6 Jahre Tresor Records
…als Carola zurückkam wurde alles besser.

Daniela Künne und Johnnie Stieler
daniela@buzz.de stieler@brainbox.de

Sechs Jahre Tresor Records liegen hinter dem alten Label-Ehepaar Dimitri Hegemann / Carola Stoiber, zugleich neun Jahre Labelerfahrung, wenn man Interfisch Records mit Partner Achim “Alles-Stoppen” Kohlberger dazu rechnet. Eigentlich sogar zehn Jahre.
Schließlich liegen die Wurzeln der leidenschaftlichen Berliner Haßliebe “Techno” im Konzept des Atonal-Festivals, dem liebevoll unprofessionellen und daher umso wirkungsvolleren Forum schriller Elektronik, das alles zwischen Industrial bis House zu repräsentieren versuchte. Meilenstein dieser frühen Jahre ist die damalige Interfisch-Release “Deep into the Cut” von Final Cut, kreative UR-Suppe des Sounds, der später “Progressive” heißen sollte – mit dabei ein kleiner nervöser Detroiter namens Jeff Mills. In nahezu klassischer Dramaturgie litt das zu späterer Zeit heiliggesprochene A&R-Potential von Interfisch (unter anderen: Marshall Jefferson, Baby Ford, Kid Paul, Cosmic Baby und Paul Browse) an der Paralyse der “Berliner Krankheit”, der hoffnungslos eingmotteten Kreuzberg-36er-Rockszene, die das Fisch-Imperium deprimiert am Rande der Zahlungsunfähigkeit dahindämmern ließ.
Dimitri Hegemann, Achim Kohlberger und die damalige Geschichtsstudentin Carola Stoiber verbrachten mehrere Jahre im Katastrophenbüro in der Köpenicker Straße 6, das zugleich die Frischzelle der späteren Berliner Techno/Houseclubs, das “alte” Ufo, beherbergte.
Der deprimierende tägliche Reigen…

Achim / 11:00 Uhr / Büro /unbeweglich/kettenrauchend / auf dem einbeinigen Sperrmüll-Manager-Stuhl /1 Croissant zum Eigenbedarf
Dimitri / 13-15 Uhr im Büro / in berühmt-berüchtigtem grauen Mantel / mit Milch & Brötchen / mit abstruser Post aus dem Postfach und der “Bäckerblume” unter dem Arm
Carola / nach der Uni/ paar Briefe schreiben / paar Leute anrufen / mit Achim streiten / Kaffee mitgebracht

abends: alle früher oder später im Fischlabor

…wurde erst durch die Maueröffnung durchbrochen. Dimitri – verschreckt von Trabis & Ossis direkt vor der Haustür – ging zunächst wieder ins Bett.
2 Jahre im Telegrammstil: Frisches Ostblut (Johnnie Stieler) kommt dazu / Tresor wird gegründet / Mills/Banks/Baxter kommen zur ersten UR-Tour nach Deutschland.
Geburtsort des Phönix-Aus-Der-Asche-Labels Tresor Records war die hintere Bar des Fischlabors, in der die Advances in Form von glattgestreichelten 10-DM-Scheinen über den Tresen gingen.
Der Rest ist Geschichte. Bei Bemerkungen und Problemen lesen Sie bitte die Diskographie oder fragen Ihren DJ oder Raver.
Stimmt leider nicht ganz. Die beiden Techno-Opas Achim & Dimitri trennten sich 1993/94, das Flagschiff der Techno-Label-Landschaft geriet von der Pole-Position ins Mittelfeld. Carola Stoiber ging schon vorher als Musikredakteurin zum Berliner CityMag “tip” und Käpt’n Hegemann tanzte auf etlichen Hochzeiten. Zwischen “Markthalle”, Tresor-Club und einer Baustelle auf Ibiza entstand eine Art Bermuda Dreieck, in dem viele Zugereiste, Geld und Vertrauen verloren gingen. Schwäbische Gastwirte, Bookerinnen und Künstler gaben sich die Klinke in die Hand und sprachen “nie wieder” oder “nur noch” miteinander.
Durch all diese Riffe und Eisberge schipperte Carola – nach dem Gastspiel beim “tip” – das etwas verbeulte Label mit nahezu konfuzianischer Gleichmut. Warum?
ÒIch hab’gedacht, nachdem das Label so brachlag – nach den ganzen Querelen, daß wir das alles jetzt wieder nach vorn bringen müssen.Ó
Auf diese wundersame Weise blieb die Ästhetik und Power des Labels vor dem Big Biz der Techno-Tycoons verschont. Die vorgeschobene Schlafmützigkeit, das geschickte Major-Hopping und der eigenwillige Hang zur Autonomie bewahrte Tresor-Records vor dem Abgang in ein staubiges Kapitel Popgeschichte und den seltsamen Fängen der Industrie.
Neue Musiker wurden gesignt und ein respektables Oeuvre an wegweisenden Releases brachte das inzwischen zum Mutterschiff gewachsene Label wieder auf einen festen Kurs.

