US-Fersehserien sind das neue New Hollywood


HBO statt RTL

US-amerikanische Fersehserien sind mittlerweile das, was in den 70ern das New Hollywood war: Experimentierfeld für junge Regisseure. Wir sortieren die letzten zehn Jahre Serien-Kultur. Deutscher Ehrenretter: Stromberg.

1997

In gewisser Weise war 1997 noch Fernsehserien-Steinzeit. Die heute legendären Kabelsender wie HBO hatten gerade erst angefangen eigene Serien-Produktionen zu entwickeln, und mit OZ, einem Gefängnisdrama mit leicht experimentellem Charakter, seinen ersten Hit, der hierzulande nie ankam und heutzutage fast wie Theater anmutet. Auch wenn man dort diverse Stars von Lost, Dexter, Sopranos etc. antrifft. Die eigentlichen Sensationen aber spielten sich in Formaten ab, die Serien zum Spielplatz der Genreverwirrung machten. David E. Kellys Ally McBeal und sein nachhaltiger Einfluss auf das Zwitter-Genre Dramedy führte nebenher noch digitale Special Effects endgültig in die Serienkultur jenseits von SciFi ein. Joss Whedons selbstironisches Buffy The Vampire Slayer hingegen zementierte den Marketing- und Kultstatus von Serien bis in die Akademie und verursachte nebenher noch eine ganze Generation von Superheldinnen im Fernsehserienuniversum. Währenddessen rettete Southpark Cartoons aus Kinderhänden und obendrein auch noch das 1st amendment.

1998

Nicht nur ein pechschwarzes Jahr für Fernsehserien generell, sondern vor allem auch der Tiefschlag gegen den weltweiten Feminismus, denn die einzig herausragende Serie (im Sinne von abgrundtief böse und erschreckend einflussreich) war 1998 Sex And The City. Die eigensinnigen weiblichen Serienheldinnen des Vorjahres waren wohl einfach zu viel des Guten, da musste diese Bande von Erfolgsbusinessfrauchen als Reminiszenz an die goldene Yuppieära auf den Screen, deren zentrales Motiv logisch nicht Arbeit, sondern – vor allem – das Reden über Sex war. Merkwürdigerweise wurde die SitC(om) auch hierzulande erschütternd oft als sexuelle Befreiung verkannt, obwohl die Wiedereinführung des Kaffeekränzchens letztendlich wenig revolutionäres Potential barg. Zwiespältige Spätfolgen: Desperate Housewives und The L-Word. Blinde HBO-Enthusiasten seien daran erinnert, dass Sex And The City finanziell wohl einer von HBOs größten Erfolgen ist.

1999

Da war doch was. Stimmt. Das Millennium stand vor der Tür. Das muss doch durch die Fernsehlandschaft wie ein Blitz gezuckt sein. Endzeit, Scifi, Weltuntergang? Pffft. Futuramas Pizzaboy Fry wurde pünktlich am 1.1.2000 tiefgefroren und im Sommer 1999, nachdem er das dritte Jahrtausend verschlafen hatte, wieder aufgeweckt. Roswell spielte den Konfettialienlieblingsmythos noch mal für Teens durch, und Big Brother brachte endgültig den hedonistischen Selbstüberwachungsstaat in die Glotze. Ansonsten wurden eher legendäre neorealistische Gesellschaftsbilder gezeichnet, die neue Standards in Film und Script für Serien setzten: The West Wing von Sorkin und Schlammes, denen ganze Stafetten von ehemaligen US-Präsidenten applaudierten, und David Chases Sopranos, das HBO endgültig zum Angelpunkt einer Bewegung werden ließ, die Serien zu einer ästhetischen Kategorie machte, die das Kino an vielen Stellen überholen konnte. Sonstige wichtige Geburtstage und von nun ab: Spongebob.

