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6.05.2013 | 13:32
 
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Die vier Reiter der Infokalypse

Internet: Abschalten oder nicht?

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Wir stehen mit dem Internet am Scheideweg. Die Vier Reiter der Infokalypse sind drauf und dran, sich das Netz – und damit dessen User – untereinander aufzuteilen. Doch noch immer steht eine handfeste Netzkritik aus, zudem fehlen Perspektiven einer echten Dissidenz. Sascha Kösch und Felix Knoke erstellen eine Kartografie der Zukunft des Internets: Wohin reiten Google, Apple, Amazon und Facebook? Sind sie Avantgarde, Zugpferde oder doch nur aufmuckende Ackergäule?

Text: Kösch/Knoke, Illustration: Scootaloo

Das Netz ist Normalität. Aber eine Kritik des Netzes, die nicht im Aktualitätswahn neuer Apps und Gadgets, vielversprechender (aber nichts ändernder) Visionen und Personenkult aufgeht, ist noch immer überfällig. Eine Kritik also, die sich des Netzes als Netz annimmt und Antworten auf die Probleme in dessen grundlegenden Struktur sucht und nicht in Technikalien und Ökonomismen. Dabei bietet sich gerade jetzt die Chance, die Zukunft des Netzes zu ergründen. Denn so klar strukturiert, mit so wenigen bestimmenden Akteuren, mit überschaubarer Daten- und Technologienvielfalt wird das Internet wohl nicht mehr lange sein – hoffen wir zumindest. Noch sind die Versprechungen und unterschwelligen Ideologien des Netzes von der alten Welt abgekupfert und verweisen auf sie zurück. Doch das könnte sich ändern: Neue Mächte aus dem Netz versuchen nicht nur unsere Vorstellungen, sondern auch unsere Möglichkeiten einer Zukunft mit dem Internet zu bestimmen. Wir müssen das neue Land noch betreten, das im oder durch das Netz entsteht. Und wir müssen hoffen, dass wir eine Wahl haben – und nicht auf die von den Hegemonialen der Netzwelt vorbereiteten Felder gezwungen werden, als Lohnsklaven der Urbarmachung unserer eigenen Identität.

The Four Horsemen of the Internet Apocalypse

Diese Hegemonialen, die führenden Technologiefirmen des Netzes, werden vor allem in den USA als wahlweise Gang of Four, die Four Horsemen oder abschätzig The Four Horsemen of the Internet Apocalypse (oder der “Consumer Cloud”) bezeichnet. Eine fragwürdige Ehre. Vier Firmen, die sich den großen Kuchen unserer Zukunft schon unter sich aufgeteilt haben: Google, Facebook, Apple und Amazon. Google gehört das, was uns beschäftigt. Facebook das, was uns mit anderen Menschen verbindet. Apple die Instrumente, auf denen wir existieren. Und Amazon das, was wir zum stofflichen Leben brauchen. Microsoft – wahrscheinlich als naiv-technologisch langweiligster Akteur – wurde in dieser Diskussion ad acta gelegt. Die klassischen Technologiefirmen, Infrastrukturanbieter, staatliche, zwischenstaatliche und kriminelle Elemente sind beim Sinnbildgalopp wohl vom Wagen gefallen. Trotzdem ist das Bild der vier Reiter vollständig – denn sie verkörpern die Kräfte, die das Netz maßgeblich bestimmmen; Firmennamen und Organisationstitel hin und her. Es gibt viele Facebooks, Googles, Amazons und Apples.

Identität fassen, verändern, überprüfen

Akzeptiert man die Prämisse der Vier Reiter, dann ließe sich aus den zugrundeliegenden Strategien dieser vier Firmen also ablesen, in welche Richtung sich das Internet und die mit ihm vernetzte Welt in den nächsten Jahren bewegen. An den heftigsten Kämpfen dieser Firmen untereinander sollte man ablesen können, welche Technikfelder wirklich bestimmend sind und bleiben. Andererseits könnten aus den jeweiligen Verschiebungen und Übergriffen die Überlebenschancen im Gladiatorenkampf und die Chance und Möglichkeiten unerwarteter Wendungen, disruptiver, also “Marktsituation-verändernder” Technologien und Ideen abgeleitet werden. Vielleicht ließe sich durch ein Ausloten der von den Firmen jeweils besetzen Felder sogar eine Art brüchige Phänomenologie unseres informationellen Selbst bestimmen. Denn was wir im Netz sind – und das ist derzeit eine Hauptaufgabe im jungen Netz: Identität fassen, verändern, überprüfen – wird derzeit vor allem von den Mitteln bestimmt, die uns zur Verfügung gestellt werden. Nur die Funktionen, die ein sozialer Dienst wie Facebook uns auch anbietet, können zur Darstellung unserer Identität genutzt werden. Was wir im Netz sind, wollen, tun können, unterliegt technischen Bedingungen. Das Netz, wie es die Vier Reiter aufspannen, beschränkt zugleich unsere Ausdrucksmöglichkeiten. Daran, wie romantisch- veraltet und naiv die Cyborg-Manifeste und Cyberspace-Glaubensbekenntnisse der Achtziger und Neunziger heute klingen, erkennt man die definierende Macht der neuen Verhältnisse. Das digitale Dasein bestimmt unser Sein. Das ist die neue und kaum verstandene strukturierende Kraft des Netzes. Doch diese Macht ist fragil. Dass dies bislang nur als wirtschaftliche Chance für Emporkömmlinge (“das neue Google”, “das bessere Facebook”) gesehen wird, ist ein seltsames Versäumnis des Netz-Diskurses. Die neoliberale Perspektive: Warum genau sollten diese Vier nicht innerhalb weniger Jahre von irgendeinem frechen Startup – oder der müden Konsumentenmasse, die einfach mal eine neue Sorte digitales Eis am Stil braucht – weggefegt werden? Erstens: Daten. Zweitens: Daten. Drittens: Wissen. Viertens: Geld.

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Big Data

Jeder der Vier Reiter konnte beim rasanten Aufstieg eine Menge Daten über uns sammeln und daraus potenziell ein Wissen ableiten, das unser eigenes über uns übertrifft. Facebook kann aus der Vogelperspektive unsere Position und Bewegung im und die Bedingungen unseres sozialen Netzes betrachten. Google kann uns mit Milliarden anderen Menschen vergleichen. Amazon versteht unser Kaufverhalten, Apple unseren Medienkonsum. Und diese Dienste müssen nicht vergessen, nicht filtern. Sie müssen nur sammeln und sammeln – und hoffen, dass neue Analyse-Tools entstehen, die diese Daten verwertbar machen.

