Thomas Brinkmann
Der Kölner Thomas Brinkmann erinnert in seiner Sonderserie "Soul Center" an die smarte GI-Disco vor Techno, ohne technisch hinter Techno zurückzufallen. Mit "Stax"-Soulsounds als abstrakter Matrix lädt er die Körper wieder mit Politik und Sexualität auf, bevor er im mobilen Studio nach Südeuropa aufbricht.
“Right on.” Es hat seine Logik, mit Thomas Brinkmann am Telefon zu reden: Unter den Produzenten von elektronischer Musik, die sich im weitesten Sinn über eine im Viervierteltakt pumpende Bassdrum definiert, gibt es wohl keinen, der so ausgiebig mit Sprache arbeitet wie Brinkmann. Nach den “Studio 1″-Remixen, die Brinkmann aus dem Nichts plötzlich zu einem gefragten Namen machten und dem Label “Profan” einen internen Bestseller bescherten, veröffentlichte er auf dem kleinen Kölner Label “Supposé” eine CD mit Stücken, die um Sprache kreisten. Genauer gesagt hatte sich Brinkmann aus einer Kompilation mit Sprachaufnahmen verschiedener Poeten und Theoretiker bedient, um das Wort als gesprochenen Gedanken wie als rhythmisches Stück Klang zum Angelpunkt für die eigene musikalische Produktion zu machen. Auf “Totes Rennen” setzte Brinkmann unter anderem seine mit geometrischen Einkerbungen versehenen Vinylplatten ein, “mein Low Budget Sequenzer.” Die Technik, existierende Tonträger zu manuell programmierbaren Sequenzern umzufunktionieren, hatte Brinkmann schon 1978 entwickelt, als er bekifft eingeschlafen war, der Technics unbeirrt die Nadel über die Endrille springen ließ und ihn dazu inspirierte, mit dem Messer auf der Platte tätig zu werden. Ein Sample des Kybernetikers Heinz von Förster brachte diese Faszination an der Wiederholung genauso auf den Punkt wie die ekstatische Monotonie sich loopender Körperrhythmen, die wiederum ganz realer Ausdruck einer offenen Haltung zur Welt und zu den Mitmenschen ist: “Bitte nie zu sagen: Das kenn’ ich schon. Das ist die größte Katastrophe. Immer wieder sagen: Ich hab’ keine Ahnung, das möcht’ ich nochmal erleben.”
Das Weiße im Schwarzen
Vor seiner Karriere als Sound-Minimalist war Brinkmann von der Düsseldorfer Kunstakademie geflogen, an der er unter anderem bei Oswald Wiener studiert hatte. Mit Soul Center Nummer eins wandte er sich weiter von intellektuellen weißen Männern ab und einer anderen großen, allerdings weniger kanonisierten Tradition kultureller Produktion zu: Motown, “dem Weißen im Schwarzen,” wie er am anderen Ende der Leitung erklärt. Es folgten Soul Center II und III, die beide auf Stax-Aufnahmen beruhen, nämlich den Stax-Compilations “Wattstax” Vol. 1 & 2 von 1972/73. Soul Center transportiert die lässigen Grooves und eine Idee von Arrangements schwarzer Popmusik in die Schaltkreise von elektronischen Maschinen. Die Tatsache, dass I, II und III von CD zu CD immer mehr nach originalen Orgelharmonien und kurz angeschlagenen Funk-Gitarren klangen, ließ es irgendwie als selbstverständlich erscheinen, dass Brinkmann auch bei Nummer III den Sampler angeworfen hatte, um den Spirit afroamerikanischer Musik der frühen Siebziger, eben von “Wattstax” einzufangen, dem “Live Concert Music From The Original Movie Soundtrack”. Umso verblüffender, wenn sich diese unhinterfragte Grundannahme, die man mit vielen anderen teilt, als völlig falsch herausstellt und Brinkmann selbst immer wieder mit der Behauptung konfrontiert wird, diesen oder jenen Sound würde man doch ganz genau kennen. Die angeblich bestens bekannten historischen Quellen lassen sich dummerweise am Ende dann doch nie benennen: Bis auf unerhebliche Ausnahmen, etwa einer Percussionline auf Soul Center III, stammt die Musik aus Brinkmanns Gedächtnis und Maschinenpark. Es sind nur die Stimmen schwarzer Musiker, die die Brinkmannschen Grooves wie Geister bevölkern. “Yeah, right on. Can I ask you something? Yeah! I said: Can I ask you something? Yeah!” Es sind tatsächlich Geister, nämlich Boten aus einer entlegenen Vergangenheit, einem utopischen, weil unwahrscheinlichen Ort namens Soul Center, der tatsächlich einmal existiert haben muss, in einem Ort, dessen Verein vor Äonen in der Bundesliga gespielt haben soll: Mönchengladbach.
