Wenn aus dem letzten Abendmahl ein Resteessen wird. Lindelofs unterkühlte Serien-Bibel nach Lost.

The Leftovers von Damon Lindeloff nach einem Roman von Tom Perrota hätte auch ganz anders werden können. Im Zentrum steht das urplötzliche Verschwinden von Millionen von Menschen auf der ganzen Erde, das für bibeltreue Christen in den USA unter dem Namen “The Rapture” so eine Art Himmelfahrtskommando ins Armageddon ihrer Wunschträume ist.

Man hätte also, wenn man, so wie ich, den Roman nicht kennt, befürchten können, dass wir schon wieder haufenweise lustige Südstaaten-Kultfeste mit irren Christen sehen, die ihre düsteren, eigenwillig blutrünstigen Rituale jetzt auf Overdrive abziehen, um dem aufgeklärten Liberalen in den USA zu verstehen zu geben, wie irre dieses Ding mit Gott eigentlich ist. Eine Art Christen-Monstertruck-Showdown mit Erziehungseffekt.

Das Gegenteil ist der Fall. Die wichtigste der Sekten in The Leftovers sind weiß gekleidete Kettenraucher die durchgehend ihre Klappe halten und eher stumm rumstehen wie man sich die gelangweilten Eltern der Kinder aus dem Dorf der Verdammten vorstellen würde. Auf den ersten Blick bedrohlich aber für die Geschichte zunächst irgendwie auch zu kaputt um mehr als Prügelknaben zu sein. Man nennt sie The Guilty Remnant. Die andere Sekte hat irgendwas mit asiatischen Nymphen rings um einen charismatischen Umarmer in der Wüste zu tun und bekommt schnell vom FBI auf den Deckel.

Stellt man sich vor, in den USA würde so etwas wie “The Rapture” wirklich geschehen, man würde vermuten, es wäre die Hölle los. Erstschlag. Mindestens. Egal gegen wen. The Leftovers aber setzt drei Jahre nach dem Event an und blickt eher ins langsame Scheitern der Existenzen daran, dass man immer noch keinen Deut schlauer ist, was nun eigentlich passiert ist.

Man kommt nicht drumherum bei The Leftovers Vergleiche zu Lost zu ziehen. Klar, wenn Lindelof seine Finger im Spiel hat.

Die Grundstruktur von Lost war in etwa so. Menschen verschwinden an einem mysteriösen Ort, dessen Mysterien sie Stück für Stück aufdecken, nur um sich noch tiefer in ihnen zu verlieren. The Leftovers stülpt das um. Menschen verschwinden von ganz normalen Orten, die anderen decken überhaupt nichts über dieses mysteriöse Ereignis auf und verlieren sich in dieser Unerklärbarkeit dennoch.

Ähnlich genug. Doch mit einem großen Unterschied jenseits der stilistischen Unvereinbarkeit von Disney mit HBO. Während Lost dem Zuschauer Woche für Woche neue Rätsel zu entschlüsseln gab, dessen Auflösung dann fieserweise immer ein Stück weiter weg zu rücken schien, wie eine Reise ins Nirvana bei der man die Blende von Episode zu Episode weiter aufdreht, um einen in einem Strudel voller Komplexität zu versenken, ahnt man bei The Leftovers von Anfang an: es gibt nicht das große Rätsel zu entschlüsseln und alles was an mysteriösen Dingen geschieht, könnte am Ende nur das eigene Versagen sein, sich mit keiner Antwort zufrieden zu geben.

Im Zentrum von Lost war die Insel und ihre Geheimnisse die gelüftet werden mussten. Nicht die Geschichten der auf ihr gestrandeten Menschen, sondern deren unheimliche Vernetzung untereinander, machte die Rückblicke auf ihre Vergangenheit wirklich interessant. Diese Rückblicke, ja selbst Flashbacks gibt es bei The Leftovers auch. Merkwürdige Träume, surreale Bilder, langsam aufgedeckte Beziehungen unter der Oberfläche. Aber im Zentrum ist kein Geheimnis das die Hoffnung schürt gelüftet werden zu können, sondern einfach die Leerstelle des Unerklärlichen.

So unheimlich, voller Anspielungen, kleiner Geheimnisse und großer Themen The Leftovers auch sein mag, die wirkliche Spannung entsteht hier vor allem in der Schizophrenie mit der all das ins Alltägliche und eine scheinbare Unausweichlichkeit des Unveränderbaren getunkt wird. Banalität und Wahnsinn in einer traumhaften Balance, die von Folge zu Folge neu gefunden werden muss.

Irgendwie erinnert uns das ein wenig an eine andere große HBO-Serie, John from Cincinnati, die damals so gnadenlos nach einer Staffel verschwand. Und sollte The Leftovers trotz Lindelof ein ähnliches Schicksal widerfahren, wird man vermutlich ebenso sprachlos wie überzeugt sein, dass genau dieses Scheitern manchmal auch die Größe von HBO ist.

Muss ja nicht immer alles klappen. Scheitern kann so schön sein. Wäre dennoch klar eine der besten Serien der Saison.

PS: Die Trailer versprechen übrigens immer rasante darke Action, während die Serie glücklicherweise sehr subtil und ruhig in ihrer Darkness ist. James Blake ist da ein passender Soundtrack.

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