Denn bislang arbeiten Google und Facebook nur an verbesserten Systemen, um ihren Kunden Werbeträger in den bestmöglichen Häppchen auf einem vergoldeten Zielgruppen-Tellerchen zu servieren. Das wahre Potenzial der Daten-Sammlung und Netzwerk-Analysen ist allerdings in der Realtime-Auswertung aller sozialen Bewegungen verborgen. Noch werden die Tools für Big Data Tag für Tag neu erfunden. Die Algorithmen für maschinelles Lernen durchforsten Petabytes nach interessanten Zusammenhängen und Eingriffsmöglichkeiten. Aber kaum jemand weiß bisher, wie man die Datenflut tatsächlich profitabel machen könnte – derzeit ist alles Potential. Und da das Potenzial riesig erscheint, blähen sich auch die an das Potenzial gekoppelten Börsenwerte der jeweiligen Unternehmen auf. Bei diesem Wettrennen der Vier Reiter (und natürlich ihrer unsichtbaren Gefolgschaft und der möglicherweise aufholenden Nachhut) geht es darum, wer als erster versteht, das Potential von Big Data nutzbar zu machen. Sprich: wer die Datenpunkte und ihre Verknüpfungen wirklich verstehen und umformen kann. Am Ende könnte es immer noch heißen: Obwohl wir alles über einen Menschen wissen, können wir ihn nicht fremdbestimmen. Aber es bliebe noch immer die Überwachung von Kreditwürdigkeit, Gefährderpotential und Kaufbereitschaft. Es bliebe also noch immer ein Geschäft. Die Aufgabe von Facebook und Co wäre dann, ein Kommunikationsumfeld zu schaffen, das die Akteure geschmeidig dazu zu zwingen versucht, etwas zu äußern, das zu einer Werbung passt. Und selbst wenn die Vier Reiter derzeit auch völlig blind sein mögen: Sie sind die Infrastruktur, Ausdrucksmöglichkeit, der Horizont unserer Wünsche im Netz.

Google nähert sich dabei Schritt für Schritt der “Predictive Search”, der Möglichkeit, uns auch noch die letzte Aktion, die wir mit Google identifizieren, unter den Füssen wegzuziehen: Nicht wir suchen, Google sucht für uns. Weil es weiß, was wir suchen würden – oder wollen? Creatures of Habit. Facebook sortiert – da können wir protestieren so viel wir wollen – das Geplapper unserer Freunde wie eine internalisierte Scheuklappe und mischt sich obendrein noch darin ein, wenn wir Worte verwenden wollen, die dem Zensursystem nicht gefallen. Bei Facebook darf Sex nur verhohlen stattfinden – oder als Klickfallen-Spam. Amazon lenkt unsere Mauszeiger mit banalen Kaufvorschlägen und subtil unterbreiteten Angeboten auf den Bestellknopf.

Entrinnen kann man dieser Manipulation kaum. Im Gegenteil: Man schärft die Analyse-Instrumente selbst bei Widerwehr. Jedes neue Geschrei um eine Veränderung des EdgeRank ist für Facebook nur neues Datenfutter der Optimierung unserer Sicht auf unsere Freunde. Sollte sich herausstellen, dass Menschen tatsächlich durch die technische Manipulation ihrer sozialen Umgebung fremdsteuerbar sind, wäre jede soziale Äußerung, jede soziale Verbindung, jeder Klick, jede Suche und jeder Kommentar das Futter eines gigantischen Social-Engineering-Projekts, dem wir uns nahezu ohne jede Gegenwehr unterwerfen müssten. Bisher gilt bei Werbung, die die Möglichkeit so einer Manipulation ja annimmt, dass ein Entzug zumindest möglich ist. Je mehr das Leben aber medial über Proxy-Kommunikationsdienstleister passiert, desto anfälliger und zugleich attraktiver ist es für Manipulations-versuche. Facebook gehört nicht nur die Luft, die unsere digitale Sprache überträgt, sondern auch der Lufthahn. Zumal “nicht kommunizieren” in so einem System eh nicht geht: Wer sich entzieht, macht sich zumindest verdächtig. Wer sich ohne seine Freunde entzieht, grenzt nicht nur sich selbst aus, sondern seine eigene Umwelt gleich mit. Jede Aktion, selbst der Austritt, ist ein Datenpunkt im Social Graph – und spiegelt sich auch in unserem ja immer weiterexistierenden sozialen Netz wieder. Weil der soziale Mensch ein Kommunikationseffekt ist, existiert er auch als Leerstelle weiter. Im Grunde muss man auf die Unfähigkeit und den Unwillen derer hoffen, die nun mal Zugang zu diesen Daten haben. Denn nicht nur steht in den Sternen, ob diese Daten jemals tatsächlich kommerziell nutzbar werden (und nur darum geht es – hoffentlich?! – den Wirtschaftsunternehmen), sondern auch, ob sie letztlich überhaupt verwertbar sind. Die schlimmste Befürchtung wäre, dass sich Big Data zu einer Gesellschaftsmaschine entwickelt, die alle möglichen und gesellschaftlich relevanten Aussagen schon vorformuliert und in ihrer Auswirkung vorberechnet hat. Eine Kontrolle als Lebensraum ohne Grenzen.

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Was ist Dissidenz in so einer Zukunft wert?

Adornos Klassiker “Es gibt kein richtiges Leben im falschen” müsste um eine technische Dimension erweitert werden. Was ist das für eine Zukunft, in der weite Teile der Gesellschaft sekundengenau und vorausschauend bis ins letzte Glied kalkulierbar werden, bis in die Momente kurz vor der Entscheidung? Wenn diese Entscheidungen aus Perspektive der Big-Data-Tools eher einem Multiple- Choice-Test gleichen, der gar nicht falsch ausgefüllt werden kann? Was ist Dissidenz in so einer Zukunft wert? Wie kann eine Gegenöffentlichkeit funktionieren, die nicht automatisch, schon auf technischer Ebene, ans kritisierte System ankoppelt? Wie soll man sich verhalten, wenn es systemimmanent gar kein wirklich unerwünschtes Verhalten gibt? Und immer wieder Daten! Informationen entstehen, wenn zuvor unsichtbare Datenstrukturen sichtbar gemacht werden. Ihre virale Brisanz entwickeln sie erst, wenn sie anschlussfähig werden, also nicht mehr auf ein “Lesegerät” oder System festgelegt sind. Im selben Zuge, in dem die größten Internet-Dienstleister ihre Daten vor dem Zugriff anderer Systeme schützen, wird unsere Identität und ihre angeheftete Vertrauenswürdigkeit/Reputation zum zentralen Datum. Die Verlockung, etwa Facebook, Twitter, das Google-Konto als Generalschlüssel zum Zugang zu allem zu nehmen, ist unter Programmierern und Kunden groß. So spannen wieder die größten Anbieter das größte Netzwerk. Wir haben genug gehört von gekappten APIs, zerstörten Start-up-Träumen durch durchschnittene Firehoses und den Kampf der Giganten. Staatliche Überwachung mag ein Albtraum sein, mit den in Realtime analysierten Datenströmen innerhalb und um diese Quadriga, den Möglichkeiten, die nicht nur die Daten selbst, sondern deren ständige Analyse bieten, kann sie nicht mithalten. Aber sie rückt jede Diskussion der Regulierungsbehörden mit eben diesen Playern in ein ganz anderes Licht. Man muss für sich selbst entscheiden, ob die komplexere Motivation dieser Player mit unseren Daten die bessere oder schlechtere Wahl ist, als die überschaubare von Nationalstaaten. Staaten wollen Sicherheit, also die Begrenzung von Möglichkeiten. Unternehmen verkaufen Möglichkeiten – und immer mehr die Modi der Entstehung solcher zusätzlicher “Optionen”. Dieser Verkauf selbst ist eine Ware und damit der Kunde.