Say no to “Yes”
Nachdem der junge Brinkmann seine ganz frühen Jahre der musikalischen Sozialisation mit Yes, Emerson, Lake & Palmer sowie teutonischen Psychedelikern wie Can, Amon Düül und Brainticket im räucherstäbchengeschwängerten Ambiente einer damals üblichen “verkifften Angelegenheit” verbracht hatte, erlebte er die von einem Holländer betriebene Disco Soul Center “als Befreiung”. Das Klientel setzte sich aus GIs aus Bad Kreuznach und anderswo, anderen Holländern, sowie der ortsansässigen Jugend zusammen, die sich in einem langen Schlauch zwischen Hollywoodschaukeln auf dem Dancefloor tummelten, in einer Geschwindigkeit von 80 bis 110 Beats per Minute. Im Rückblick fallen die Worte “Arsch” in Bezug auf die Musik und “fast sexuell anzüglich” im Hinblick auf die soziale Interaktion. “Just say: I like, in fact I love, what you’re doin’ to me.” Im Soul Center wurde zu 100 Prozent schwarze Musik gespielt, Funk, Soul, Reggae und Dub – außer Kraftwerk, “wie man immer wieder betonen muss”.
Disco vor Disco
Im Soul Center konnte man “Disco vor Disco” erleben, eine Erfahrung, die Brinkmann durch die Stimme George Clintons kommunizieren und kontextuell erweitern lässt: “12 inches before there were 12 inches.” Soul Center ist damit auch ein Kommentar zur desolaten Lage auf mitteleuropäischen Dancefloors, auf denen sich zunehmend eine angestrengte Form des “Aerobic” breitmacht: “Soul Center ist der Wunsch, dass das alles auch smarter stattfinden könnte”, und die Erinnerung an einen Ort, an dem dieser rückwärtsblickende Wunsch noch eine Selbstverständlichkeit gewesen ist: Die von Brinkmann benutzten ekstatischen Schreie der Stax-Fans holen sich die nicht mehr vorhandene Euphorie des Dancefloors in die Musik zurück.
Politische Mantras
Aber nicht nur mit der “dionysischen Entgrenzung” ist es offenbar generationswechselbedingt vorbei, die Technokultur der 90er musste sich für Brinkmann schon deswegen ins Aus katapultieren, weil sie konsequent “gesellschaftlich relevante Dinge negiert” hat. “I don’t know, I don’t know, I don’t know, I don’t know what this world is, I don’t know what this world is, I don’t know what this world is coming to.” Ein Stax-Sample, das man auch auf Public Enemys “It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back” hören kann, wird von Brinkmann so lange geloopt, bis es die Form eines Mantras annimmt, das dem Beat seinen ganz eigenen Sinn gibt. So geht Soul Center über die Sensibilität gegenüber dem eigenen Körper und für konkrete soziale Situationen hinaus und einen Schritt weiter zur Frage, woher dieser immense schwarze “Beitrag zur amerikanischen Kulturgeschichte” eigentlich herkommt, der offiziell weiter unterbewertet bleibt, weil Jazz im Museum nicht unterzubringen ist.
Detroit als Ground Zero
Den Druck, der aus der “Misslichkeit einer konkreten Situation” entsteht, hat Brinkmann bei mehrfachen Besuchen in Detroit in seiner ganzen Brutalität in Augenschein genommen: “Wenn das World Trade Center runterkommt, wo wahrscheinlich keiner von uns irgendwelche Freunde sitzen hatte, ist das eine Sache, dass aber eine Stadt wie Detroit aussieht, als hätte ein Krieg stattgefunden, ist eine andere, und die läuft so nebenbei.” Die Fakten sprächen da für sich: Eine Stadt, deren Großraum vor den Riots von 1968/69 über acht Millionen Einwohner hatte, ist inzwischen unter eine Million geschrumpft. Ein Umstand, der sich einer gerade in Detroit über Jahrzehnte massiv wirksamen Spekulation verdankt. In der einzigen amerikanischen Stadt mit einem europäischen Grundriss, von dem französischen Comte de Cadillac gegründet, zerfällt die Innenstadt – heute leben in Downtown 80 Prozent Schwarze. Weiße sieht man nur in Autos die zerstörte Innenstadt durchqueren. “Ground Zero ist da ein sehr relativiertes Bild, um das mal vorsichtig auszudrücken, und das haben die Amerikaner alleine hingekriegt.” Brinkmann empfiehlt die Lektüre von Jerry Herrons “Afterculture: Detroit and the Humiliation of History”, erschienen bei der Wayne State University Press. Missy Elliot und Timbaland kommen aus der ehemaligen Hitsville USA, Parliament kann man in verschiedenen Besetzungen immer noch jede Woche sehen, erzählt er.
Ein Telefonat, ein nicht abreißender Fluss von Anekdoten, Geschichten und Erinnerungen. Irgendwo zwischen den Nullen und Einsen von Soul Center sind auch sie gespeichert. In der Ohrmuschel bleibt nur Rauschen, Thomas Brinkmann setzt sich in sein mobiles Studio, ein VW-Bus, und reist ab Richtung Südeuropa. Diesmal nimmt er ein Mikro mit, hat er noch gesagt. “How far do you wanna go? Right on.”
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Text aus De:Bug 58Autor: ulrich gutmair
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