"Aber da leben, nein danke."


Foto: Gunter Glücklich

Die in dicke Watte gepackten Wohlfühkreativen aus CobyCounty haben 2011 den deutschen Literaturbetrieb ordentlich aufgewirbelt, der Schriftsteller Leif Randt hat wohl das zeitgenössischste Buch des Jahres vorgelegt. Utopie, Wunschtraum oder doch nur eine weichgezeichnete Version des Berliner Prekariats? Die Essenz des Romans ist genauso offen wie der Himmel über der erfundenen Enklave der Glückseligkeit. Bis der Sturm kommt.

Debug: “Wir sind beide, obwohl wir noch nicht geduscht haben, ziemlich sauber.” – Einer meiner Lieblingssätze in deinem Buch.

Leif Randt: Ja, den mag ich auch. Viele Sätze entstehen aus diffusen Stimmungslagen, ohne große Absichten. Sie entstehen, weil sie mir gefallen.

Debug: Du hast mal gesagt, dir ginge es darum, einen “maximal entspannten Text zu schreiben”. Wieso?

Randt: Ich wollte jede Ambition herunter dimmen, einfach vor mich hin reden, aus einer möglichst ehrlichen Haltung heraus. Ohne großen Aufwand schreiben. Das war sehr angenehm. Die Atmosphäre stimmte dann, ich konnte gut laut nachdenken auf so eine leicht debile Weise, und während ich an “Schimmernder Dunst” geschrieben habe, ging es mir dann tatsächlich meistens gut. 2010 war ein gutes Jahr. Die Arbeit am Text sicherte mein Wohlbefinden. 2011 war schwieriger.

Debug: Ist CobyCounty ein utopischer, ein guter Ort? 

Randt: Ich würde auf jeden Fall hinfahren. Hinziehen dann wahrscheinlich in letzter Konsequenz doch nicht. Wobei man dem Erzähler auch nicht alles glauben darf. Ich denke, das Leben dort ist heterogener als der Protagonist Wim glaubt. Man müsste es sich tatsächlich selbst anschauen. Aber die meisten Zuschreibungen finde ich schon mal positiv. Viele Leser empfinden den Ort auch als alptraumhaft.

Debug: Das sind die Prenzlauer-Berg-Hasser, oder? Zu viele nette Cafes und zu viel Friedlichkeit?

Randt: Bei Lesungen in kleineren Städten, wo sich dann Leute melden und Fragen stellen, ist mir klar geworden, wie viele Menschen solche Großstadtidyllen gar nicht kennen. Auf die wirkt Coby County total verstörend, merkwürdig fremd und kaputt, einfach weil ihnen diese Bezugsrealität fehlt.

Debug: Irgendeine Ahnung, warum in diesem Jahr alle über Retro und Nostalgie nachdenken? 

Randt: Ich selber denke da nur bedingt drüber nach. Gestern habe ich mir einen Basketballschuh von 1992 bei Ebay gekauft. Das ist retro, aber nicht nostalgisch. In der Grundschule kannte ich den Schuh ja nicht. Ein Punkt ist vielleicht, dass man gern von früher erzählt. Aus der Vergangenheit hat man Bildmaterial, auf das man sich beziehen kann. Die Zukunft ist dunstig. Wenn man alleine schweigend dasitzt, tut man eine von drei Sachen: A) Man erinnert sich an etwas. B) Man versucht ein Problem zu lösen. C) Man macht Pläne. Vorausgesetzt die Erinnerungen sind nicht zu düster, dann ist A das einfachste. Vielleicht ist das der Grund.

Debug: Fühlt es sich nicht falsch an, in einer Zeit, in der sich die ganze Welt umzukrempeln scheint, ausschließlich über weichgespülte westliche Befindlichkeiten zu schreiben?

Randt: Es fühlt sich gerade deshalb richtig an. Ein Abgesang oder ein Rettungsversuch, eins von beidem, oft beides. Es geht um dieses Gefühl des Festhalten-Wollens, das ist auch bei mir sehr präsent. Ich selbst kenne ja nichts anderes als dieses westliche Leben. Ich war ein einziges Mal raus aus Europa, in New York für ein paar Tage, und da habe ich mir Basecaps und T-Shirts gekauft. Ich bin peinlich unbereist. Mein Verhältnis zur Wohlstandsgesellschaft ist ein zugewandtes, ich mag das total gerne hier. Aber manchmal blitzt so ein erlerntes schlechtes Gewissen auf.

Debug: In einem Interview hast du gesagt, dass du wütend auf die Antifa-Mädchen bist? Was war da los?

Randt: Ich wurde gefragt, was mich sauer macht. Und da fiel mir auf, dass das in den letzten Jahren meistens Konfrontationen mit linksradikalen Kulturwissenschaftlerinnen waren. Die fühlten sich einfach so irre wohl. Für die lag alles klar auf der Hand, weil sie alles in dasselbe Schema pressen konnten, die mussten gar nicht mehr hinschauen. Eines dieser Mädchen sagte mal: “Du findest meine Dreadlocks hässlich, weil sie dich daran erinnern, wie die Welt eigentlich sein sollte.” Die meinte das wörtlich. Unfassbar.

Debug: Die größte Provokation, auch vor dem Hintergrund der Geschichte des Adoleszenzromans, ist, dass dein Held es in seiner Welt bis zuletzt “total angenehm” und “total angemessen” findet. Ohne die Verzweiflung an der Welt fehlt der Hauptgegenstand aller Adoleszenzromane der letzten 100 Jahre.