Ich möchte Teil einer Markenbewegung sein

Derzeit jedenfalls ist es so: Diese Daten sind auch eine Währung, die es nicht einfach auf die Schnelle zu schröpfen gilt, sondern deren aufkommende, zukunftsprägende Gewalt in einem konsistenten und haltbaren Strom zwischen den Befindlichkeiten verwaltet werden muss. Zu viel ausgequetscht, zu creepy, zu unhip geworden, tritt man nicht nur dem User auf die Füsse. Man tritt dem Gefühl auf die Füsse, dass da unterschwellig eine Art Vertrauensbasis sein müsste, auf die man sein digitales Leben gestellt hat. Wie fragil dieses Vertrauen ist, kann man am Hippness- Aufstieg und -Abstieg von Apple ablesen. Cupertino fährt die schönsten Ergebnisse der Firmengeschichte ein und lässt einen schwindeln vor pur-kapitalistisch strotzender Verkaufsmasse, aber ein paar Kids finden’s nicht mehr so cool, ein paar Kinder von Tech-Journalisten wenden sich ab, die Börsenkurse flattern. Im Grunde sollte ganz unten in der Reihe der Analyse-Tools kapitalistischer Verhältnisse nicht das Geld, nicht die Zeit, nicht die Hauntologie stehen, – wie gerne von hippen Marxisten vorgeschlagen – sondern die Hipsterologie. Befindlichkeiten, Stimmungen, virale Katapulte eines Style-Befindens, all das kann heute die Giganten in arge Bedrängnis bringen. Ich möchte Teil einer Markenbewegung sein.

Sisyphos im Schlamm der Lernkurve

Wer sich in den letzten Wochen auf Myspace rumgetrieben hat, oder von einem Handy-System ins andere wechseln wollte, der kennt noch die ganz praktische Seite dieser Dilemmas. Von einer Sekunde auf die andere bewegt man sich schlimmer als Sisyphos im Schlamm eine Lernkurve hinauf, die an jedem Plateau zeigt, das nichts mitnehmbar, nichts portabel ist, nichts in dieser Welt so funktioniert, wie das Gedächtnis es sich einbilden würde. Die digitalen Spuren haben bis in unsere antrainierten Muskelbewegungen eine proprietäre Nuance bekommen, die den AGBs dieser Welt hoffnungslos unintuitiv ausgeliefert ist. Noch mag das als Zwangsjacke aus Apps und APIs wirken. Aber in Zukunft könnte das durchaus ein eigenes Leben ausformen, zu dem die Franchising-Welt von Snow Crash im Vergleich wie ein putziger Kindertraum wirkt. Weil bis tief in unseren Körper und unsere soziale Welt hinein Eingriffe von Firmen und deren Regulationswahn zementiert sein werden: Wir wären Figuren in einem Spiel zwischen Vorhersagbarkeit und kanalisierten Entscheidungs- und Kommunikationsformen, dessen Regeln wir nie verstehen werden. Diese medial vermittelte Welt müsste umfassend, total werden. Es dürfte kein Außen mehr geben, in das man sich zurückziehen könnte. In einer letzten Analyse der grundlegenden Motivationen von Google und allem was sie tun, kam A.J. Kohn auf die verblüffend einfache und einfach ausweglose Strategie: Google will, dass wir das Internet mehr und schneller nutzen. Was genau könnte eine Gegenstrategie, die nicht zurück in die Steinzeit will, dagegen überhaupt noch einwenden. Was fehlt, sind immer wieder: Perspektiven einer Dissidenz.

Gegenspieler und Dissidenz

Es gibt vermutlich nur drei Gegenspieler. Der Staat, Unternehmen (und dazu zählt noch Cybercrime), wir. Derzeit geht die größte dissidente Kraft tatsächlich von Staaten aus. Sie, so scheint es, haben durch Regulierungen das einzige Instrument in der Hand, um die auf Vermarktung optimierte Infrastruktur der Wirtschaftsunternehmen in Versorgerstrukturen zu überführen. Warum betrachtet man Facebook, fragt etwa Justin Fox in der Februarausgabe des Atlantic, nicht als Versorger statt als Dienstleister? Diese Idee ist eine Kapitulation: Das Netz als wichtige Kommunikationsinfrastruktur der tatsächlichen Vernetzer, nicht der Strippenleger, hat sich eben abseits staatlicher Lenkung entwickelt – und sollte also auch so weitergeführt werden. Der Ruf, Facebook zu verstaatlichen, wirkt abstrus. Aber warum eigentlich? Es gibt jedenfalls gute Gründe, so ein Kommunikationsnetz nicht dem Staat zu überlassen. Wenn im US-Wahlkampf politische Parteien die selben Manipulations- und Vorhersagetechniken verwenden, wie die kritisierten Unternehmen, dann ist Überwachung als Ausweg nur die einfachste Version einer Gegenposition. Facebook mag alles für ihre Shareholder tun, die in einer kapitalen Demokratie jeden Fehlzug mit einem Aktien- Sturzflug beantworten. Staaten selbst regulieren aber den Geldfluss nicht selten noch direkter mit einer ausgesprochenen Präferenz für die Stärksten im System und einer Umlagerung der Last auf jeden. Auf den Staat und seine Regulierung hoffen, heißt also normalerweise nicht weniger, als den Traum von Dissidenz einfach einem anderen Monster zu überlassen, das so von Lobbystrukturen durchzogen ist, dass man bestenfalls das eigene Wissen um die Marktverquickungen auffrischt. Wer seine strategischen Hoffnungen auf diese Richtung setzt, sei es mit Petitionen oder direktem politischen Handeln, der sollte – hat er ein Mal die Macht des Staates in eine passende Richtung gelenkt – den schnellen Absprung schon vorbereitet haben.

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Haifischbecken der Aufkäufe

Start-ups und DIY-Szene, sofern sie im Haifischbecken der Aufkäufe und Patentzwänge überleben, haben nur eine Chance, die schon etwas mehr nach Dissidenz klingt. Sie müssen die systemischen Fehler, die Bahnen der notgedrungenen Überregulierung, die die Finanzflüsse der großen Vier aufrechterhalten, auch gegeneinander durchbrechen und für andere, freiere Informationsflüsse öffnen. Unter der Prämisse von Web 2.0, noch bevor dieser neue Kompass der Viererbande etabliert war, hatten wir von dort nahezu wöchentlich neue Ideen der Befreiung gehört. Was wir daraus lernten, war, dass jede Öffnung auch eine Angriffsfläche frei macht, die von den Großen einverleibt werden kann, sofern sie sich nur genug offene APIs auf die Fahnen schreiben. Gute Ideen sind zu viel wert, als dass man sie nicht kaputt machen müsste. Mittlerweile kann man – wie man sehr gut am Beispiel von Minivideos sehen konnte – die Reaktionszeit auf ein aufmüpfiges Start-up wie Snapchat schon in Wochen messen. Facebook hatte die Antwort an einem Wochenende mit Poke zusammengecodet, Twitter Vine hinzugekauft, schon war die Konkurrenz da und die Träume auf einen neuen Start-up-Star auf den nächsten verschoben. Und immer öfter tun sich gerade diese Start-ups schwer, aus den klaren aber höchst einseitigen Bereichen wie Cloud, Arbeit, Hardware, Mobile, Konsum, Identität, Soziales (deren Verquickung in einem Ökosystem eben genau die Macht der Vier Reiter auszeichnet und stabilisiert) auszubrechen und eine andere Idee für die eigene Weiterentwicklung zu haben, als: Ach, wir wollen auch eine Media-Company werden! Auch der Hacktivismus als Dissidenzmöglichkeit muss scheitern, weil er die zugrundeliegenden Strukturen des Netzes nicht kritisiert, sondern sich am untauglichen Versuch eines guten Lebens im falschen Netz versucht. Im Grunde arbeiten alle nur an der Stabilisierung eines Systems. Critical Engineering Manifesto hin oder her: Wer jätet, statt stutzt, schützt.

