Vergeben wir hier Preise für den besten Look? Eigentlich ja nicht, aber Mirror’s Edge des schwedischen Entwicklerstudios EA Dice hätte einen verdient. Letzte Woche in der HD Fernseher-Abteilung eines Elektro-Supermarktes lief  plötzlich auf allen hundert Bildschirmen gleichzeitig eine Demo von Mirror’s Edge und ich war platt.
Wie soll man die beschreiben, die Ästhetik dieses Spiels? Vielleicht entspricht sie dem Gegenteil von einem dunklen, dreckigen U-Bahn Zombie-Shooter? Tatsächlich spielt die Handlung von Mirror’s Edge zum großen Teil eher oben, unter strahlend blauem Himmel auf den Dächern einer Großstadt. Klare Linien, eine Ansammlung von Kuben und Quadern verschiedener Größen mit Textur überzogen. Minimalistische Architektur wie auf einem Styropor-Modell. Dazwischen ein paar Details: Zäune, Rohre, Ventilationsanlagen, Antennen, Baumaterial…

Ursprünglich lag bei Mirror’s Edge die Idee zu Grunde, die Trendsportart Parcours umzusetzen, aber glücklicherweise ist ein bisschen was anderes daraus geworden. Die Kamerafahrten durch 3D Umgebungen kennen wir zu Genüge; mit Waffe am rechten unteren Bildschirmrand, auf den Mittelpunkt zielend. Auch die Versuche, der verstärkten Betonung der subjektiven Wahrnehmung in der Ego-Perspektive durch Hinzufügen von Armen und Beinen und durch verschwommenen oder verzerrten Bildschirm kennen wir schon. Aber so rasant, mit einer solchen Körperlichkeit haben wir uns in der Ego-Perspektive noch nicht durch Polygonwelten bewegt.
Der Spieler schlüpft in die Rolle von Faith, einer „Runnerin“, die zusammen mit den anderen Mitgliedern ihrer Zunft in einem totalitären Zukunftsstaat Nachrichten überbringt an diejenigen, die die Hoffnung auf Freiheit noch nicht ganz aufgegeben haben. Eines Tages verschwindet Faiths Schwester, die auch zu den Runnern gehört und die wohl als Überbringerin einer politisch brisanten Information plötzlich die Aufmerksamkeit einer Interessengruppe auf sich gezogen hat. Damit wird auch Faith zur Gejagten und die ansonsten gegenüber den Runnern eher ignorante Staatsmacht eröffnet plötzlich das Feuer.

Das Spiel teilt sich in einzelne Passagen, in denen es meist darum geht, möglichst in einem „Run“ einen Zielpunkt zu erreichen, ohne von den hartnäckigen Polizisten abgeknallt zu werden. Als Hilfestellung sind die Rohre, Kisten und Leitern, die man zum Durchqueren des Parcours benutzen soll, in einem fantastischen Alarmrot markiert. So rennt man dann los und springt aufs nächste Vordach, rollt sich ab, klettert über Zäune oder rutscht unter Gittern durch. Dabei wackelt die Kamera und man sieht immer seine Arme, die ausgestreckt nach der Regenrinne greifen, oder die eigenen Beine, die nach dem Hinabrutschen an einem Drahtseil den Aufprall abfedern.
Klar, man kennt diese moves: Die stundenlangen Kletterpartien mit Lara Croft und Akrobatik-Übungen von Prince of Persia haben den Blick schon geschult für die Kanten und Kisten über die man wiederum eine weitere Plattform erreichen kann, aber in der Ego-Perspektive ist man doch um einiges näher dran.
So sind auch die Abstürze fast schmerzhaft und der Schreck, wenn man im Sprung merkt, dass man die verdammte Kante da vorne doch nicht erreichen wird, ist nervenaufreibend. Viele Passagen sind  ganz schön schwierig und es bedarf mehrerer Versuche, bis man glatt durchkommt, denn lange Zögern und überlegen kann man wegen der schießwütigen Verfolger nicht. Diesen sollte man auch grundsätzlich lieber aus dem Weg gehen, obwohl man auch mit Sprung-Kick, Faustkampf und einem eleganten Entwaffnungs-move in brenzligen Situationen auf Konfrontationskurs gehen muss.  Mit erbeuteten Waffen wird dann sogar der Bildmittelpunkt gelegentlich zum Fadenkreuz und dann ist es durchaus legitim, zurückzuschießen.

Schade ist, dass man sich nach erfolgreichem „Run“ die Sequenz nicht nochmal aus anderen Perspektiven anschauen kann. Mit beweglicher Kamera und Zoom-Funktionen wäre das sicher ein Erlebnis, aber auch so ist Mirror’s Edge bei mir der Tropfen, der das HD Fernseher-Kauf-Fass zum Überlaufen gebracht hat…

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