sich auf ein Abenteuer einlassen wird, macht die Tür zu, dreht auf, spitzt die Ohren und was sonst noch so mithört und lässt sich verführen. Auftritt: “Connecting The Ghost”. Ulkigerweise stecken wir hier zuerst in mitten im tiefsten Psychedelia-Kraut. Spaceman Flügel! Theremin und schrammende Reverbgitarre mit sanftem Pianoausklang. Wir vermuten er war verlockt mitzusingen. Schon in der ersten Sekunde, als der nächste Track losgeht, ist klar, “Happiness Is Happening” ist so eine Art Kinderbuch. Pop-Up. Voller bunter Bilder. Jede Seite eine neue Geschichte. “Friendship Song” daddelt mit Rudimentär-Elektronik als wäre es der Lovesong den Der Plan nie gemacht haben. Von den inneren Mandelbrotbäumchen zum Puppenspiel. Da war doch noch was… Clubmusik? Keine Sorge, auch wenn “Stuffy” eher leicht verkatert in den Bassdrums um die Ecke kommt, und sich trotz flinker Drummachine-Grooves kurz Richtung Oldschool wendet, ist es auf dieses Abenteuer der Differenz aus. Leicht flausig stumm knuffige Sequenzen, sanfte Hintergrundharmonien, ab und an ein Blick in Richtung Fragile, schafft es das Stück sich unerwartet ein eigenes balearisches Samba-Nirvana zu zaubern. Irgendwie duftet diese Platte schon jetzt nach einem Korb voller Blütenstaub. “Your War Is Over” swingt so hintergründig wie luftig, so tragisch wie ausgelassen, so summend und säuselnd aber doch voller Tiefe. Egal was Flügel so anfasst, es ist immer pure Musik, und selbst wenn er irgendwo Anklänge aufgreift, hat man keine Chance zu behaupten: ok, “Wilkie”, das ist jetzt so Flügel macht Disco. Macht er, ist aber weder ein Versuch, noch die Idee, lass uns mal ein Genre neu erfinden, noch irgendetwas, was sich mit einem Genre auseinandersetzt. Die Bassline mag typisch sein, das leicht kosmische Tänzeln, die Synthstimmen, aber der Track ist purer Honig. Und so voller innerer Assoziationen, dass man selbst der traurig grinsenden Einsamkeit der Computerstimme am Ende noch ganz aufrichtig voller Glück begegnet, sie in die Arme nehmen möchte, aber ihr doch einen leicht absurden Witz erzählen will. “Tense Times” tut so, als wäre Techno noch gar nicht erfunden worden. Mehr noch, es geht von einer Musik aus, die sich anfühlt, als wäre sie ganz am Anfang und die Reise überhaupt noch nicht klar. Als hätte sich Roman Flügel an diesen Ort aufgemacht, so mitten in der Platte, an dem man alles vergessen hat, was war und dennoch voller Naivität dem Versprechen eines Neuanfangs glaubt, einfach nur um herauszufinden, wohin einen das treibt. Irgendwas aus der langen Geschichte der elektronischen Musik fehlt noch… Richtig. Electro. “Parade” flunkert einem einen Moment lang vor, als wäre es das. Zerbricht dann aber mit Knetgummi-Synths und dem Willen die Galaxis in einem Dreirad zu umrunden. Eine verrückte Platte – kein Wunder bei dem Titel – die sich selbst immer wieder ausweicht aber dennoch nie den Hauch des Problems hat, nicht zu sich selbst zu finden. Für “We Have A Nice Life” holen wir erst mal das Taschentuch raus. Ist das schön. Strings, Synths, Überwältigung. Wie es sich dann zu einer slammenden Acid-Pastorale entwickelt, ist eine gute Frage. Wir nähern uns dem Ende der Reise. Hatten wir schon befürchtet. “Occult Levitation” ist dieses innere Summen. Der Punkt an dem man denkt, da will ich bleiben, da geh ich auf, da stelle ich keine Fragen mehr, da ist die 808 gut. Und als Nachsatz fegt einen Roman Flügel mit dem tropischen Swing plinkernder Xylophone noch den Heimweg und singt dann doch. Wir können uns kaum ein Album vorstellen, dass bei all diesen Ansätzen, wir sollten besser Blickwinkeln sagen, denn hier ist nichts unvollendet, nichts ein Test, kein Labor, kein Experiment, nicht auseinanderbrechen würde, aber irgendwie hält einfach durch diese sanfte Geste, die hinter allen Stücken steckt, diese verbindenden Melodien, die sogar meinen Kater am Ende ganz verträumt schnurren lassen, alles in diesem Schwebezustand zusammen. Wir fangen jetzt einfach noch mal von vorne an.

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