Hoffnung Indie-Hardware

Zur Zeit befinden wir uns in einer Phase, in der viele die Hoffnung auf Indie-Hardware richten. Auf Crowd-finanzierte Kickstarter, die kurzzeitige Banden zwischen uns und der Technologie, die wir uns wünschen, erlauben. Nicht wenige halten 2013 für das Jahr, in dem Crowd-finanzierte Hardware – 3D-Printer, Arduino/Rasperry, – alles umkrempeln wird. Aus der vielbeschworenen Generation, die alles umsonst haben will, könnte eine werden, die ihre Zukunft durch minimale aber hochdistribuierte Investitionen selbst finanziert. Ob aber aus dieser Szene eine disruptive Technologie entstehen wird, die mehr ist als ein kurzer neuer Gadget-Hype, oder der Applaus für eine Millionen Investitionsgelder, muss abgewartet werden. Wichtig ist, dass hier das “Wir” mit den Start-ups ein neues Bündnis eingeht, das zumindest strukturell kurzfristig gute Chancen haben könnte. Am Ende dieser Entwicklung würde ein neues Internet stehen, das die strukturellen Fehler des aktuellen Netzes nicht wiederholt.

Dronenet, Sneakernet oder Subnetz

Ganz auf uns geworfen, mit einer gewissen Erfahrung von DIY, Hackertum und dem Wissen, dass Software immer genug Brüche erzeugt, sind Projekte oder Visionen wie Dronenet, Sneakernet oder hyperlokale Subnetze sicherlich vielversprechend. Sie könnten neue Möglichkeiten des Netzes aufmachen und so die Zukunft in neue Bahnen lenken. Nicht selten sind solche Bereiche aber von den Think Tanks der Großen gleich mitbesetzt oder der Vorsprung der Alltagstechnik ist einfach zu groß. Denn ein Problem des derzeitigen Internets ist ein einfacher Netzwerk-Effekt: kritische Masse, größter Haufen. Wer groß ist, wird größer. Aber selbst AR-Träume einer hochgefilterten Welt sollten mit Sergej Brins Google-Brille nicht zu Ende sein, die Hoffnung auf ein freies und mobiles Filesharing-Netzwerk als widerstandsfähige Kommunikationsbasis nie aussterben. Das immer und immer wieder bemühte Beispiel des arabischen Frühlings als Social-Media-Dissidenz muss nicht darüber hinwegtäuschen, dass so ein Internet vielleicht den viralen Zündstoff für Revolutionen liefern könnte – aber genau so eine Revolution zukünftig nicht überstehen wird. Die Stabilisierung der Zeit danach, das Konzept jenseits der Disruption, die Sustainability einer Zukunft ist in unserem sozialen Arsenal von Zusammenschlüssen nur mager implementiert und stößt schnell an Grenzen, die gerade staatliche Eingriffe in diese Systeme (Facebook, Google, wo sind die Aufrührer?) noch enger schnüren könnten.

Mehr Feinde, mehr Dissidenz, mehr Risiko

Keine Frage, die Arbeit an Jailbreaks, die unermüdliche Scene, die gelegentlich quietschigen Aktionen loser Zusammenschlüsse wie Anonymous, zeigen immer wieder: Nichts ist in Stein gemeißelt, unser technologisches Epitaph ist noch nicht geschrieben. So groß die Hoffnung aber auch sein mag: Hier legt sich die flexibel organisierte Crowd nicht nur mit den Reitern der Infokalypse an, sondern auch immer gleich mit dem Staat. Mehr Feinde, mehr Dissidenz, mehr Risiko. Dennoch würden wir uns wünschen, flexiblere und gleichzeitig tragbarere, das eigene Überleben sichernde Strategien des Widerstands zu sehen, die den Hype, den Nervenkitzel, den kurzen Aufruhr auf eine strukturell sichere Basis danach zu heben vermögen. Eine Welt also, die nicht von vier Prinzipien einer technokratischen Hegemonie bestimmt werden kann.

ZDFInfo hat Sascha Kösch und Felix Knoke zu den Chancen und Risiken des “Internets der Möglichkeiten” befragt. Das Interview wird am Dienstag den 7. Mai umd 18:15 Uhr, am 11. Mai um 5:00 Uhr und am 12. Mai um 11:30 Uhr auf ZDFInfo ausgestrahlt.

ZDFInfo: Wiso Plus



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Felix Knoke
 
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26.04.2013 | 14:08
 
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“Von Mensch zu Mensch”, was noch gesagt werden muss

Interfaces: Doch noch nicht tot.

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Touch ist der letzte Atemzug eines überkommenen Interface-Paradigmas, eröffne ich meinen Text “Von Mensch zu Mensch” in der DE:BUG 172. Nicht mehr der Mensch sage in Zukunft der Maschine, was sie zu tun habe, sondern die Maschine mache sich einen Reim aus den Menschen; neue Interaktionsmodelle brächten Mensch und Maschine auf Augenhöhe. Um meinen Punkt zu machen, lies ich ein fundamentales und gutes Gegenargument außen vor: Input-Interfaces, egal ob Tastatur, Maus, Gesten/Touch oder Sprache sind natürlich noch lange nicht Geschichte.

Wenn sie auch im Unterhaltungsbereich und im Alltag eine abnehmende Rolle spielen werden, so werden sie doch zumindest genau dort, wo der Mensch der Maschine nämlich exakt sagen muss, was sie zu tun habe, noch lange weiter existieren. Vielleicht werden immer weniger Daten mit direkter Einmischung des Menschen verarbeitet (anteilig ja eh, Big Data; absolut aber auch, Automation), doch werden immer genügend Daten übrig bleiben, die eben nur ein Mensch abarbeiten kann oder sollte: Datenpunkte eingeben und miteinander in Verbindung bringen, mit Menschen kommunizieren, Pläne erstellen – nicht zuletzt: Schreiben. Also: Arbeiten.