2000

Die Jahrtausendwende war ohne weitere Unannehmlichkeiten überstanden, da schob James Cameron nach den Monstererfolgen Terminator 2 und Titanic in einem wichtigen Schritt der Etablierung des Fernsehens als neues Kino das dystopische Klon-Kitschdrama Dark Angel hinterher. Der aufstrebende Kabelsender Showtime entdeckte die homosexuelle Zielgruppe mit Queer As Folk, die Diversifizierung des gnadenlos erfolgreichen Reality-TV fand seinen Höhepunkt mit Jackass und Survivor und England eroberte die Welt im unerwartet multikulturellen Sturm mit Da Ali G Show auf Channel 4. Der dramatischste Erfolg allerdings dürfte dem eher sauberen US-Fernsehen geschuldet sein, das mit CSI plötzlich neuen Perversitäten- und Splatterästhetizismus erleben durfte. Cartoons haben sich nach dem durchschlagenden Erfolg von Southpark mit Adultswim in den USA ihren ersten reinen Erwachsenenblock gesichert, deren ewige Helden, Aqua Teen Hunger Force, ein Milchshake, eine Tüte Fritten und eine Burgerboulette, nicht zu unrecht zu viel besungenen festen Größen im HipHop-Universum wurden.

2001

Realtime-Fernsehen hat nie so viel Spaß gemacht wie unter Jack Bauer, der 2001 zum ersten Mal antrat, um der gerade zur absoluten Weltherrschaft und ewigen Kriegsnation aufgestiegenen USA mit Rat, rasanter Kameraarbeit und Splitscreens, williger Insubordination und Verschwörung und einer ordentlichen Portion Folterknecht zur Seite zu stehen. Dagegen kam selbst die zweite große Agentenserie des Jahres, Alias von J.J. Abrams, trotz komplexer, fast industrieller Verschwörungs-Produktion nicht an, da sie gegenüber 24 einfach wirken musste wie ein 60er-Jahre-Agentenretromärchen. Ausgeruht auf dem Erfolg der Sopranos lancierte HBO mit Six Feet Under den nächsten gepflegten, aber eben alles andere als genredefinierenden oder sensationellen Hit. In Kölschen und Hamburgischen Technokreisen heiß geliebt (wenn auch erst mit zwei Jahren Verzögerung): Smallville. In UK geht Ricky Gervais mit seiner Büro-Geschichte The Office auf Erfolgskurs. Eine zweite Staffel sowie Adaptionen in Deutschland (Stromberg) und in den USA (auf NBC) folgen. Ein sympathisches Beispiel für Drehbuch-Lizenzen.

2002

Mit der fetten Buffy-Kriegskasse im Nacken lancierte Joss Whedon das uramerikanische Breitband-Pionierdrama zwischen SpaceOpera und WildWest-Epos Firefly. Und floppte so grandios wie danach kaum einer mehr. Was zum Star Trek des neuen Jahrtausends hätte werden können und sich anschickte, eine neue Kamerasprache zu etablieren, wurde nach nur 11 Folgen abgesägt. In der Nachfolge zeigte sich, dass der rasant explodierende DVD-Markt selbst Einschaltquotenversager durch aufgebrachte Fangemeinden noch zu einem Kinospinoff verleiten kann, aber letztendlich dürfte Firefly diese tragische Episode technologischen Umbruchs im Fernsehen markieren, in der Bittorrent und komplette Videostreams noch nicht ganz ausgereift, geschweige denn sonderlich populär waren und obendrein die Umstellung auf HDTV und das heutzutage für Serien gängige 16:9-Format zwar aufgrund der DVDs in der Produktion gerade massiv forciert wurde, aber in der Ausstrahlung gerne mal – wie auch bei Firefly – unterbunden wurde. Hierzulande immer noch unausgestrahlt, lancierte HBO im gleichen Jahr unser aller Lieblingsdrogendealerserie The Wire, die nicht nur näher am besten Deal in Baltimore dran ist als alles andere, sondern vor allem auch in der Sprache so echt ist, dass daneben alle sonstigen Fernsehgangster wirken wie in Chefetagen erträumt. Shizzeliger Außenseiterpreis des Jahres geht an MTVs Snoop Dogg Comedy Doggy Fizzle Televizzle. Hierzulande spät entdeckt, aber dank DVD Release als absolute Exoten geliebt, die brasilianische Serienvariante von City Of God, City Of Men. Genau Null der wichtigen Fernsehserien fanden ihren Weg über den großen Teich.

