Von Schafen und Hirten

So, oder so muss man eine Rezension von BioShock Infinite mit einem kurzen Rückblick auf den Vorgänger BioShock einleiten. Eigentlich könnte man aber auch Titel, wie System Shock von ’94 und auch das bahnbrechenden Half Life von ’98 zitieren. Alle diese Spiele gehören dem immer wieder als tumb in Verruf geratenen Genre der Ego-Shooter an, aber hätten diese Titel sich nicht so intensiv mit den spezifischen Eigenheiten der Ego-Perspektive auseinandergesetzt, wäre dieses Genre bis heute nichts weiter, als eine Kamerafahrt durch 3D-Räume mit Aufmerksamkeits-Abfrage, die man in den meisten Fällen als „Schießen“ bezeichnen muss.

Was diese Titel gemeinsam haben, ist die gelungene Einbettung einer Erzählung, die vor allem die Entscheidungen des Ich-Spielers in den Mittelpunkt rückt. In guten Ego-Perspektiven Erzählungen werden die Ereignisse so nah an den Spieler herangeholt, dass er gezwungen wird, seine Handlungen mehr zu reflektieren, als das in anderen Genres überhaupt möglich ist. Im Gegensatz zu Avataren, die meist in ihren Eigenschaften schon relativ komplett entworfen sind, bietet die Ego-Perspektive eine leere Leinwand, die während des Spiels an Kontouren gewinnt, so dass beim Spieler der Eindruck entsteht, nur er würde diese Geschichte schreiben. Immer spannend in diesem Zusammenhang ist der Blick in einen virtuellen Spiegel. Was sieht man da? Sich selbst, oder das, was das Spiel aus einem gemacht hat?

Bioshock: Infinite

Gedankenspielereien dieser Art hatten in BioShock eine derart hypnotisierende Wirkung, dass man gar nicht aufhören konnte, sich selbst dabei zu beobachten, wie man mehr und mehr zu einem anderen Wesen wird und im gleichen Moment immer mehr erschreckende Details über die Entstehung dieser künstlichen Geschöpfe erfährt. Das Spiel als self-fulfilling-prophecy und der Spieler als Vollzugsgehilfe auf dem Weg zum Unabwendbaren. Das Spiel spielt dich, du Wurm! – BioShock führt einem diese Tatsache schleichend vor Augen. Ein unbehagliches Gefühl, das plötzlich in blanken Horror umschlägt.

Bioshock: Infinite

An dieser Spielidee wird auch in BioShock Infinite weiter gearbeitet. Allerdings geht es dieses Mal nicht hinab in die feuchtkalte Unterwasserwelt von Rapture, sondern hoch hinauf in die faszinierende Wolkenstadt Columbia. Dieses an ein Amerika der 1910er Jahre angelehnte Setting, in dem schöne Menschen und innbrünstige Patrioten eine Parade zu Ehren des Gründervaters und Propheten Zachory Combstock feiern, erstrahlt in den blendendsten Blau-Weiß-Rot-Farben, so daß man am liebsten eine Sonnenbrille aufsetzen würde. In einer relativ ausgedehnten Einführungsphase tritt man erstmal als Beobachter auf und lässt die blitzblanke Welt auf sich wirken. Ähnlich, wie Andrew Ryan in Rapture, steht an der Spitze von Columbia der Übervater Zachory Combstock, ein Visionär und religiöser Hirte für die Menschen dieser Welt. Die eigene Rolle bleibt länger undeutlich. Man weiß nur dass man ein ehemaliger Agent der Pinkerton Ordnungsbehörde ist und den Auftrag hat, ein Mädchen zu finden. Mehr und mehr merkt man aber, dass man selbst ein Fremdkörper in dieser Vorzeige-Welt ist und das merkwürdige Symbol auf der eigenen Hand den sogenannten „falschen Hirten“ kennzeichnet, auf den die Bewohner Columbias nicht freundlich reagieren. Schnell häufen sich die Anzeichen dafür, dass sich hinter der strahlenden Fassade dieses Ortes eine Fratze aus religiöser Verblendung und fanatischem Rassismus verbirgt.