Verbessern statt neu
Weil das Büro von Windows regiert wird, wird auch Windows weiterhin ein Maus- und Tastatur-Betriebssystem bleiben. Und weil Apples Touch/Gesten-Interfaces toll bei der mobilen Unterhaltung und fokussierten Interaktion funktionieren aber eben echt schlecht bei komplexeren Aufgaben, werden Apples Desktop- und Laptop-Betriebssysteme auch weiterhin konventionell funktionieren und nur durch erweiterte Eingabemodi (z.B. Sprache), cleveren Pseudo-Kommandozeilen (“Spotlight”, “Quecksilber”) und eleganteren Routine-Abnehmern (“Apple Script”) verbessert.

Dadurch entsteht aber ein interessanter Bruch des Fortschritts: Bislang konnte vor allem Apple sich über eine bessere Zugänglichkeit und – eben – neue Interaktionsmodi von Microsoft abheben. Aber in Sachen Zugänglichkeit hat Microsoft nicht nur aufgeholt, sondern kann auch problemlos gleichauf mit Apple kommen und in Neuigkeitswerten dürfte die alte Masche ausgeschöpft sein. Tastatur, Maus, Bildschirm erscheint mir ausdefiniert. Große Sprünge wird man nicht mehr erwarten können. Wie auch in andern Alltagsanwendungen wird es, vermute ich, zu einem Standard kommen, den alle Anbieter leisten können und über den hinaus sie sich nur durch Stil oder Ausgrenzung voneinander unterscheiden können. Die einen machen’s in grün, die andere in blau. Die einen können das ein bisschen besser, die anderen jenes. Alle Autos, Waschmaschinen, Heizungen sind etwa gleich gut zu bedienen – die Unterschiede sind letztlich Geschmacks- und Distinktionssache: Goldschaltknüppel, LED-Ziffern statt Tachozeiger. (Don Norman, den ich im Rahmen des Interface-Specials interviewte, würde hinzufügen: Das alles gilt aber nicht für Hotelwecker.)

Office bleibt
Werden die künftigen Produktankündigungen von Apple also vor allem Design-Design, aber nicht mehr Usability-Design betreffen? Flach statt skeuomorp, grün statt blau? Natürlich nicht. Apple wäre ja gerade zu blöde, sich in so eine Ecke drängen zu lassen. Aber was um alles in der Welt sind die Alternativen? Diese Frage stellt sich – unterstelle ich – die ganze Branche. Rechenleistung, Usability, Features, all das, was sich in den letzten Jahren so rapide veränderte und als Kaufargument verwendet werden konnte, ist trivial geworden. Microsoft verkauft Windows und Office über reine Marktmacht und Präsenz: Da wo Windows war und ein Wechsel teuer wäre, bleibt auch Windows. Da wo Geschäftsdokumente waren und auch künftig verwendet und verschickt und empfangen können werden sollen, wird Office bleiben. Warum auch wechseln? Die Vorteile überragen die Nachteile. Und mit Windows und Office bleibt Tastatur und Maus.

Als ich also schrieb, dass Touch der letzte Atemzug eines überkommen Interface-Paradigmas war, hatte ich nicht übertrieben. Ich habe viel mehr untertrieben, wie lange der Atem dieses alten Paradigmas ist.



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| 12:00
 
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Vector Lovers

Unterwegs zur Musik

Vectorlovers_berlin2007-03(photo by David Gordon Smith)

Mit iPhonica hat Martin Wheeler das vielleicht letzte Album als Vector Lovers aufgenommen. Und weist mit dem reduzierten Equipment in die Zukunft der Musikproduktion. Ein iPhone, eine App, fertig.

Text: Felix Knoke

Wenn alles in Bewegung ist, gibt die Musik, die ewig bewegte, Halt. Sie sublimiert die Leere der Trauer und Melancholie und setzt dem Nicht-sein einen Kontrapunkt: Schönheit. Die Musik von Vector Lovers hatte schon immer solche melancholischen Zwischentöne. Doch so deutlich wie auf iPhonica war Martin Wheelers Schmerzbewältigung noch nie zu hören. Mit iPhonica bewegt sich der Elektronika-Musiker zurück zu seinen Anfängen und nimmt die Veränderung gleich doppelt auf: als Ideengeber und Schaffensprinzip. iPhonica ist unterwegs entstanden, als technisch-minimalistisches Projekt allein mit der iOS-App NanoStudio. Die Tracks zeichnen die Reise zu sich selbst nach: vom Opener über die von Fukushima verstrahlte Nakadori-Region über Berlins Kastanienallee, den Streifzügen als Big City Loner bis hin zum Closer Let’s Go Home. Die Melancholie des Reisenden statt bunter Dancefloor-Extasen, was ist bloß mit Vector Lovers passiert?

Wie eine Heimreise

“Die letzten Jahren waren eine ganz schön verwirrende Zeit für mich. 2010 starb mein Vater und ich wollte wieder bei meiner Familie sein,” erklärt Martin Wheeler. “Nachdem ich fünf Jahre in Berlin gelebt habe, zog ich 2010 zurück nach England. Ich vermisse meinen Vater und ich vermisse Berlin. Ich habe in Kreuzberg gelebt und erinnere mich an die Sommerabende, an denen ich mit einem Bier am Ufer saß und den vorbeiwehenden Geräuschen der Stadt zuhörte. Berlin wird immer ein besonderer Ort für mich sein – und ich habe hier auch ein paar iPhonica-Tracks aufgenommen, als ich 2011 kurz zu Besuch war.” Die Idee, iPhonica nur per iPhone-App einzuspielen, entstand fast zwangsläufig, erzählt Martin: “Mein ganzes Equipment verstaubte in Flightcases – ich hab letztlich fast alles davon verkauft, um meine Rechnungen bezahlen zu können. Vielleicht gerade durch diesen Verlust hab ich nach neuen Möglichkeiten gesucht.” Stilistisch orientiert sich iPhonica am ersten Vector-Lovers-Album von 2003. Minimale Arrangements, ein paar Retro-Synthsounds, Melodien und Ambiences. “Das Album fühlt sich wie eine Heimreise an. Ich hätte es genau so gut vor zehn Jahren aufnehmen können.”

