Wie schon mal erwähnt, ist allgemein die Bearbeitung eines Genres – hier: Zombieklamotte – dann interessant, wenn mit den gegebenen Mustern herumexperimentiert wird und neue Facetten zum Vorschein kommen. In dieser Hinsicht begann das Walking Dead Universum bereits vor einigen Jahren in der Comic-Serie die sogenannte Zombie-Apokalyse nur als Rahmen für die Betrachtung menschlichen Verhaltens in Ausnahmesituationen zu verwenden. Kein Strom, kein Benzin und Wasser und Nahrungsmittel sind natürlich auch knapp. Wie verhält sich da eine Gruppe Menschen, die einer konkreten Bedrohung ausgesetzt ist, und bei der die grausame Außenwelt ständig an der Tür kratzt? Das Videospiel reicht diese Fragen direkt an den Spieler weiter: Wie verhälst Du Dich tatsächlich?

The Walking Dead

Das jetzt beim Deutschen Computerspielpreis als bestes internationales Videospiel mit dem LARA Award ausgezeichnete The Walking Dead fügt sich als offizielles Lizenzprodukt nach Comic und AMC TV-Serie in die Neuinterpretation der Zombie-Apokalyspe ein, aber mit den spezifischen Eigenschaften eines Videospiels. Erstaunlicherweise sind es im Spiel weniger Gewaltdarstellungen als in der TV-Serie und dafür noch mehr moralische Fragen, die den Spieler herausfordern. Dabei ist die Handlung des Spiels parallel zu den Ereignissen des Comics und der Serie in der Metropolregion von Atlanta angesiedelt, wobei allerdings andere Personen agieren. Im Mittelpunkt steht der Universitätsprofessor Lee Everett, der nach einer möglicherweise begangenen Straftat in einem Polizeiauto ins Gefängnis überführt werden soll und in dieser Situation das erste Mal mit der Zombie-Apokalypse konfrontiert wird. Hier wird schon mal ein Aspekt von The Walking Dead deutlich: Alle Dinge, die geschehen, können sowohl schlechte, als auch gute Auswirkungen haben. Es kommt auf die Perspektive an.

The Walking Dead

Entscheidend für den Erfolg des The Walking Dead Videospiels ist aber in erster Linie die Form der Umsetzung. Das Spiel folgt nicht dem Schema der üblichen Lizenzgurken, bei denen das Label auf der Verpackung schon für die nötigen Verkäufe sorgen soll, sondern die Grundidee des moralischen Handelns der Vorlage bleibt erhalten, allerdings jetzt auf einen Spieler und auf Interaktivität zugeschnitten. Auch beibehalten wurde das Serien-Format. Die Ereignisse von The Walking Dead sind in spielbare Episoden eingeteilt, die jeweils mit dem obligatorischen „Previously on The Walking Dead…“ eingeleitet werden und auch auf den unterschiedlichen Plattformen einzeln gekauft werden können. Jede Episode funktioniert für sich selbst und hat dabei immer einen anderen Schwerpunkt und andere moralische Fragen um den Themenkreis „Was ist in dieser Situation am besten für die Gruppe?“.

The Walking Dead

Als Hommage ans Comic gedacht, wirkt der Cell-Shading Grafikstil sowohl unrealistisch, als auch gleichzeitig eindringlich. Die Kraft des gezeichneten Bildes mit harten Strichen und dynamischen Blickperspektiven verstärkt die Dringlichkeit der Situation und zeigt die Emotionen in den Gesichtern der Protagonisten. Außergewöhnlich für ein „Zombie-Spiel“ ist außerdem das Gameplay. Grundsätzlich funktioniert The Walking Dead wie ein Point-&-Click Adventure das heißt, es werden auf dem Screen immer Optionen angeboten. Gehe hierhin, oder nimm jenen Gegenstand. Gelegentlich gibt es dann aber tatsächlich auch einen Untoten abzuschütteln, oder zu dekapitieren. Diese Quicktime-Events werden dann auf dem PC mit Maus und Tastatur, an der Konsole über Rütteln am Gamepad erledigt und in der hervorragenden Tablet-Umsetzung über die typischen Wisch- und Tippkaskaden. Zentral sind auch die zeitkritisch zu entscheidenden Dialoge. Meistens stehen in einer Gesprächssituation mit den anderen Figuren vier Optionen zur Verfügung aus denen unter Zeitdruck eine Auswahl getroffen werden muss. Beispielsweise ist da der Choleriker mit den aufgerissenen Augen und der Zornesfalte, der dafür plädiert, den scheinbar infizierten Jungen augenblicklich vor die Tür zu setzen. In dieser Situation muss man sich zeitkritisch entscheiden und erst mal mit den anderen klären, ob der Junge tatsächlich infiziert ist, bevor man weitere Schritte unternimmt. Das hervorragende Voice-Acting und die Qualität der Dialoge tragen viel zur Identifikation mit den Personen bei, wodurch das Treffen von Entscheidungen, einer Person zu helfen und eine andere dabei zu vernachlässigen, einem keinesfalls einfach gemacht wird. Derartige Moralkonflikte werden natürlich auch in Situationen, in denen man einem Verletzten das Bein abhacken könnte, um ihn aus der Bärenfalle vor den Zombies zu retten so nervenaufreibend auf die Spitze getrieben, dass man anschließend froh ist, sich wieder mit weniger schwerwiegenden Fragen, wie der gerechten Aufteilung der Nahrungsmittel auseinandersetzen zu müssen. Viele der getroffenen Entscheidungen wirken sich so gravierend auf die Handlung aus, dass man Episoden nochmal durchspielt, um auszuprobieren, wie man ein besseres Endergebnis hätte erreichen können. Das Spielen mit Möglichkeiten: Dafür sind Videospiele gemacht.

Abgerechnet wird am Schluß

Eigentlich ist The Walking Dead im Endeffekt gar kein Zombie-Spiel, wie Left 4 Dead, oder Dead Island, in dem es darum geht, auf die Bedrohung von Außen angemessen brutal zu reagieren. Viel eher muss man das Spiel im Vergleich mit Titeln, wie dem erfolgreichen Heavy Rain, oder dem demnächst erscheinenden The Last of Us sehen, in denen die Handlung einer Geschichte so nah an den Spieler herangeholt wird und immer wieder in haarsträubenden Entweder-oder Situationen gipfelt, dass man als Spieler nachdrücklich aufgezeigt bekommt, wo moralisches Handeln an Grenzen stößt und wie angenehm es ist, dass man einige Entscheidungen nur in einem Videospiel treffen muss.

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