Ein Auto, eine Vespa und ein Fahrrad stehen an einer Kreuzung vor der Ampel. Als diese von rot auf grün schaltet, schießt das Fahrrad vor und lässt die verbrennungsmotorisierte Konkurrenz verblüfft hinter sich – jedenfalls auf den ersten 200 Metern. Um die Affäre noch denkwürdiger zu machen: der Fahrradfahrer tritt während des gesamten Manövers nicht einmal in Pedale, vielmehr scheint er, wie von Geisterhand auf einer unsichtbaren Schiene gezogen, über die Kreuzung zu flitzen.

Was ist hier los? Ganz einfach: das vermeintliche Fahrrad ist gar keins, jedenfalls nicht nur und schon gar nicht, wenn man den TÜV fragt. Das fragliche Gefährt mit dem auffällig fetten Rahmen gehört zu einer neuen Klasse von Fahrtzeugen, die Muskelkraft und Elektroantrieb kombinieren, wie man es bislang nur von Rentner- oder Briefträger-Fahrrädern kannte, bei denen der Extrakick aus dem Akku allerdings durch Treten aktiviert werden muss. Das magische Gefährt von der Kreuzung namens Grace One ist dagegen “Elektrofahrrad mit tretunabhängigem Zusatzantrieb”, auch “EmtuZa-Bike” genannt, Hersteller Grace spricht allerdings lieber vom “E-Motorbike”.

So oder so, in der Praxis bedeutet das Konzept: Eine beherzte Drehung am rechten Lenkergriff und schon geht das Grace One dank 1300 Watt starkem Motor an der Hinterachse ab wie Lucy auf polnischen Kristallen, jedenfalls bis es 45 km/h erreicht hat. Weitere Elektromotor-Beschleunigung verhindert die Straßenverkehrsordnung, die vom Grace auch ein Nummerschild und vom Fahrer Führerschein und Helm verlangt.

Das lautlose Wegdüsen an der Ampel ist sozusagen der Parade-Stunt des Elektro-Fahrrads, der eine Menge Spaß macht, aber auch ziemlich pubertär ist. Richtig sinnvoll ist unterdessen der Einsatz des Elektromotors an Steigungen, bei fiesem Gegenwind oder wenn man zu einem Termin auf keinen Fall verschwitzt erscheinen will. Ernsthafte Nutzer – man ahnt es bereits – sind wohl vor allem Pendler, die täglich einige Dutzend Kilometer herunterreißen müssen und dies nur manchmal aber eben nicht immer per Muskelkraft bewältigen können bzw. wollen.

Und genau so ist die Firma Grace denn auch entstanden: Gründer Mikel Hecken wohnt im Berliner Umland und als er sein Traumpendelgefährt nicht finden konnte, konstruierte er es eben selbst. Vor nicht einmal zwei Jahren ging aus dieser Tüftelei Grace hervor, die zunächst einzelne E-Motorbikes auf Kundenwunsch fertigte, um jetzt mit dem Grace One zum ersten mal in Serie zu gehen. In der E-Motorbike-Klasse ist man dabei konkurrenzlos und auch sonst ist der Markt und die Produktgruppe noch deutlich in den Kinderschuhen.

Zum echten Massenmarkt wird sich das Segment auch nicht so schnell mausern, allein wegen der exorbitanten Akku-Preise, die einen Gutteil der 4.200 Euro ausmachen, die für ein Grace One fällig sind. Für einige Stadt-Land-Pendler könnte die Anschaffung durchaus schon heute Sinn machen, für das Gros der Gewohnheitsradler eher nicht: dafür ist das Grace One mit rund 30 Kilogramm zu schwer und zu unhandlich, vor allem wenn es darum geht, es für ein paar Stunden irgendwo abzustellen – das passende Schloss wurde jedenfalls noch nicht erfunden.

Was nicht heißen soll, dass das Rumdüsen mit dem Grace nicht toll wäre: kein mühsames Antreten und völlig lautloses längsflitzen sind vielmehr sensationell. Aber leider auch gefährlich, denn niemand hat auch dem Schirm, dass man als vermeintlicher Fahrradfahrer so schnell aus den Hufen oder um die Ecke kommt. Die entsprechende Geräuschpflicht für E-Vehikel braut sich ja schon auf EU-Ebene zusammen, was sinnig ist, aber irgendwie auch schade, daher: Grace probefahren, solange es noch flüsterleise ist!

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4 Responses

  1. Oliver

    Interessante Sachen die es hier zu entdecken gibt. Habe mich bisher mit der Thematik noch nicht beschäftigt klingt aber nett.

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