Auf die Plätze, weltweite Unfruchtbarkeit, los

Manchmal sind Scifi-Serien einfach nur blöde Backdrops für Designer mit einem Fetisch für überbelichtete Zukunftsvisionen, manchmal schlicht unterbelichtet, banal verlagerte Kriegsschauplätze, mal Remakes von Filmen, von denen irgendwer glaubt, nicht genug gesehen zu haben, mal auch nur der Grund mehr schleimige Monster zu erfinden. Gelegentlich aber gibt es diese eine spekulative Grundidee, die wie ein roter Faden in eine Welt führen soll, die dystopische Zukünfte als Ermunterung zur Aufdeckung von Fehlern im bestehenden System zeigt.

The Lottery ist nun die ganz andere Art von Scifi, in der diese spekulative Grundidee dystopischer Endzeiten in ungefähr das Gegenteil eines real existierenden Problems ist, nicht jetzt, nicht in der Zukunft. Negative Dystopie als verunglücktes Experiment quasi. Und die wird, kurios folgerichtig, auf so wissenschaftlich surreale Weise wie möglich, zu einem Plot zusammengezimmert, den man gutwillig als unfreiwillig komische Kastrationsangst in serieller Produktion bezeichnen könnte.

Die Idee: Vor 10 Jahren wurden fast alle Menschen unfruchtbar, vor sechs erblickte der letzte Säugling das Licht der Welt. Spezifischer noch: alle Männer wurden unfruchtbar, denn ihr Sperma ist nicht mehr fähig das weibliche Ei zu “penetrieren” (Biologie-Rant hierzu könnt ihr euch denken). Wie auch immer, die Menschheit stirbt aus, das Department of Homeland Security wird durch ein noch viel unterdrückenderes Department of Humanity ersetzt und die Zukunft erkennt man vor allem daran, dass iPads in 2025 etwas transparenter sind. Deprimierender könnte eine Dystopie nicht sein, selbst wenn sie reale Probleme zu beklagen hätte.

Die gute Nachricht: einer Wissenschaftlerin gelingt es exakt 100 (Amis waren schon immer groß in metrischen Einheiten) Embryos zu befruchten [sic]. Die schlechte Nachricht: Mist, wer soll die paar Kleckerföten jetzt bekommen? Die PR-Lösung: eine Lotterie! Das hat ja auch in anderen SciFis immer schon für so schön absurde Plots gesorgt und bringt Dynamik, weil wegen Demokratie, Brot und Spiele und so.

Die unausweichliche Folge ist fraglos weltweiter Politik-Stress, Intrigen, Terror. Was sonst? All das ca. 6 Jahre nachdem diese Problematik, die so in ungefähr das Gegenteil des weltweiten Populationsproblems ist, das uns schon so viele grandiose Endzeitfilmchen eingebracht hat, eingetreten ist. Wir vermuten es gab in der Zwischenzeit einen weltweiten News-Boykott oder Bonus-Tramadol im Trinkwasser. Wenigstens muss die Wissenschaftlerin jetzt nicht mehr die Nachtclubs nach den letzten Befruchtern der Menschheit abgrasen, um zum vermeintlich letzten High-Quality Sperma auf altmodische Weise zu kommen. Was immer auch das mit der Geschichte zu tun gehabt haben mag.

Viele der Peinlichkeiten dieser Serie sind, abgesehen davon, dass die Unwissenschaftlichkeit der Prämissen überproportional zum Anteil der eh schon überproportionierten Laborszenen steigt, vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Protagonisten nicht selten Schwierigkeiten haben, sich irgendwie überzeugend in die Geschichte hineinzuversetzen. Die Stabscheffin des Präsidenten z.B. guckt immer so als würde sie besonders laut und ausdrucksstark denken: Hä, echt jetzt, das auch noch? Der letzte Befruchter gefällt sich in einem konstant chilligen “Hauptsache, ich seh gut aus”. Martin Donovan (intriganter Chef der Befruchtungskommission) denkt sich vermutlich lapidar, OK, Bösewicht mit Tiefgang, muss ich eh immer spielen und kommt damit noch am besten durch, obwohl seine Figur eigentlich als das Gegenteil von Tiefgang angedacht wurde.

Fall ihr euch jetzt denkt, toller Trash, tu ich mir an…

Leider sind die Trash-Szenen im ganzen Betroffenheits-Schmu eher selten, weil irgendwer im Produktionsteam die Prämisse aus welch abseitigen Gründen auch immer wirklich ernst zu nehmen scheint. Letzteres der Moment in dem Dystopie mit Kulturpessimusmus dann endgültig zusammenfällt, was nicht unbedingt dadurch entschärft wird, dass man weiss, der produzierende Sender, Lifetime, ist ein Kanal, dessen Hauptzielgruppe Frauen sind und dessen Haupt Werbeschalter vermutlich Pampers.

Sollte irgendwer aber dennoch den Mut aufbringen: in Folge 3 soll es eine herausragende Szene geben, in der der letzte kleine Stöpsel von der Wissenschaftlerin mit “guck mal hier, das tolle Mikroskop” abgelenkt wird, während Papi sich nebenan für die nichtexistente Wissenschaft und damit, in der Logik dieser Serie, für die Zukunft der Menschheit, einen runterholt.

Darauf:

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