Eine entscheidende Wendung bekommt das Spiel in dem Moment, in dem man das Mädchen Elizabeth findet. Gefangen in einem Turm wird sie von der Außenwelt abgeschirmt. Ihr Schicksal im goldenen Käfig und ihr Traum von einem freien Leben im fernen Paris rühren einen unmittelbar an und spätestens, wenn Elizabeth ihre übermenschlichen Fähigkeiten offenbart, wird die gemeinsame Flucht aus Columbia zur persönlichen Angelegenheit.

Bioshock: Infinite

Dass dann auch ausgiebig die Waffen sprechen, ist natürlich klar. Es handelt sich bei BioShock Infinite immer noch um einen Ego-Shooter. Vor allem in der ersten Kampf-Szene, die sich aus einer Situation um die Feierlichkeiten zu Ehren Combstocks ergibt, wird ein drastischer Kontrast zwischen Persil-Welt und brutaler Wirklichkeit deutlich – das Blut spritzt mit dem gleichen knalligen Rot, wie es auch auf der Flagge Columbias prangt. Im Folgenden stehen einem unzählige Schußwaffen zur Verfügung. Neben den üblichen Revolvern, Schrotflinten und Scharfschützengewehren sind es aber vor allem die Spezialfähigkeiten, die das Kampfgeschehen bunt machen. Vergleichbar mit den Plasmiden in Bioshock, kann man mit den Fähigkeiten in Infinte Gegner durch die Luft wirbeln, Fallen aufstellen, oder eine Herde wilder Mustangs über die Feinde hinwegziehen lassen. Neben der Zuspitzung der Ereignisse sind es vor allem die Upgrades und Weiterentwicklungen von Waffen und Spezialfähigkeiten, die für eine ständige Steigerung des Spielgenusses sorgen. Ein weiteres Element, das den Spielablauf zur regelrechten Achterbahnfahrt macht, sind die Sky-Lines, Schwebebahnschienen, die die einzelnen Stadtbezirke Columbias miteinander verbinden. Mit einem Spezialhaken kann man sich hier einklinken und rasante Kamerafahrten genießen, muss aber aufpassen, den Absprung nicht zu verpassen.

Bioshock: Infinite

Trotzdem also BioShock Infinite als hervorragender Ego-Shooter funktioniert, sind es aber die vielen Details und Feinheiten, die daraus ein besonderes Spiel machen, das einen über den reinen Spielinhalt hinaus nachdenken lässt. Es gibt Elemente, die den Nagel auf den Kopf treffen, wie zum Beispiel die zähen Patriot-Kampfmaschinen, die in Form von George Washington-Robotern mit Gatling-Maschinengewehren und wehenden Amerika-Flaggen einfach alles platt machen, was sich ihnen in den Weg stellt, oder auch das gelungene Zusammenspiel mit dem Sidekick Elizabeth. Für eine durch KI gesteuerte Figur wirkt Elizabeth sehr lebendig. Ihre Bewegungen sind den Situationen angepasst, wie sie beispielsweise ein Telefongespräch belauscht, oder begeistert von Paris erzählt. Und in Kampfsituationen versteckt sie sich, oder versorgt den Spieler mit Zusatzmunition, oder Heiltränken. Die emotionale Bindung an Elizabeth und die Fragen, welche Rolle sie und schließlich man selbst in dieser Geschichte spielt, treiben die Handlung unaufhaltsam voran. Vor allem ist es aber die oben bereits angesprochene Reflexions-Ebene, die BioShock Infinite zum nachhaltigen Spielerlebnis werden lässt. Immer fragt man sich, ob und wie sich Columbia von der wirklichen Welt unterscheidet und ob dieser Weltentwurf mit der tatsächlichen Situation am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts vergleichbar ist, oder doch eher mit einer heutigen Welt. Es sind die Überlegungen über die Auswirkungen des eigenen Handelns, die im Zentrum stehen und am Ende vor allem die erschütternde Erkenntnis, dass selbst die beste Überzeugung, Gutes tun zu wollen, sich zum genauen Gegenteil auswirken kann. BioShock Infinite bietet eine aussergewöhnliche Erfahrung um die Themen Schuld, Macht und Abhängigkeit und das Entstehen einer Wirklichkeit und nutzt dabei das Potential des Genres Ego-Shooter im vollen Umfange aus.

Bioshock: Infinite

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