Interview mit Frau Tresor Records, Carola Stoiber

De:Bug: Wie fühlst Du Dich jetzt eigentlich nach zehn Jahren Fischbüro, Interfisch und Tresor Records? Andere Leute, die genauso lange dabei sind, kaufen sich Häuser oder zumindest Eigentumswohnungen, fahren dicke Autos und tragen teure Kostüme ?

Carola: Nein. Oder sagen wir mal, ich habe mir auch ein “größeres” Auto gekauft, das ich bestimmt noch drei Jahre abstottern muß. Du kennst ja meine Story. Ich hab studiert und mein Studium auch abgeschlossen, ich war beim “tip” und hatte einfach irgendwann einfach keinen Bock mehr in der Blechbüchse rumzufahren (eine Ente, übrigens, d. A.) und dachte: Das gönne ich mir jetzt mal. Und auch wenn ich das eigentlich nicht mache, Raten zahlen, hab’ ich das einfach mal so gemacht. Das habe ich jetzt auf dem Buckel. Ich hab’s mir aber einfach so geschenkt – zum dreißigsten Geburtstag.
Aber das ist alles nicht so….
Nein, wir sind nicht reich. Auch wenn Techno irgendwann mal so richtig abging – worauf wir nicht gesetzt haben und vielleicht gerade deshalb jetzt sechs Jahre alt sind. Wir verkaufen konstant über die Jahre, verkaufen jetzt tendenziell steigend, aber du wirst eine bestimmte Grenze nicht überschreiten, weil du mit dieser Musik nicht die Massen erreichst. Das ist auch viel zu anstrengend.

De:Bug: Wie ist jetzt eigentlich die Situation mit Disko B ?

Carola: Mit Disko B ist auch wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen, weil beide Labels eben mit Clubs zusammenhängen und Upstart ja eigentlich auch noch DJ ist. Ich kann mich ja noch manchmal vom Club fernhalten – aber Upstart ?

De:Bug: Aber es gab ja schon Leute, die gemeinsam mit Tresor gestartet sind und heute kommerzielle Acts haben. Das hätte Tresor ja auch machen können?

Carola: Ja, hätten wir auch machen können, aber das geht einfach konzeptionell nicht. Das ist auch nicht das Ding, das dahinter steckt. Wenn einer von unseren Künstlern meint, er müßte jetzt den Hit schreiben und wir lassen ihn das auch machen – um so besser. Bei uns ging’s immer um Musik und nicht um das große Geld. Das ist immer noch so. Ich meine, wenn ich jetzt keinen Bock mehr hätte im Tresor zu stehen, wenn einer von unseren Jungs da auflegt und ich würde mich nicht mehr amüsieren, dann würde ich sofort aufhören. Das bringt nix und macht auch keinen Spaß mehr. Man muß daran Spaß haben und auch wirklich darauf stehen. Ich steh’ halt nicht auf so ‘nen Kommerz-Kack. Und Marc Snow halt auch nicht – mein Partner bei Tresor Records.

De:Bug: Es gibt doch aber diese ständige Vorläufigkeit bei Tresor, daß alles eigentlich zu zwei Dritteln klappt und man sagt, das reicht? Andere Labelpräsidenten sind doch halbe Pop-Gurus?

