Künstlerisch wertvoll oder artyfarty ?

Journey ist ein wunderschönes Spiel. Man schwebt über Landschaften, durchsteht Sand- und Schneestürme, reitet auf Drachenwesen und erlebt dabei Spannung, Freude und Trauer. Aber ist es überhaupt ein Spiel, oder doch Kunst, oder einfach Kitsch? Um diese Frage dreht sich schon länger eine Diskussion. Sind Videospiele die Kunstform des 21. Jahrhunderts, oder können sie es überhaupt jemals sein? Einige Titel, die in diesem Zusammenhang häufiger genannt werden, sind zum Beispiel Ico, Shadow of the Colossus, REZ, oder Flower und das gerade erschienene Journey der Entwickler von ThatGameCompany. Obwohl diese Spiele teilweise sehr künstlerisch anmuten, geht es in der Diskussion nicht in erster Linie um die grafische Repräsentation, sondern um das Erweitern der Möglichkeiten der digitalen Medien. Ähnlich, wie in den 50er und 60er Jahren durch Künstler der klassischen Moderne die Möglichkeiten, von Farbe, Raum und Material ausgelotet wurden, stellt heute das Videospiel eine experimentelle Plattform dar für das relativ junge Medium des Computers.

Ziel der Diskussion ist aber keinesfalls eine Gleichsetzung von Videospielen mit zeitgenössischer Hoch-Kunst, vielmehr wird mit einer historischen Entwicklung argumentiert, in der vor allem verwiesen wird auf die ehemals rein populären Ausdrucksformen von Jazz, Comic, oder Film, die inzwischen zweifelsohne als Kunst anerkannt werden. Mit diesem kühnen Vergleich landet man allerdings direkt auf dem harten Boden des Diskurses. Gerade da werden aber auch die Fragen gestellt nach dem Unterschied zwischen Kitsch und Kunst und nach den Institutionen, in denen Kunst stattfindet. Eine museale Aufarbeitung von Videospielen findet bereits seit einigen Jahren statt und juristisch werden interaktive Medien als urheberrechtlich zu schützende Werke anerkannt.

Neben den objektiven Kriterien verweisen die Videospiel-als-Kunst Vertreter aber auch darauf, dass es heute im Videospiel-Design nicht mehr um Probleme der grafischen Darstellung geht, sondern darum, Emotionen beim Spieler zu erzeugen und dass diese Arbeit am Game-Design und das Erschaffen von Welten sowieso eine ständige Beschäftigung mit der digitalen Technik und dem Zusammenspiel von Farbe, Form, Ton und Interaktivität voraussetzt. Die Akzeptanz von Videospielen als Kunst würde auch die Diskussion um die Bedingungen von Kunst allgemein bereichern.

Die Gegner dieser Thesen argumentieren, dass nicht einmal Spiele, wie Schach, oder Go als Kunst angesehen werden und dass Spiele als Konsumgut entwickelt werden und einen Gebrauchswert haben, während Kunst erhaben ist und sich selbst genügt. Genau um diesen Punkt geht es aber auch. Auf theoretischer Ebene ist Kunst schwerer zu fassen, als auf der praktischen. Ein Spiel, wie Journey muss gespielt und interaktiv erlebt werden (mit dem Verweis auf das Element der Interaktion bei Installations- oder Performance-Kunst). Weil Journey experimentell ist, ist es auch schwerer zu beschreiben, als die obligatorischen Renn,- Baller,- und Partyspiele. Teilweise ist man sich nicht sicher, was man auf dem Bildschirm sieht. Man weiss erstmal nur, dass man ein in einen Umhang gehülltes Wesen ist, das sich durch eine Wüstenlandschaft bewegt. Am Horizont gibt ein mächtiger Berg die Richtung vor. Nur langsam erfährt man, welche Möglichkeiten man hat und da es keine klar definierten Aufgaben gibt, ist es hauptsächlich ein Gefühl, das einen leitet. Nur langsam fügen sich die Teile zusammen und verdichten sich zu einem sehr emotionalen Erlebnis. Ob das dann einem Erlebnis nahe kommt, das man mit Kunst haben kann, entscheide der Spieler selbst. Zumindest lässt Journey erkennen, in welche Richtung diese Entwicklung gehen könnte…


 

 

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5 Responses

  1. Madame Strobonoid

    Ein wahrhaftiger Lichtblick im größtenteils verkommenen und vulgären Spiele-Universum. Vergiß mein nicht 🙂

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  2. wal

    Ich hab nur eine Stunde gebraucht und war verzaubert. Ob Spiel oder Kunst, ist mir doch egal, ich fand´s toll und wünsche mir mehr davon. Ein Zelda Skyward Sword verbreitet zwischendurch ähnlichen Zauber, kostet aber auch 70 Stunden oder mehr, das geht nur alle paar Jahre mal.

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