Randt: Das entwickelte sich aus der Logik der Sache heraus. Für Wim gibt es, wenn er es rational durchdenkt, einfach nichts worüber er sich beklagen müsste. Deshalb gibt es auch keinen Ausweg für Wim. Und er braucht ja auch keinen Ausweg. Es ist ja alles relativ angenehm.

Debug: Gibt es etwas Schrecklicheres als ausgelassen tanzende Menschen? 

Randt: Ja, ein paar andere Sachen sind schlimmer. Es kommt darauf an, wer tanzt und wie die Geste dabei ist. Ich glaube, das eigentliche Problem ist programmatische Ausgelassenheit. Wenn man Leuten anmerkt, dass sie abends nur auf eine Veranstaltung gehen, wenn sie sich dort von ihrer maximal besten Seite zeigen können. Diese Verbissenheit gefällt mir nicht. Solche Leute sind zu Hause bestimmt immer weinerlich. Ich kann Partys auch genießen, wenn ich eher schlecht drauf bin, gar nicht mitmache und nur herumstehe.

Debug: Die Beschreibungen aus dem Leben in CobyCounty erinnern an Nordamerika, das große Land im freien Fall. Mit ihm geht aktuell ein Prinzip des ironischen Sprechens und der affirmativen Aneignung unter, das Andy “Pop” Warhol in der Factory erfunden hatte. Was kommt danach?

Randt: Nein, Amerika wird nicht untergehen und Andy Warhol auch nicht. Ich finde es falsch, das Ende eines ästhetischen Verfahrens auszurufen, sobald sich Bedingungen ändern. “Wir haben jetzt Rezession, lass mal ernst werden!” Die Verfahren ändern sich schleichend mit. Ich schätze, dass ich meinem Leben gegenüber auch dann noch ein leicht entrücktes, distanziertes Verhältnis hätte, wenn ich plötzlich arm würde. Aber klar – falls die Welt 2012 wirklich untergeht, dann werden die Menschen in den Tagen vor dem Untergang nicht mein Buch lesen wollen, sondern sich warmherzige Liebeskomödien anschauen, die in bayerischen Sommern spielen und klare Werte vermitteln. Zur Erbauung.

Debug: Was meinst du, wenn du so einen Satz schreibst: “Komm rein, ich habe verschiedene Saftsorten im Kühlschrank.”

Randt: In dem Fall ist das Situationskomik von der Figur Wim. Er will etwas obskur Trockenes sagen, und Carla aus dem Keyboardfachhandel macht dann auch gleich mit. Für Wim ist das wichtig, er schätzt dieses Verständnis für einen etwas kruden Humor, das ist die Grundlage für eine große Liebe.

Debug: Im Freitag stand, dein Buch stünde für einen Neubeginn, ich hatte eher das Gefühl, dass es einen Endpunkt anzeigt – das Ende eines bestimmten Ironiekonzepts, in dem es ständig ums wissende Zwinkern, Lächeln, Flunkern und Schmunzeln geht. Die Journalistin Nina Pauer schreibt in ihrem diesjährigen Buch “Wir haben keine Angst” auch ständig Sachen wie: “Ich bin jetzt auch so ein Apple-Opfer geworden, und dann wird vieldeutig gezwinkert.” Bei dir steht am Ende: “Ich schmunzle, und Wesley schmunzelt zurück, aber ich weiß, dass wir aneinander vorbeischmunzeln.” Und das ist fatal für die zwei Freunde, denn es besiegelt das Ende ihrer Freundschaft.

Randt: Ja, die beiden meinen plötzlich verschiedene Sachen. Das Gemeinschaftsgefühl ist in CobyCounty bedeutend und die Freundschaft zwischen Wim und Wesley, die zentralste in Wims Leben, geht am Ende verloren. Viele übersehen das, weil sie davon ausgehen, dass die Grundidee des Textes ist, dass eben gar nichts passiert. Aber das ist unsensibel gelesen.

Debug: Ist es möglich, von der Figur der Ironie loszukommen? 

Randt: Es ist die Frage, was man will. Das Sprechen in CobyCounty ist eigentlich nicht ironisch. Der Erzähler Wim spricht aufrichtig. Es gibt keine Sätze, die klar ironisch gemeint wären. Vieles fühlt sich zitathaft an, aber es wird gar nichts direkt zitiert. Eher handelt es sich um ein merkwürdiges in alle Lebensbereiche eingedrungenes Stilmittel, die Dinge stapeln sich immer höher und die Bezugsrahmen werden unklar. Ehrlichkeit ist ein wichtiges Wort in CobyCounty. Aufrichtigkeit und Ironie beißen sich heute nicht mehr. Eine ironische Aussage ist unter Umständen die ehrlichste.

Debug: So wie Helmut Schmidt letztens bei Jauch: “Ich war nie gemein, ich war ironisch.”?

Randt: Schmidt benutzt in dem Fall Ironie für einen eleganteren Diss. In CobyCounty passiert anderes. Weil man die klare Antwort nicht hat, antwortet man mit einer Art Zitat. Und das ist dann eben der ehrlichste Ausdruck, zu dem man in der Lage ist.

Leif Randt, Schimmernder Dunst über CobyCounty, ist im Berlin Verlag erschienen.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

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