Carola: Wir versuchen schon alles mit einhundert Prozent zu machen, aber das klappt eben nie. Dimitri hat schon Spaß dran auch Interviews zu geben und redet dann auch ganz viel, aber er drängt sich nicht so in den Vordergrund. Ich wollte auch nie ins Fernsehen – so als Celebrity oder so.

De:Bug: Aber gerade dann ist doch komisch, wie das auf Dauer funktioniert? Hast du da einen Plan, wie lange sich das hinziehen kann?

Carola: Ich persönlich? Ich? Nee. Ich hab’ gedacht, nachdem das Label so brachlag – nach den ganzen Querelen, daß wir das alles jetzt wieder nach vorn bringen müssen. Und das haben wir auch geschafft. Solange mir das hier alles nicht zu routiniert ist, mache ich das weiter. Solange ich Spaß hab daran, auch in den Club zu gehen – auch wenn’s manchmal zu viel ist, solange mache ich das auch weiter. Aber in dem Moment, in dem ich merke, es interessiert mich nicht mehr, da ginge das auch nicht mehr. Wenn man dabei ist, dann ist man halt dabei.
Manchmal denke ich – mein Gott wenn die wüßten ….… – aber das vergesse ich dann auch wieder.
Wir müssen halt mal schauen, wie das jetzt so weitergeht. Wir haben dieses Jahr extrem viel gemacht. Wir haben jeden Monat ein Album rausgebracht. Das wird im nächsten Jahr sicherlich weniger.

De:Bug: Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Major-Hopping?

Carola: Das war eigentlich ‘ne gute Idee. Das Label, die “Waveform 3″ von Jeff Mills und Joey Beltram, das lief alles wieder an. Man hätte dadurch das Label berühmter gemacht, es einen Schritt weiter gebracht. Eben bessere Vertriebswege nutzen. WENN das Netzwerkprinzip bei den Majors funktionieren WÜRDE, dann wäre das auch besser für das Label. Aber selbst bei den großen Acts klappt das auch nicht immer – meistens zwar schon – aber: Die können sowas nicht handlen. Das ist alles zu groß. Wenn du da nicht mit einem großen Knall landest, mit hohen Verkaufszahlen – in deren Augen, dann funktioniert das auch alles nicht – oder nicht so sehr. Das sind Beamte, die dir bei Label-Rückorderungen andauernd falsche Sachen liefern. Die packen dann eben irgendwas ein. Die wissen nicht, was sie da in der Hand halten. Die haben uns bei jeder Rückorder 25 falsche CDs eingepackt. Das war einfach nicht das, was wir bestellt haben.
Das ging nach hinten los, weil wir das Ziel bessere Vertriebswege oder Lizenzpartner zu finden, nicht erreicht haben. Man denkt ja, die sind dann so connected, daß man irgendwann z.B. auf dem japanischen Markt landet. Das funktioniert dann aber alles sehr langsam – zu langsam für Techno.
Jetzt läuft alles über EFA, weltweit. Wir versuchen jetzt gerade Leute anzufüttern, die sowieso viel von EFA beziehen, also z. B. Schweden und Norwegen. Die Release-Informationen gehen sehr stark von uns aus, weil wir die Einkäufer und DJs dort jetzt kennen, das hilft schon. Tendenziell gibt es schon mal Interesse von anderen Majors, aber nichts Reelles.

De:Bug: Was verkauft ihr denn an Units (also Vinyl und CD) über’s Jahr?

Carola: Das läßt sich schwer sagen. Wenn alles gut klappt, das Timing und die Promotion stimmt, dann verkaufen wir in den ersten zwei Wochen so 7000. Bei Compilations mehr, bei Newcomern, wie Pacou, entsprechend weniger – was allerdings genauso O.K. ist.

De:Bug: Das beschränkt sich aber auf Europa, oder? Tresor ist doch ein europäisches Techno-Label?