Zurück zu den Basics

Die Reise als Produktionsmodus für Musiker ist ein Klischee. Aber dank Apps kann sie endlich auch über elektronische Musik erschlossen werden: kein Equipment-Schleppen, keine Boot-Zeiten, die länger als eine U-Bahnfahrt dauern: “Ich konnte jede freie Minute zum Musikmachen ausnutzen, solange ich Kopfhörer dabei hatte und in der richtigen Stimmung war.” Und so sind die iPhonica-Tracks vor allem unterwegs entstanden, in Zügen, Bussen, im Wartezimmer, in Pubs, Gärten, im Yorkshire Moor. Der Gefahr, Reisekitsch zu fabrizieren, scheint sich Martin bewusst zu sein: “Ich wollte kein Travelogue-Album machen und meine Umgebungsgeräusche samplen – ich wollte zurück zu den Basics. Die Beschränkung half meiner Kreativität. Ich konnte mich einfach viel besser auf die Komposition konzentrieren, auf die Essenz.” Ob auch andere Musiker auf Apps und die mobile Produktion umschwenken sollten? “Ich weiß nicht, wie die Zukunft von Sounds und Apps aussehen wird. Einerseits könnte es Instrumente ohne Interface geben, Programme, die unsere Gedanken lesen und so das Träumen von Musik ermöglichen könnten. Auf der anderen Seite könnte sich die Menschheit selbst ausgelöscht haben – und die Überlebenden spielen auf leeren Ölfässern mit menschlichen Knochen.” Er selbst werde sich jedenfalls in nächster Zukunft mit seinem Job als App-Entwickler befassen: “Ich hab seit 2011 ein paar iOS-Spiele unter dem Namen Recluse Industries veröffentlicht und arbeite gerade an einem Spiel mit generativer Musik, eine Ambient-Version des Arcade-Klassikers Asteroids.” Recluse Industries – schon wieder so ein Aussteiger- Hinweis! Vielleicht ist es ja so: Wer reist, ist auf der Suche nach einen Ausweg aus dem Nichts. Aber gerade die Suche nach dem Ich führt in genau dieses Nichts, unsere Essenz. Mit iPhonica denkt Martin Wheeler jedenfalls längst über einen Rückzug nach: “Dieses Jahr ist das zehnte Jubiläum von Vector Lovers. Für mich fühlt es sich an, als ob das der beste Zeitpunkt wäre, der Geschichte ein Ende zu machen. Die Zeit wird es zeigen.”

Vector Lovers, iPhonica, ist auf Soma Quality Recordings erschienen.



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Jetzt am Kiosk: DE:BUG 172

Can't Touch This: Die Zukunft der Interfaces / Bibio / Safety Scissors /Miles / Frische Technik von der Musikmesse und das 101 für den Kupferklau

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LIEBE USERINNEN,
LIEBE USER,

In dem Maße, in dem Technik mit dem Alltag verschmilzt und damit unsichtbar wird, erscheint der Error, der technische Fehler, als eine Form, mit der uns diese neue Welt begegnet. Miles Whittaker, die eine Hälfte des bereits jetzt legendären Duos Demdike Stare, ist da unser Mann: Im großen Portrait sagt der praktizierende Philosoph elektronischer Musik: “Falsche Spannung am CV/Gate, Schmutz in der MIDI-Leitung, ein Kratzen des Filters. Diese Dinge sind meine Hauptinspiration. Gute Momente entstehen immer, wenn etwas schief geht.” Recht hat er. Das Bild der Welt als (fehleranfälliger) Prozess ist in dem Moment Wirklichkeit, indem Maschinen unser Leben und unsere Umwelt regeln. In unserem Special “Can’t touch this” versuchen wir das neue Interface-Paradigma auf den Pop-Punkt zu bringen: Anfassen ist nicht mehr; Finger weg!, ich regele das schon allein – sagt die Welt und trackt über Sensoren und Chips unser Leben, unsere Stimmungen und unsere Ticks. Mit diesen Nicht-mehr-Interfaces endet eine Zeit, in der ein Mensch die Maschine berührte und ihr seinen Willen aufzwang. Das alte Paradigma der Mensch-Maschine-Schnittstelle, zuletzt mit “Touch” so schön bildlich, wird durch ein komplexeres Interaktions-Modell ersetzt. Die Oberfläche des Menschen selbst wird die Schnittstelle, auf die Maschinen zugreifen. Von der Lichtschranke zum Autofokus, dem intelligenten Lenkrad, Google Glass und immer wieder die Smartwatch.

Das würde Bibio und auch die Safety Scissors sicherlich anders sehen. Denn Laviani ist mit “Good Vibrations” für Interieurs gelungen, was Musik natürlich schon lange kann: Auf ihre Beschaffenheit, Gemachtheit hinzuweisen. Aber im Gegensatz zu Glitch-Art, Edding-Experimente und Shredder-Klebereien ist es nicht der Mensch, der hier etwas tut, sondern das Ding selbst. Für uns Grund genug, sie fassungslos anzuschauen – und uns am Gedanken zu wärmen: Von innen sehen – im Gegensatz etwa zu Tracks – alle Kommoden gleich aus.

Die Redaktion

Unsere Themen

SPECIAL: INTERFACES – CAN’T TOUCH THIS
Die Ära Touch nähert sich allmählich dem Ende. Vorbei die Zeiten, in der der Mensch der Maschine die Anweisungen gibt. Der Computer verschwindet, erlernte Interfaces verschwinden und damit die Möglichkeit menschlicher Einflussnahme. Werden wir entmündigt? Werden wir entmündigt? Kontrollieren nicht mehr wir die Maschinen, sondern bald die Maschinen uns?

MILES: DER BESTE DJ DER WELT
Miles Whittaker, ein Teil der ominösen Demdike Stare und ehemaliger Bewohner des dunklen Techno-Planeten Manchester, hat sein erstes Solo-Album auf Modern Love gemacht. Wir haben ihn in seinem neuen Heim in Berlin besucht.

BIBIO: KLANG ALS INNERES KINO
Gitarren, richtige Songs, echte Gefühle und jede Menge Poesie. Bibio bearbeitet auf seinem neuen Album die alten Grenzen zwischen Elektronischem und Akustischem. Auf Hypes und Aktualitätswahnsinn wird dabei keine Rücksicht genommen.

MODESTRECKE: KUPFERKLAU
AEIOU und DE:BUG haben sich im Kupferklau-Milieu umgeschaut und die angesagtesten Rucksäcke, Gadgets und Styles erspäht. Wir waren mit Spürsinn und Kamera auf Baustellen unterwegs.

MUSIK
# Miles: Trouble On The Dancefloor
# Bibio: Poesie und echte Gefühle
# Safety Scissors: Intimität zwischen House und Pop
# Freund der Familie: Vinyl-Alltag in Deutschland
# Springintgut: futuristisches Cello auf Reisen
# Bicep: Schwarzenegger und Proteinshake
# Beacon: Trauer in Brooklyn
# Denseland – Skelette werden Körper
#Secret Circuit – Verdaddelte Kraut-Disco
# Musikhören mit: Mike Skinner & Rob Harvey aka The D.O.T.

SPECIAL: CAN’T TOUCH THIS
# Das neue Interfaceparadigma: Der Hands-off-Ansatz
# Interface-Grusel: Die neue Unheimlichkeit
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25.04.2013 | 13:41
 
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Ben Cenac

Lost and found

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In den 80ern versuchte sich Ben Cenac aus Brooklyn noch mit mäßigem Erfolg in R&B und B-Boy-Electro, bevor er 1990 mit House sein persönliches Paralleluniversum entdeckte. Seine wenigen Produktionen als Dream 2 Science und Cozmo D erblicken heute erst so richtig das Tageslicht. Ein Wimpernschlag vergessener Musikgeschichte. Seine Zeit als House-Produzent erscheint rückblickend weit mehr zu sein als nur eine kurze Affäre.