2003

Americas Next Topmodel, Dance Fever, The Simple Life. Promi-Fernsehen nahm seinen unerbittlichen Lauf. 2003. Das neue Jahrtausend längst in vollem Gange, aber niemand weiß was damit anzufangen. Neue Äußerlichkeit muss her. Notfalls auch mit Semi-Tiefgang wie bei Nip/Tuck, der zweiten Serie, die FX nach dem Vorgänger The Shield ins Bewusstsein der Serienfanatiker rückte. Schönheitschirurgie ist das neue Klonen. Traditionalisten und Teeniepopper wurden mit The O.C. vertröstet. O.C. ist the new Smallville.

2004

Wer bislang noch nicht an das Saisonale der TV-Produktion glaubte, dürfte 2004 (das Jahr, in dem Bittorrent auch hierzulande zum Volkssport erklärt wurde) endgültig überzeugt worden sein. Nach Totalflaute bzw. Überwasserhalten mit Serienverlängerungen auf einmal Serienbattle. Misogyne vicodinsüchtige Chefärzte (House) vs. wieder auferstandenem SciFi-Kinderkram (Battlestar Galaktika, The 4400), die Rückkehr von David E. Kelley (Boston Legal), Milchs extravagantes Westernopus Deadwood vs. Teendream-P.I.-Drama Veronica Mars, die späte Nachfolge von Queer As Folk (The L-Word) und natürlich das alles überschattende Lost von J.J. Abrams …

2005

Ricky Gervais schafft bei der BBC den Sprung zum zweiten Super-Erfolg mit Extras. Channel 4 ist mit Nathan Barley komplett am Abgrund und halst sich einen kleinen Skandal auf, der dem Sender nur recht kommt. Fox startet Prison Break und etabliert damit nicht nur Inhouse-Konkurrenz zu 24, sondern zaubert ein wahnsinnig spannendes Gefängnis-Drama auf den Bildschirm, das erst Jahre später auf RTL abkackt. Showtime ist wieder vorne dran und killt mit Weeds jegliche Feuilleton-Konkurrenz. Die Lieblingsserie der Redaktion, Reunion, wird abgesetzt und wir wissen nicht, ob Carla nun Schuld ist oder nicht. Ungerecht.

2006

Die atomare Bedrohung kehrt ins Fernsehen als gottgegebene Konstante zurück. In Verbindung mit der immer präsenten terroristischen Bedrohung explodieren in den USA 20 Atombomben, die kleine Stadt Jericho wird verschont. Kein besonders großer Erfolg und doch ein Skandal. CBS setzt die Serie ab, die Fans rebellieren und fordern eine Fortsetzung. Die Chefetage knickt ein, 2008 geht es weiter. Immer wichtiger hingegen die BBC: Life On Mars und The State Within sind durchschlagende Erfolge. Auf dem SciFi-Channel wird Eureka als reale Umsetzung einer Comic-Idee gelauncht. Klarer Gewinner. 2006 wird aber allein wegen zwei Serien immer in unserem Gedächtnis bleiben: NBC startet Heroes, die Superhelden-Saga, und auf Showtime fängt Dexter (den Hauptdarsteller kennen wir aus Six Feet Under) an, in Florida einen Serienkiller zu jagen und gleichzeitig selber Menschen am laufenden Meter zu töten. Hollywood kann einpacken.

2007

Ein komisches Jahr. 24 kackt ab, angeblich will Kiefer Sutherland aussteigen. Dafür explodiert schon in der zweiten Folge eine Atombombe in L.A. und setzt die gute Jericho-Tradition fort. Auf SciFi fängt Dr. Dresden an, Hexen und schwarze Magier zu jagen, und auch das will nicht funktionieren. Überall wird abgesetzt und gecancelt und so rutscht ein Kleinod ins Programm: October Road. Nur sechs Folgen laufen, 2008 geht es weiter.

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Elektronische Lebensaspekte.

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