Carola: Wir haben das schon 20.000 Mal versucht aber das klappt eben nicht so einfach. Frag mal Adam X von Sonic Groove in New York, dem Technoladen: “Booah wir haben massig verkauft in nur einer Woche!” “Wieviel denn?” “Fünfundzwanzig Stück!” Das ist für die total viel und das in New York.
Das ist ein Haufen Arbeit und es geht jetzt erst richtig ab. Nach dem Niedergang des Grunge suchen die was Neues und da setzen sie halt auf Techno – zunächst mal Prodigy und so. Da kamen dann auch gleich amerikanische Anwälte – Talent Scouts. Die wollten gleich ein Treffen haben, so nach dem Motto: Die Majors suchen händeringend nach Techno-Acts! Was habt ihr denn so? Was? Ihr habt auch einen Club?
Die wußten nichts. Die sind eigentlich nur gekommen, weil sie wußten, die machen “so Techno”, aber eigentlich wußten die nichts. Die sind letztendlich nur rumgereist und haben von allen die Sachen eingesammelt.

De:Bug: Und Asien?

Carola: Asien ist immer noch sehr, sehr weit weg.

De:Bug: Bevor wir uns jetzt nur noch über Märkte und Stückzahlen unterhalten: Du bist jetzt zehn Jahre mit Techno und Labels beschäftigt. Wirst du da nicht müde? Ist dir das nicht irgendwann zuviel? Gab’s nicht irgendwann den Punkt, wo Du dachtest: Jetzt ist endgültig Schluß – ich geh wieder zurück auf den Ponyhof?

Carola: Oh ja. Ganz, ganz oft.

De:Bug: Und warum nicht?

Carola: Hach…. Addiction.
Weil’s Spaß macht. Du denkst natürlich auch, jetzt reicht’s, fährst dann eben irgendwann in Urlaub und denkst, bloß kein Tresor und Techno, gehst an den Strand und so weiter, dann kommst du zurück und plötzlich: “Oh Gott ich muß da hin, ich muß in den Tresor. Ich brauch’ das jetzt.” So ist das.

De:Bug: Meinst du die Neunziger sind schneller vergangen als die Achtziger?

Carola: Oh ja. Viel schneller. Die Achtziger waren immer die Achtziger-Depression. War doch alles immer so – deprimierend. Die ganze New Wave Depression und dieses Studium!

De:Bug: Wie würdest du älter werden in den Neunzigern beschreiben?

Carola: Ich persönlich? Besser als je zuvor. Ich bin ja auch inzwischen dreißig geworden. Andere kriegen da ja immer Krisen, aber mir geht’s einfach besser.

De:Bug: Älter werden in den Neunzigern ist für dich auf jeden Fall angenehm?

Carola: Yes. Aber ich würde gern auch mal einen Club haben, wo “wir um die Dreißig” mal hingehen können. Das würde das Älterwerden noch besser machen.

De:Bug: Und wie soll der aussehen?

Carola: Naja. Wo man sich eben nett unterhalten kann, wo man ein bißchen tanzen kann, aber wo es nicht so laut ist. Es ist immer so laut überall.

De:Bug: Leiser und leerer?

Carola: Nee. Leiser, überschaubar und man kriegt da auch Luft drin.

De:Bug: Ja genau.

Carola: Sag du doch mal was dazu.

De:Bug: Naja. So ’92 bis ’93 hatte man immer das Gefühl, man verpaßt was. So: Jetzt warst du einen Tag nicht aus und hast total den Anschluß verloren.

Carola: Ja, genau. Ich bin jetzt auch ruhiger geworden. Jetzt kann ich auch mal einen Samstag abends zu Hause bleiben, fernsehen oder ein Buch lesen ohne zu denken: Oh Gott, der und der hat aufgelegt und du warst nicht da. Es gibt aber auch weniger private Parties.

De:Bug: Es ist ja auch alles ein bißchen ruhiger geworden. Man hatte ja früher das Gefühl…

Carola: … morgen ist alles vorbei.

De:Bug: Letzte Frage – Wie ist das eigentlich mit neuen Artists bei Tresor Records?

Carola: Neue Artists? Neil Landstrumm ist für mich immernoch ein neuer Artist. Alan Oldham, Detroit, der kommt jetzt. Der macht auch ein Album nächstes Jahr. Und dann auch die ganze Headquarters-Crew, so um Pacou, die machen auch ‘ne EP. Das sind so vier oder fünf Acts. Die kommt sobald sie fertig ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

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