Text: Julian Jochmaring

Archäologie ist unsere Zukunft. Solange sich House weiter in einer endlosen Nostalgiespirale um sich selbst dreht, öffnen sich neue Perspektiven nur noch für die, die tiefer graben, abseits der nekrophilen Pfade, auf denen geschichtsbewusste Klangforschung längst zum Reenactment-Porno geworden ist. Ein richtiger Archäologen-Glücksgriff ist den Holländern von Rush Hour mit der Wiederveröffentlichung der “Dream 2 Science”-EP von 1990 gelungen – des einzigen Release des New Yorker Ben Cenac auf Power Move Records. “Dream 2 Science” ist ein kristallklares Manifest elektronischen Souls, voll weicher Pads und verliebt taumelnder Pianos. Es schlägt eine Brücke zwischen dem futuristischen Electro der frühen Achtziger und der Emotionalität von Chicago House. Wenn in “My Love Turns To Liquid” die weibliche Stimme ins Zentrum des Tracks rückt, offenbart sich sogar ein subtiler Pop-Appeal, der in den wesentlich reduzierteren und funktionaleren House- Ansätzen der Zeit – etwa von Nu Groove – bereits verloren gegangen war.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Konkurrenten war Cenac kein unbeschriebenes Blatt. 1990 konnte er schon auf fast ein Jahrzehnt im Musik-Business zurückblicken. Als Rapper und Produzent Cozmo D hatte er mit Newcleus zwischen 1983 und 1986 mehrere R&B-Charts-Erfolge. Newcleus’ B-Boy-Electro blieb nicht nur dank der neuartigen 808-Sounds und Chipmunk-Vocals, sondern auch wegen der knalligen Platten-Cover in Sci-Fi-Optik im Gedächtnis. Sein ätherischer Underground-House war dagegen lange Zeit fast völlig vergessen. Cenac lebt heute in Easton, Pennsylvania, einem 30.000-Seelen-Städtchen zwischen New York und Philadelphia. Gutgelaunt plaudert er über seine Erfahrungen aus vier Jahrzehnten Musikgeschichte und lüftet dabei das Mysterium seiner ungewöhnlichen Diskographie: “Angefangen habe ich 1975, zu Highschool- Zeiten, als Funk- und Disco-DJ in Brooklyn. Meine Name war ‘Cozmo Dizco’, eine Kombination von El Cocos ‘Mondo Disco’ und ‘Captain Cozmo’, einer selbsterfundenen Comic-Figur aus Kindertagen.“

Ab 1977 wird Cenacs Musik immer breakiger, die Soundsystem-Kultur mit DJ, MC, zwei Plattenspielern und einem Mic regiert die Blockpartys in Brooklyns Straßen und Parks. HipHop nannte das damals zwar noch niemand, aber Cenac ist mittendrin in dieser neuen Bewegung. Aus Cozmo Dizco wird Cozmo D. Clubs spielen keine Rolle für ihn, Downtown Manhattan war von den Straßen Brooklyns so weit entfernt wie der Mond. Paradise Garage, Larry Levan? “Dort bin ich nie gewesen. Ich kannte zwar Giorgio Moroder und Kraftwerk, aber was sonst außerhalb von Brooklyn abging, hat mich nicht interessiert. Es ging nur darum, besser zu sein als der Typ am anderen Ende der Straße, egal ob als Rapper, DJ oder Graffiti-Künstler. Genauso bin ich auch zum Produzieren gekommen: Als DJ wollte ich alle Tracks immer noch besser machen. 1980 habe ich mir dann mit Geld, das ich als Briefträger verdient hatte, meinen ersten Synthesizer gekauft, einen Electro Harmonix. Ich stand schon immer auf abgedrehte Sounds, zum Beispiel Gershon Kingsleys ‘Popcorn’. Die Beach Boys mochte ich nur wegen des Theremins in ‘Good Vibrations’. Jetzt endlich konnte ich die ganze Musik, die schon immer in meinem Kopf war, rauslassen.”

Gemeinsam mit Bob “Chilly B” Crafton, seiner Cousine Monique und seiner späteren Ehefrau Yvette aka “Lady E.” gründet Cenac Newcleus. “Auch Bob und Monique waren ein Paar, und so stand der Name für die Zusammenkunft unserer Familien. 1982 lief plötzlich ‘Planet Rock’ von Afrika Bambaataa & The Soul Sonic Force überall rauf und runter. Außer, dass sie aus der Bronx kamen, hatten wir keine Ahnung wer diese Leute waren. Aber unsere Tracks klangen ziemlich ähnlich, also haben wir uns Hoffnung auf einen Plattenvertrag gemacht. Über einen Bekannten sind wir schließlich bei Sunnyview Records gelandet.“ Dass es aus heutiger Perspektive so wirkt, als hätten Newcleus bei Bambaataa abgekupfert, wurmt Cenac noch immer. Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein: Auf der einen Seite der visionäre Zulu-Nation-Gründer mit seiner Idee von HipHop als globaler Jugendbewegung, auf der anderen das fast ein bisschen spießige Familienidyll Newcleus. Der Glaube an die utopische Kraft der Gemeinschaft verbindet beide. Doch für Cenac war diese Utopie bereits nach drei Jahren und zwei Studioalben beendet. Nicht die Maschinen hatten die Kontrolle übernommen, sondern die ganz realen Mechanismen des Musik-Business. “Wir hatten nicht die Rechte an Newcleus und uns wurden vom Label nie Tantiemen gezahlt. Danach war ich ein gebranntes Kind und wollte nicht mehr mit Labels zusammenarbeiten, sondern nur noch andere Leute produzieren. Wann ich das erste Mal House gehört hab, kann ich gar nicht genau sagen. Für mich war es einfach eine logische Weiterentwicklung minimalistischer Synthesizer-Musik.”

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Seine ersten House-Tracks produziert Cenac noch gemeinsam mit dem 2010 verstorbenen Chilly B, geht dann aber schnell eigene Wege. Seine alten Kumpel aus HipHop-Tagen hatten für House meist nur ein müdes Lächeln übrig und Clubs waren sowieso nie seine Welt. House wird zu der Zeit sein ganz persönliches Paralleluniversum, das jetzt aus Drumpatterns und Acid-Basslines besteht und nicht mehr aus Comic-Figuren. Wahrscheinlich wirken seine Tracks auch deshalb so zeitlos und einzigartig, weil Cenac in der House-Welt immer ein Außenseiter blieb. Das ebenfalls von Rush Hour im letzten Jahr neuaufgelegte “I’m In Love”, eine raue, slammende Garage-Hymne, die Cenac für das weibliche Gesangsduo Sha-Lor produzierte, klingt ein wenig wie die introvertierte Kehrseite von Kevin Saundersons Inner-City-Projekt und war zumindest in UK sogar ein kleiner Hit. Auf den jetzt erschienen, bisher unveröffentlichten Tracks der “Cozmic House EP” zeigt sich eine noch melancholischere, verletzlichere Seite Cenacs. Seine Zeit als House-Produzent erscheint rückblickend als weit mehr als nur eine kurze Affäre. Viel eher präsentiert sich hier ein ausgereifter Künstler auf dem Höhepunkt seiner Kreativität, der endlich ganz bei sich angekommen war.

