Dieser NSA-Vortrag ist wichtig.

Im Zuge der neusten NSA-Veröffentlichungen im Spiegel hat Jacob Appelbaum auf dem noch laufenden Chaos Communication Congress 30C3 technische und organisatorische Hintergrundinformationen zum NSA-Überwachungsprogramm nachgeschoben. Und es ist keine Übertreibung, das als einen der gruseligsten Vorträge zum Thema Internet und Überwachung und letztlich natürlich: Macht und Kontrolle zu bezeichnen. Man muss, zur Lektüre der Veröffentlichungen im und um den Spiegel herum, diesen Vortrag gesehen haben!

Für mich ist enorm wichtig, das aus einer Perspektive zu sehen, die Mark Ames bei Pando Daily aufzeichnet:

The Snowden leaks, which began by exposing the vast interlocking private-public Leviathan, has devolved into a pulp sci-fi story about government Big Brother versus heroic martyrs, the Death Star versus Luke Skywalker. And the more this NSA story is simplified into a mid-20th Century Orwell tale — rather than a complex narrative about the power of technology sweeping over everything from democracy to culture to business to media, a power that makes no distinction between the public and private — the more paralyzed we’ll be.

Seine Schlüsse sind unausgearbeitet. Kein Wunder: Das Problem ist extrem komplex. Und ich lese bei ihm einen Technozentrismus heraus (“power of technology”) anstatt einen wirklich holistischeren Ansatz, der eine Macht- und Herrschaftskritik ermöglicht. Meine Faustregel: Gibt es das Problem auch noch, wenn man die Technik rausstreicht? Dann ist das Problem nicht die Technik.

Was Snowden enthüllte, waren bislang ja keine Verstöße, möglicherweise kriminelle Akte oder ethische Probleme (auch, wenn er genau das wollte), sondern er breitete eine neue Landkarte der Welt aus. Er enthüllte eine Struktur, umriss ein Fundament: Die Welt sieht durch Snowden anders strukturiert aus.

Ich hoffe einerseits, dass dieser neue Blick einen neuen Blick auf unsere Position in Gruppen, Gesellschaften und größeren Systemen ermöglicht, befürchte aber, dass dieses Verständnis sehr lange reifen muss. Das neue Selbstverständnis, von dem wir ja in unserer Computerstaat-Ausgabe sprachen (große PDF-Datei) ist eng verbunden mit der Kritik am Postinternet-State-of-Mind und der Wir-waren-nie-Digital-Debatte unserer aktuellen Ausgabe: Wenn vielleicht das Internet schon in unserer Welt aufgegangen ist, dann ist es jetzt wieder ein Fremdkörper, etwas, das herausgeschnitten, analysiert und vielleicht verworfen werden muss – sollten wir uns als autonome Subjekte verstehen wollen. Aber vielleicht verhelfen die Leaks ja auch zu einem neuen Selbstverständnis, zur Auflösung des Individualismus. Dass der in der Krise ist, hatten wir ja auch schon beschrieben, und auch, dass Kollektivismen wieder attraktiv sind (und also einen Helden Snowden hervorbringen).

Wenn jetzt diese Enthüllungen – warum, warum, warum?! – keinen Aufschrei, keinen Widerstand hervorbringen, dann vielleicht auch deswegen, weil sie nicht ein altes Weltbild zerstören und uns im Staub zurück lassen, sondern weil sie den Weg frei machen für ein neues. Aber ich weiß nicht, ob ich das gut finden kann.

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2 Responses

  1. Horst

    Wo genau kann man denn die von Jacob angesprochenen Enthüllungen im Spiegel finden? Auf der Spiegelwebsite findet sich nichts, wenn man seinen Namen in das Suchfeld eingibt….

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