Titonton Duvanté
Knapp unterhalb des Dreiecks zwischen Detroit, Chicago und New York, aus Colombus/ Ohio, hat Titonton Duvanté mit seinen Buddies Morgan Geist und Dan Curtin das Winkelkanu in Techno eingeführt. Nebenher schreibt er elektronische Opern und Soundtracks, für die Bühnen und Filme erst noch gefunden werden müssen.
Das Phantom der Oper
Titonton Duvanté
Titonton Duvanté, Titonton Duvanté, ein Name wie ein Gedicht: Tütütüt Düdelüd. So vorbelastet, muss man unweigerlich zum Debussy des Techno werden. Classic Techno wie in Classic Rock, Deep Purple meets the London Philharmonic Orchestra. Jetzt beweisen wir der BBB (Bornierten Bildungs Bourgeosie) aber, dass unsere Jugendkultur gar nicht so eine BBB (Brutal Barbarische Banalität) ist, nein, auch wir können fünf Geiger gleichzeitig einsetzen. Stop! Mit solch verblasenem Kultiviertenschlock hat Titonton nun überhaupt nichts an seinen Dreads. Außerdem rufen ihn seine Kommilitonen an der Musikhochschule in Colombus/ Ohio Tittytonton, Tommy Thompson, Tauntaun oder Ravioli. Das klingt doch schon gar nicht mehr nach Debussy, sondern nach derb um zwanzig Ecken gewinkelten Hypervitalitätstechno. Nur die gesteigerte Liebe zu analogen Sounds gipfelt im Einsatz von Orchesterinstrumenten; eine stringente, logische Entwicklung, keine gesuchte Fusion. Wer neben seinen akademischen Klassikstudien Cocteau Twins verwehendes Post-Wave-Märchengesäusel, Yellow Magic Orchestras sprunghaften C64-Schießbudenzauber in “Firecracker” und frühen UK Breakbeat von 4 Hero oder – lacht da wer? – Prodigy hört, der ist wie dazu berufen, alle Bedenken gegenüber Klassik in elektronischer Tanzmusik im Kampf gegen William Orbit auszuhebeln.
The lost Tribe of Ohio
Seit 95 veröffentlicht Tittytonton auf Dan Curtins Metamorphic, Morgan Geists Environ, Phono, Starbaby und seinem eigenen Label Residual Tracks, die sich mit denen von Geist und Curtin zu so etwas wie einer Ohio-Schule zusammenschließen. Rhythmisch und atmosphärisch sprunghafte Fragmentesammlungen, die die analoge Farbpalette pastos auftragen. Eigentlich wollte Tauntaun ja immer Deephouse machen, aber bei langen Atmosphäreaufbauten streikt seine Konzentrationsbereitschaft. TD: “Mein Haupteinfluss liegt bei UK Hardcore, dem Drum and Bass-Prototypen. Die Musik verändert sich dort permanent. Vielleicht fällt es mir schwer, mich länger auf eine Sache zu konzentrieren. Deshalb nehme ich die besten Parts, wandle sie ab, arrangiere sie um. Als DJ cutte ich in Hip Hop-Manier hin und her, statt gemächlich überzublenden. Keine Ahnung, wo das Faible für diese Cutting-Technik herkommt. Vielleicht durch mein Verlangen, kreativ zu sein?” Kreativität meint, so viele Bewegungen wie möglich in so kurzer Zeit wie nötig auszuführen? Er setzt Technotracks aus 20 Deephousefragmenten zusammen, die die lyrische Atmosphäre ankitzeln, vor jeglicher Ausformulierung aber ungeduldig weiterspringen. Zwischen Cristian Vogels harschen No Future-Klangkaskaden und Carl Craigs gebrochener The Future is bright-Flächenromantik changieren seine Produktionen in überraschendsten Wendungen hin und her und drehen garantiert nach links, wenn man gerade auf rechts rum geschworen hätte; einen billigen Spaß machen sie sich aber nie. Das ist so kurzweilig wie ein Wong Kar Wai-Krimi, kann aber so überfordern wie permanentes Blitzlichtbombardement. Das Potential der Zeitrafferthriller ist für ihn denn auch ausgereizt. TD: “Believe it or not, ich habe einen Gang runter geschaltet. Man kann sich jetzt zu meinen Tracks bewegen. Die Hörer können leichter verstehen, was in den Tracks passiert. Es drängeln sich nicht mehr so viele Geschichten in einer.”
Ich hatte ein Spinett, bevor Eminem ein Spinett hatte
Tommy Thompson hat klassische Musik an der OSU Hochschule in Ohio studiert, Gesang, Komposition, Geige, Klavier. Er hat die Partitur für eine neunteilige Klassik/ Technofusion geschrieben, “Zalocar”, die 1993 aufgeführt wurde, 2 Jahre vor seiner ersten Techno-EP. Und er dirigierte 1996 auf dem “Carbon”-Festival mehrere Stücke mit Streicher- und Gesangsensemble, seinem “The Marzipan Ensemble”. Er hat sie nicht verdorren lassen, seine klassischen Wurzeln, da dankt das Rektorat. Man hörte es auf seinen Techno-EPs bisher nur nicht. Vergleicht man sein erstes Album “Voyeurism” auf Starbaby von 1998 mit seinem aktuellen Album “Selections for Intercourse” auf Residual, an dem Mitglieder seines Hochschulorchesters beteiligt waren, dann gibt es keine Frage: holla, ist da synthetisiert worden, was bisher parallel lief. 4 Heroes Ökochansonexperiment mit angehängtem Breakbeatarmageddon “Two Pages” amalgamiert “Selections for Intercourse” zu einer Page und führt es zu einem glücklichen Etappensieg. Die Kitschfallen werden in exzentrischer Verdrehung von gebrochenen Beats diesseits von Techno, analogen Klangwurschteleien und Kammermusik gerne frontal angesteuert, nur um im letzten Moment das formale Experiment dem gesicherten Sentiment vorzuziehen. Und: die Fallen werden nicht nur umfahren, sondern überflogen. TD: “Ich liebe definitiv die Kombination von analogen Instrumenten, Live-Streichern, deep Feelings.”
Die nächste Etappe sieht Soundtrackproduktionen für Hollywood vor, inklusive Umzug nach LA. Der Gesamtsieg steht aber mit einem Projekt aus, zu dem man in einer leistungsorientierten Gesellschaft anerkennend “ehrgeizig” sagen würde, ich nenne es mal “krass verstiegen”. TD: “Mein ganzes Streben zielt darauf, eine Oper zu schreiben, die elektronische und akustische Musik fusioniert. Eine Oper, die auf der Bühne inszeniert werden soll. Das ist mein Hauptprojekt für die nächsten drei Jahre.” Nach der Überzeugungsarbeit von “Selections for Intercourse” hat aber selbst die Gruselankündigung von Techno im Frack allen Schrecken verloren. So watch out for a modern masterpiece by Ravioli in the next few years.
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Text aus De:Bug 46Autor: Jan Joswig
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