Doch das Pech holte ihn ein: “1991 ging mein Vertrieb pleite. Kurze Zeit später gab es einen Brand bei mir zu Hause. Das Studio blieb zwar unversehrt, aber ich habe alle meine analogen Maschinen verkauft. Ein Riesenfehler! Danach habe ich jahrelang versucht, mit unbekannten R&B-Künstlerinnen einen Majordeal zu bekommen. Aber immer, wenn wir mal Material fertig hatten, wurde eines der Mädchen schwanger oder etwas anderes kam dazwischen. Auf meine House-Tracks war ich aber immer genauso stolz wie auf Newcleus. Es ist toll, dass ich jetzt eine neue Generation damit erreichen kann. Wahrscheinlich sind die Sachen heute sogar größer als damals.”

Ben ‘Cozmo D’ Cenac, Cozmic House EP, ist auf Thug Records/Complete erschienen.



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‘murican Noise

Dylan Ettinger & Umberto

UMBERTO FALL 12 (1)

Zwei Analog-Outsider spulen im stillen Kämmerlein Kassetten vor und zurück: “Crucify Your Love” befiehlt Dylan Ettinger auf seinem jüngsten Release für Night People Records und mit “Confrontations” kehrt Umberto nach einigen Horror-Disco Ausflügen zurück zur Bro-Synth-Brutstätte Not Not Fun. Beide vereint der amerikanische Mittlere Westen und eine generelle Neudeutung jüngerer Americana.

Text: Michael Aniser

Es ist Sommer 2012, Matt Hill schwankt über den Flur zu den Toiletten des Berliner RAUMs. Soeben hat er sein Set als Umberto im überfüllten, zugeschwitzten Club hinter sich gebracht. Mit ins Gesicht gezogenen Haaren und tief in den Laptop gebeugt, dreht er Bässe in Carpenter-esque Soundtrack-Miniaturen und faded in darke Disco-Beats. Die Nebelmaschine ist auf Dauerbetrieb gestellt und weit über das oberste Stockwerk der Industriehalle hinaus verwischen die ersten Sonnenstrahlen im grau flimmernden Videokassetten-Haze – wohl wiedermal zu oft zurückgespult. Im ersten Gespräch mit Matt starrt er eine ganze Weile in die Ferne, über den ehemaligen Todesstreifen hinweg, bevor er meine Frage nach der Musikszene in seiner Heimatstadt Kansas mit “There’s no one … I’m alone” beantwortet und wieder langsam im Nebel verschwindet. Der Soundtrack hebt noch einmal zur letzten großen Fanfare an, während die Kamera sich langsam in die Vogelperspektive erhebt, und hoch über dem Amazonas, wie in jedem guten Kannibalenfilm, rollen die Closing Credits. Auf “Confrontations” geht es allerdings primär um die Entführung durch Außerirdische und nicht die Verschleppung durch post-kolonial problematisch gezeichnete Ureinwohner. Die Tracks sind etwas discoider geworden, der Opener “Night Fantasy” klingt mehr nach Miami Vice als nach Lucio Fulcis düsterem Giallo-Klassiker “The New York Ripper”. Über sieben Tracks zieht sich die Mär von der Invasion der Aliens und endet im minimal dumpf stampfenden MIDI-Kracher “The Invasion”.

Les amateurs de la cassette

Nicht Hauntologie, sondern Hommage und das Ausleuchten einer vergangenen SciFi-Zukunft, an der sich die Geschichte des suburbanen Amerikas nachzeichnen lässt, sind Hintergrund eines solchen Sounds. Nie eingelöste Versprechen von Hooverboards oder dem Erwachsenwerden schieben die Synth-Kaskaden und treiben durch ein episches Fantasy-Narrativ, dessen Helden in ewigen Fan-Fiction-Schleifen feststecken und durch retrofuturistische Handlungsstränge navigieren. Hinter Halden aus analogem Equipment, mit Tape-Delay-Klackern und einem emulierten Korg MS-20 wird die Erfindung des Handys dementiert, sonst würde die ganze Handlung kippen. Man könnte ja einfach rausgehen und anrufen und müsste nicht ewig vor dem Festnetz-Telefon ausharren und sich die alten Videokassetten zum hundertsten Mal ansehen. Verlaufen gegenwärtige Konzepte hypnagogischen Sounds genau in ebendiesen krypto-ironischen Retro-Chimären, wird in Dylan Ettingers und Umbertos Werk gleichsam eine andere Welt aufgebrochen: die grausame Sicherheit der Vorstadt, der Provinz. Diese wird gegenwärtig sonst ja soweit heruntergepicht, dass es schon gar nicht mehr weh tut. Umberto hingegen sticht nochmal tief in den doppelten Boden von John Carpenters “(Leaving) Los Angeles” und findet da so einiges an Ballastmaterial – seine 2011 veröffentlichte 12″ “Final Exit”, eine 15-minütige Elegie als Soundtrack zum Selbstmord für Zuhause, kommt dann auch ohne B-Seite aus, wer wird die schon umdrehen wollen? Ettinger soundtrackt inzwischen eine ganz andere Kälte. Vielleicht am ehesten den Moment, als John Connor in “Terminator 2″ vom BMX fahren und Geldautomaten hacken nach Hause kommt und ihm klar wird, dass jetzt bald mal die Maschinen das Sagen haben werden.

Daniel Johnston beim Star Trek gucken

Im September 2012 unterhalte ich mich kurz mit Dylan Ettinger auf Facebook und frage ihn, ob nach seiner letzten Platte “Lifetime of Romance” schon wieder etwas Neues geplant sei. “I don’t know, I’m thinking of retiring from music.” Ettinger, gerade mal 24, hat sich dann aber glücklicherweise noch einmal am Riemen gerissen und legt jetzt mit “Crucify Your Love” den Nachfolger vor. In gerade mal 20 Minuten zersetzt er die kühlen Pop-Jams von “Lifetime of Romance” und stülpt sie nach innen zu raueren und fasrigeren Tracks um. Die Stimme mit ordentlich Distortion und Delay überlagert, zerläuft alles in einem manisch-depressiven Brei aus flächig-analogem Synth-Gewaber. “The End of love…” singt Ettinger im Track “Dawn”, sehr kalt das alles. War für Daniel Johnston, den Go-To-Outsider mit der dünnen Stimme, der hier immer wieder durchscheint, die Liebe noch brachial verklärtes Ideal, beispielsweise im Song “True Love Will Find You In The End”, relativiert “Crucify Your Love” dieses Traumbild und dreht es auf Gegenwart. Als würde man Johnston beim Star Trek schauen über die Schulter gucken, die Flasche Mountain Dew fest in der Hand und auf dem Schirm wird Captain Picard gerade erfolglos von der Lyaaranidin Anna verführt. (“Liaisons”, SE07 EP02) Vor ein paar Wochen holte ich Matt Hill vom Flughafen ab, er tourt gerade mit seiner neuen Platte und kommt von einem John-Carpenter-Festival in Genf, wo er in einer alten Oper vor Fachpublikum sein Set spielte. “It was weird.” Wie es denn inzwischen aussieht in Kansas will ich dann noch wissen und ob alles cool ist mit der neuen Platte? “There’s still no one.”

Dylan Ettinger, Crucify Your Love, ist auf Night People erschienen.

Umberto, Confrontations, ist auf Not Not Fun erschienen.



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