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Alan Clay sitzt in Saudi-Arabien mit einer schönen Dänin in der Badewanne, und das lässt ihn vollkommen kalt. Der Grund: Wirtschaftskrise. Das mag hölzern sein, aber die Stärke von Dave Eggers neuem Roman ist tatsächlich, dass er die persönlichen mit den gesellschaftlichen Tragödien in Zusammenhang bringt. Der zurückhaltende Sunnyboy der amerikanischen Gegenwartsliteratur – außerdem: Verlagsgründer, TED-Talker, Film-Konspirant – hat seit seinem ironisch-bescheidenen Debüt “A Heartbreaking Work of Staggering Genius” mit bewundernswerter Souveränität kontroverse soziale Themen aufgegriffen. “Ein Hologramm für den König” ist nun eine Parabel auf die amerikanische Gesellschaft, in der die Frustrationen des Protagonisten nicht nur mit der sozialen und wirtschaftlichen Krise verwoben, sondern vielmehr deren Symptome sind.

Alan, Mitte Fünfzig, hat sein Ego komplett auf Erfolg aufgebaut. Nach zahlreichen beruflichen und privaten Niederlagen ist er geschieden, hoch verschuldet und, weil er seiner Tochter Kid das Studium nicht mehr finanzieren kann, auch seines letzten Stolzes beraubt. Den Ausweg aus dieser demütigenden Situation sieht er in einem Auftrag für das saudische Königshaus: ein holografisches Telekonferenz-System für die neu entstehende King Abdullah Economic City. Alan und eine Handvoll junger Mitarbeiter brechen also auf, um den König von der Überlegenheit der amerikanischen IT-Lösung zu überzeugen. Doch der König kommt nicht. Tagelang legt Alans Team im schlecht klimatisierten Zelt die Beine hoch. Die Metropole der New Economy entpuppt sich als chaotische Dauerbaustelle; es dauert Tage, bis sich mal jemand um das W-Lan kümmert.

In dieser Wüste trifft nun die Auseinandersetzung mit dem Selbst auf den wirtschaftlichen Niedergang der amerikanischen Manufaktur-Kultur. Hatte Alan Handlungsalternativen? Hat er zu seinem eigenen Ruin beigetragen, oder waren es am Ende doch die Chinesen? Solche Fragen werden dem Leser geradezu entgegengeschrien, bleiben aber glücklicherweise unbeantwortet. Trotzdem durchleuchtet Autor Eggers seinen Protagonisten sensibel: Als Leser ist man peinlich nah dran, wenn Alan volltrunken versucht, ein Lipom – Ursache all seiner Sorgen – auf dem Rücken zu ent- fernen. Oder wenn er immer wieder daran scheitert, seiner Tochter Rat in Briefform zukommen zu lassen. Die verzweifelte Verkrampftheit akzentuiert sein nonchalanter ständiger Begleiter, ein saudischer Chauffeur, dessen größtes Problem seine vielen Frauen sind. Wunderlicherweise wirkt auch Alan auf alle weiblichen Wesen des Romans unwiderstehlich, doch weder der Sex – noch die Ankunft des Königs – können am Ende die Enttäuschung über das scheinbar gescheiterte Selbst lösen. Dave Eggers hat seinen Protagonisten Alan Clay in die unbekannte, nur virtuell existierende Welt der New Economy gestellt, doch er erweist sich als taktvoll genug, ihn nicht auf dem einfachsten Weg nach Hause zu schicken.

 
Dave Eggers, Ein Hologramm für den König, ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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