Abermals ist eine Videospielmesse in Köln überstanden und abermals bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass wirkliche Innovationen nicht vom Himmel fallen. Während viele Publisher ihr Heil in Fortsetzungen bekannter und beliebter Mainstream-Titel suchen, gelten die Schlagworte Mobile Gaming und Casual Gaming immer noch wie Heilsversprechen in der schnelllebigen Branche. Das größte Problem, vor dem sich die Spieleindustrie sieht, ist immer noch das der eigenen Konkurrenz und das Überangebot an Titeln.

Die Entwicklung großer Games mit einer Spieldauer von teilweise über hundert Stunden, verschlingt dabei Summen, die mit der Produktion eines Hollywood-Blockbusters vergleichbar sind, weshalb man sich meist an bewährten Mustern orientiert. Die echten Innovationen sind aber auch bei den kleineren Titeln für mobile Endgeräte rar gesät, wo einen allein die Variationsvielfalt altbewährter Konzepte in Staunen versetzt. Die Lösung für die hausgemachten Probleme der Spielindustrie zeichnet sich schon seit längerem ab, wurde aber an Beispielen auf der gamescom wieder deutlicher: Kundenbindung und Ökonomie des Long-Tail heißen die Zauberworte, die in Form von Downloadable Content und Micro Payments ihre Ausformungen finden. Was auf den ersten Blick für Unmut auf Seiten der Spieler sorgt, könnte fair und in angemessenem Rahmen langfristig die Qualität von Spielen steigern. Ein Beispiel für eine geschickte Umsetzung des Micro-Payment Systems sei mit dem Spiel Infinity Blade gebracht.

Das Schwertduell-Spiel auf dem Ipad, das in Kürze mit einem dritten Teil in erster Linie über eine grafische Brillanz und einen relativ geringen Preis seine Schäflein anlockt, offenbart sein Payment-System schleichend. Dabei ist das ökonomische Prinzip wie in vielen anderen Spielen, wo es darum geht, Material zu akkumulieren und „ganz nach oben zu kommen“, so offensichtlich ins Spiel eingeschrieben, dass man mit ein bisschen Phantasie das brutale Hau-Drauf Game als Allegorie des Kapitalismus selbst lesen könnte. In einer utopischen Mischung aus Mittelalter und Science-Fiction Ritterromantik übernimmt man die Rolle eines unerschrockenen Rächers der, wie sich im Laufe des Spiels herausstellt, in einem ewigen Zyklus aus Tod und Wiedergeburt seinen Gegnern entgegentritt. Zentraler Inhalt ist dabei die Verbesserung von Waffenarsenal und Rüstungen – proportional zum Schwierigkeitsgrad der Gegner. Bereits von Beginn an wird klar, dass die Möglichkeit ins Spiel eingebaut ist, sich hier und da über die dezent implementierte Verbindung zum Itunes Store mal einen kleinen Heiltrank herunter zu laden, oder man sich sofort das sagenumwobene Infinity Blade „holt“, um später nicht mehr in die Verlegenheit zu kommen. Was als grober Cheat angesehen werden könnte, verdirbt einem aber nicht den Spaß, sondern verschafft einem nur einen größeren Spielgenuss. Die Frage, was ist es mir wert, dieses geschickt designte Spiel ausgiebig zu spielen, schwingt ständig mit. Anfixen ist umsonst – perfide, aber wenn der Stoff gut ist…?

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