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Knapp vor dem morgigen Verkaufsstart des iPad in zahlreichen Ländern werden Arbeitsbedingungen bei den chinesischen Auftragsfertigern unserer Gadgets zum Thema, wobei die “Selbstmordwelle” beim weltweit größten Elektronikhersteller Foxconn im Mittelpunkt steht. Mit den Zahlen wird dabei aber leider Schindluder getrieben:

Freitode bei Foxconn von Januar bis Mai laut taz: 10
Foxconn-Mitarbeiter laut Wikipedia: 486.000 weltweit
Jährliche Suizide pro 100.000 Einwohner in China laut WHO: 13,9
4,86 x 13,9 = 67,554 pro Jahr = 5,6295 pro Monat = 28,14 von Januar bis Mai

Fazit: Wo statistisch 28,14 Selbstmorde zu erwarten gewesen wären, sind 10 geschehen.

Und es wird noch besser: Die letzten gesicherten Zahlen der WHO zur Selbstmordrate in China beziehen sich auf 1999. Seitdem soll die Selbstmordrate nach allen auffindbaren Berichten noch einmal deutlich gestiegen sein und zwar auf jährlich 18,8 pro 100.000 Einwohner.

Dazu kommt, dass in der Presse die Zahl der Foxconn-Mitarbeiter dieser Tage fast überall mit 800.000 angeben wird. Legt man diese Zahlen zugrunde, sähe die Rechnung so aus: 8 x 18,8 = 150,4 pro Jahr = 12,53 pro Monat = 62,66 von Januar bis Mai

Schenkt man also neueren Berichten Glauben, sind 10 Selbstmorde geschehen, wo statistisch 62,66 zu erwarten gewesen wären.

Die gängigen Zahlen in der Presse sind demnach schlicht Bullshit. Und das auch noch ohne Not, den Foxconn bestreitet nicht einmal, dass es derzeit vermehrt Selbstmorde in seinen Fabriken gibt: Normalerweise würden sich höchstens 2 Selbstmorde ereignen, wo jetzt 10 geschehen seien, so der Konzern.

Das Ende vom Lied: Selbstmorde werden zum Indikator für miese Arbeitsbedingungen, aber schon in wenigen Tagen wird uns das Thema langweilig werden, Berichte über Selbstmorde in Sweatshops bleiben aus und der hirnlose Apple-Konsument denkt, dass alles wieder in Ordnung ist, obwohl die Arbeitsbedingungen in der chinesischen Elektronik-Industrie nach wie vor miserabel oder sogar menschenunwürdig sind.

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6 Responses

  1. BTH

    Zitat: “Normalerweise würden sich höchstens 2 Selbstmorde ereignen, wo jetzt 10 geschehen seien, so der Konzern.”

    Das zumindest scheint ja ein Fakt zu sein. Also könnte man die Hypothese aufstellen, dass es (mal kurz auf die schnelle gedacht) 1. gerade einen generellen Anstieg der Selbstmorde in China (der Region, des Ortes, etc.) gibt, was sich auch auf dieses Unternehmen auswirkt 2. es einen Anstieg an Selbstmorden in der Branche gibt oder es 3. schon etwas mit dem Werk zu tun hat.

    Falls 1, 2 ausgeschlossen werden können, kann es natürlich an den speziellen Arbeitsbedingungen liegen oder vielleicht auch an dem sogenannten Werther-Effekt (“Nachahmen”) oder an anderen Gründen.

    Davon unabhängig geht deine Rechnung so nicht auf, da man nicht die Gesamtbevölkerungs-Selbstmordrate heranziehen kann, um sie mit einem Werk zu vergleichen, das einen ganz anderen Querschnitt an Beschäftigten hat. Beispielsweise fehlen da “die Rentner” die tendenziell eine höhere Selbstmordrate aufweisen.

    Zweitens kann ich auch nicht die weltweiten Beschäftigten des Unternehmens heranziehen, da in jedem Land andere Arbeitsbedingungen herrschen, bzw. muss sogar drittens nach Arbeitsbereichen (Montage, Büro, Lager, etc.) trennen, denn dort dürfte es auch Unterschiede geben. Und vorher die Selbstmordraten innerhalb der Branche analysieren.

    Allerdings verstehe ich dein Erkenntnisinteresse nicht. Die Selbstmordrate ist in der Fabrik enorm angestiegen, auch wenn sie aufgrund deiner Milchmädchenstatistik viel zu niedrig sei. Interessant ist nicht, ob die Rate jetzt zu hoch oder zu niedrig ist, sondern warum es diesen Anstieg gab.

    BTW: Unabhängig davon sind die Arbeitsbedingungen in China schon schlechter als in einer vergleichbaren dt. Fabrik. Und da wir alle selbst Apple-Produkte besitzen ist es natürlich schwierig, etwas dagegen zu sagen, da wir dies ja unterstützen.

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  2. rrredundance

    das grenzt aber irgendwie auch schon an Verschwörungstheorie

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  3. Gerd Huber

    Statistik für Dummies? Richtig. Denn die neue Rechnung weist ebenfalls einen gravierenden Fehler auf: Als Basis dient hier die weltweite Mitarbeiterzahl („Foxconn-Mitarbeiter laut Wikipedia: 486.000 weltweit“).

    Richtig wäre die Anzahl der Foxconn-Mitarbeiter in China als Rechenbasis.

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