Japanische Action-Spiele mögen stumpf wirken, in Wirklichkeit handelt es sich dabei aber um tiefste Allegorien auf das Leben selbst. Die brutal wirkenden Beat-em-ups beispielsweise, sind zu lesen als Aneinanderreihung von zwischenmenschlichen Konflikten, die – in Videospielen kann man schlecht diskutieren – kurzerhand mit den Fäusten ausgetragen werden.

Auch für die Hexe Bayonetta gibt es haufenweise Widrigkeiten aus dem Weg zu räumen, bevor sie ihre wahre Bestimmung erkennen und das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wieder herstellen kann. Sie erwacht aus einem langen Schlaf und ihre Erinnerungen sind nur bruchstückhaft. Ganz real sind aber plötzlich die geflügelten Erzengel, die ihr ans Leder wollen. Glücklicherweise ist Bayonetta mit allem ausgestattet, um sich gegen die himmlischen Scharen zur Wehr setzen zu können. Ihr Body beispielsweise ist so ausgesprochen gut in Form, dass sie Tritte und Schläge austeilt, die Bruce Lee neidisch werden lassen würden. Außerdem hat Bayonetta vier fette Revolver aus denen sie Blei spritzt – zwei in Händen, zwei an ihren wunderschönen High-Heels. Ihr knallenges Cat-Suit besteht aus ihren langen schwarzen Hexenhaaren und morpht sich bei einem Finishing-Move zu übergroßen Haar-Dämonen und gibt den chancenlosen Gegnern einen gewaltigen Tritt in den Arsch. Für den glasklaren Durchblick trägt Bayonetta eine elegante Sekretärinnen-Brille und nebenbei bemerkt, spricht sie ein exzellentes Oxford-Englisch.

Das alles klingt übertrieben? Das ist es auch! Gleich von Beginn an wird bei Bayonetta ein solches Faß aufgemacht, wie man es bisher in Spielen selten gesehen hat. Kämpfe finden statt auf dem Ziffernblatt einer riesengroßen Turmuhr – während der Turm zusammenbricht und in einen höllischen Schlund stürzt oder auf einer Rakete oder einer Flugzeugtragfläche – während des Fluges selbstverständlich. Riesige, bildschirmfüllende Endgegner erscheinen im Minutentakt und lassen sich nur bezwingen, wenn Bayonetta ihre Hexenzeit einsetzt und Stück für Stück einzelne Tentakel absäbelt und dann am Gegner hinaufklettert, um ihm das glühende Herz auszustechen.

Das alles passiert in einer solchen grafischen und akustischen Fulminanz, dass das Auge gelegentlich fast überfordert ist, wenn beispielsweise Bayonetta in einem sog. Folterangriff ihren Gegner wieder in eine Guillotine schubst und man in einem Quicktime-Event einen Button mashen muss, um die Kraft des Messers um hunderte Megatonnen zu erhöhen. Aber dann ist Bayonetta auch wieder extrem menschlich und mehr als der digital gewordene feuchte Traum eines Teenagers, als sie plötzlich mit ihrer Mutterrolle konfrontiert wird und sich eine Art Familiendrama anbahnt.

Man spielt das Spiel dann nicht nur wegen der exzellenten Action-Sequenzen, sondern auch wegen der spannenden Story, die einem präsentiert wird wie eine Edel-Graphic-Novel. Nach den einzelnen Spielabschnitten bekommt man als zusätzlichen Motivations-Anreiz jedes mal eine Statistik mit Medaillen je nachdem, wie viele Versuche man gebraucht hat und wie viele Heiltränke verbraucht wurden. Durch diese Arcade-Komponente hat Bayonetta einen hohen Wiederspielwert. Allerdings muss erwähnt werden, dass der normale Schwierigkeitsgrad ganz schön schwierig ist, man auf „leicht“ aber einige tolle Momente verpasst…

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One Response

  1. jan

    Schöne Review, der ich ich allen Punkten zustimme. Dieses tolle Spiel ist seit einigen Tagen übrigens als UK Import für rund 22€ zu haben. Bei der Qualität des Spiels erstaunt mich der Preisverfall etwas.

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