So geht Gegenkunst in der Kunst die Gegenkunst sein möchte, aber Homeland kann man trotzdem sehen.

Die Streetartists rings um Heba Amin, Caram Kapp und Stone waren von Homeland dafür gecastet worden, den syrischen Flüchtlingslager-Inszenierungen in der neuen Homeland Staffel ein authentisches Flair zu verleihen. Der Auftrag: macht Graffiti, das echt aussieht, aber keine direkte Kopie ist (Achtung, Copyrightprobleme). Da ihnen mit dem Inhalt der Serie mulmig war, musste ein gutes Konzept her und das hieß: lass uns diese rassistische Darstellung von Muslimen unterwandern. Mit klarem arabischen Graffiti wie: “Homeland ist rassistisch”, aber auch alberneren wie: “Homeland ist eine Wassermelone” und was mit Eroberern auf Eseln.

Die Darstellung von Muslimen in Homeland hat – auch mitten in der Begeisterung für die Serie – schon einiges einstecken müssen. Und die Argumente, die die Sprayer-Crew jetzt liefert, sind von Anfang bis Ende einleuchtend. Jeder arabisch sprechende Mensch, dem bei dem Bild, das Homeland von Muslimen – aber auch der gesamten arabischen Welt – oft zeichnet, bislang die Haare ausfielen, wird die Serie jetzt mit viel mehr Amusement sehen können. Das ist gut so.

Der eigentlich Dreh hier: Homeland will Amerika, den CIA, den Einsatz gegen den Terror als einen Komplex zeigen, der nicht nur seine offensichtlich üblen Schattenseiten hat, sondern intern zerrissen ist. Eine Nation vor Fragen stellen, der sie sich im begeisterten Schwingen von Fähnchen oft genug entzieht. Homeland selber will das Bild des guten Amerika im Kampf gegen den Terror mit einer differenzierteren Sicht nicht selten skrupelloser Aktionen zu mehr Aufgeklärtheit führen.

Der Vorwurf ist deshalb um so perfider: gerade so unterwandern sie aber nicht nur das reine Bild Amerikas, sondern durch die immer wieder schemenhafte Karikatur der arabischen Welt verfestigen sie selbst in den kritischeren Zuschauern auch ein falsches Bild im Wohlgefallen der Aufklärung. Und die Künstler produzierten jetzt, als Gegengewicht, ein echtes Bild im Falschen als Unterwanderung der Gutgemeinten, aber in sich schon unterwanderten Kritik.

The content of what was written on the walls, however, was of no concern. In their eyes, Arabic script is merely a supplementary visual that completes the horror-fantasy of the Middle East, a poster image dehumanizing an entire region to human-less figures in black burkas and moreover, this season, to refugees. The show has thus created a chain of causality with Arabs at its beginning and as its outcome- their own victims and executioners at the same time. As was briefly written on the walls of a make-believe Syrian refugee camp in a former Futterphosphatfabrik (animal feed plant) in the outskirts of Berlin, the situation is not to be trusted- الموضوع فيه أن.Heba Amin

Aber ist die neue Staffel von Homeland nun eine, die Thomas de Maizière mit Wohlgefallen nach der mörderischen Bundestagssitzung mit CSU-Gespielen bingewatchen würde?

Never! Schließlich stecken jetzt CIA und BND nicht nur unter einer Decke, sondern der BND lässt in Berlin die CIA die “Drecksarbeit” machen. Letzteres übrigens der Subplot in der neuen Staffel, aus dessen Blickwinkel man die Kritik der Streetartist an Homeland dank seines brutalen Stumpfsinns explodierender Wohnungen von Terrorzellen im Stadtkern ohne weitere Folgen mehr als dankbar aufnimmt. Selten war – wenn man den gedanklichen Kniff der anonymen Brutalität von Drohneneinsätzen nicht verinnerlicht hat – das Abschlachten von Muslimen in Homeland so, wie sagt man, “gratuitous”, wie vor dem Hintergrund Berlins.

Bei allem Hype, den eine Serie auf Showtime genießen mag, wenn es vom “Homeland” ins Ausland geht, oder das Ausland im Homeland mitspielt, dann wird es in der Darstellung anderer Kulturen oft nicht weniger quietschig als bei vielen anderen Serien. Das kann man besser machen, wie beispielsweise “Honourable Woman” der BBC letztes Jahr gezeigt hat, meist aber läuft das um Längen schlimmer. Wer von einer US-Serie erwartet, ein realistisches, geschweige denn differenziertes Bild anderer Kulturen geliefert zu bekommen, der müsste eigentlich aber schon beim ersten deutschen Satz den irgendwer in so einer Serie loslässt, geheilt sein. (Niemand redet so!).

Das aber muss man Homeland dann zu Gute halten, denn der Dreh in Berlin ist nicht nur Staffage, sondern bindet Schauspieler und Schauplätze weitestgehend ziemlich gelungen ein, selbst wenn man hier über diverse Szenen stolpern mag. Deutsch ist in der neuen Staffel erste Fremdsprache (selten genug) und in dieser Fremdsprache, den Momenten in denen der Blick auf ein Deutschland zwischen “warum kann Tatort das nicht so gut” und “in welchem Fantasy-Berlin soll das stattfinden?” schwankt, zeigt sich eben auch, welche Gradwanderung zwischen eigener Zielsetzung, notwendiger Überforderung durch ein höchst komplexes Thema, Vielschichtigkeit von Message und allzu offensichtlichen Fehlern so etwas wie eine “zeitkritische” Serie manchmal eben operieren muss, wenn sie sich weit ins Feld der politischen Realität hinauswagt.

Das gerade das zweite Zentrum (nennen wir es mal klassisch, den Bösewicht, hier Terrororganisation) der Serie dabei so ins Zentrum der Kritik gerät, sagt u.U. aber auf einer dritten Ebene dann auch wieder mehr über das eigentliche Ziel der gemeinten Kritik aus: die interne Zerissen- und Verfasstheit des Post-9/11-Amerika.

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