electric indigo
Vergeßt Rave. Zurück zu den Anfängen! GROSSThe Return of the Party oder wie Barock Techno aus der Krise half. KLEINElectric IndigoAnton Waldtwaldt@v-records.de1996 auf dem Höhepunkt der 4/4 Sinnkrise rockte mir Electric Indigo an einem Dienstag Morgen im SO36 den Glauben ans Bumm-Bumm-Bumm zurück. Plötzlich konnte ein Techno-Set wieder etwas BESONDERES sein und bedeuten. Nach einem Jahr, in dem Drum und Bass uneingeschränkt regierte und Techno der Pep und die Perspektive gründlich ausgegangen waren. Das Paradoxe dieses Morgens gilt für die gesamte Krise: Nicht neues Personal mit neuen Ideen brachte den Vogel aus der Asche, sondern Protagonisten der ersten Stunde, mit dem ursprünglichen Programm: Alte Arbeiter, die den Ball flach, aber die Ansprüche hoch hielten und eigentlich noch das Gleiche taten wie ’92. Das schränkt natürlich ein, kann aber auch bedeuten: eine Sache kompromisslos durchziehen. Nach dieser Krise waren ein paar Spieler der ersten Runde raus (Frontpage, Harthouse…) und die Öffentlichkeit bemerkte, dass da immer noch was Gewichtiges passiert. Daher auch der zunächst erstaunliche Hype um Minimal-Techno, der damals lostaumelte (Noch dieses Jahr in der Vogue gesehen, war immer noch der neuste Schrei). Hawtin wurde in der ZEIT und Mike Ink in der SPEX als Das-Neue-Ding gefeiert, aus einer Innen-Perspektive natürlich völlig bescheuert, in der öffentlichen Wahrnehmung aber konsequent und logisch. Insgesamt ein stinkregulärer Prozess, ein bißchen Kultur und Gesellschaftsdynamik. Das, was uns alle aus dem Häuschen bringt und das Leben erfreulich macht. Genauso regulär ist, dass der nächste grosse kulturelle Hüpfer so lange auf sich warten lässt, bis wir den letzten verdaut haben und beim bisherigen Wissensstand kann das noch eine Weile dauern. Der Montag im SO36 – Electric Ballroom – hat sich konsequenterweise zum derzeit einzigen Ort entwickelt, an dem die spezielle Berliner Art Techno zu zelebrieren, weitergepflegt wird und solange soviel Euphorie im Museum ist, geht das in Ordnung. COVER ENDEElectric Indigo kommt aus Wien, ihre Schule war aber vor allem das Berliner Hard-Wax, wo sie von 93 bis 96 für das Sortiment zuständig war. Inzwischen lebt sie wieder in Wien, wo ich sie zum Interview im Backstage des Flex treffe, sie hat gerade ihr Set absolviert, jetzt ist Surgeon an den Decks. Ebenfalls anwesend ist Indigo’s ständiger Groupie: der muss den Plattenkoffer tragen und Getränke holen, ansonsten trinkt er Unmengen Bier, sieht gut aus und hält den Mund.De:Bug: Wo ist er, der Techno 98 ?Electric Indigo: Anfangs war es eine Offenbarung, daß Techno und die passende Party Geist und Körper gleichermaßen stimulieren. Dann folgte ein wachsender Anspruch des Hörens, Sehens und sich Vergnügens – es wächst das Bedürfnis, elektronische Musik intellektuell zu erfassen – zu reflektieren – und ein sublimeres Hörerlebnis zu erzeugen. Das Amusement scheint sich allerdings einer intellektuellen Verarbeitung weitgehend zu entziehen. Da wird sich auf einem theoretischen Pfad bewegt, der den physischen Kick immer mehr vernachlässigt oder verleugnet. Das sollte so nicht sein. De:Bug: Sollen wir mit dem Interview hier aufhören und tanzen gehen? Electric Indigo (lacht): Nö aber wir sollten noch mehr Sekt trinken! Der Groupie wird losgeschickt um Sekt zu holen: “Aber kalt!” De:Bug: Wie geht’s mit der Musik weiter? Electric Indigo: Die “barocken” elektronischen Lebensaspekte… im Sinne von Verfeinerung der Wahrnehmung, allgemeiner Sensibilisierung und einem Hang zum Gesamtkunstwerk läßt sich eine Tendenz feststellen, die bestehende Auffassung von Kunst, als dem täglichen Leben nicht zugehörgem Bereich, zu revidieren und die gültigen Regeln der Gesellschaft aufzulösen. Konkret musikalisch ist völlig klar, daß Techno sich durch Zitate bzw. deren Verarbeitung unbeschränkt erweitern lässt. Technisch dürfte uns eine ständige akustische Vertiefung erwarten. “Zukunft von Techno” bedeutet musikalische Vielfalt und fordert Clubs, die ein umfassendes klangliches und soziales Erleben ermöglichen – ein Rundum- Stimulierungskonzept. De:Bug: Barock scheint ja in Wien schwer angesagt… Electric Indigo: Das hat Porter Ricks’Andi ins Spiel gebracht, der wohnt bei mir um die Ecke und hat früher beim Dubplates und Mastering in Berlin gearbeitet und das hängt ja mit dem Hardwax zusammen… De:Bug: Also eine Hardwax-Schule im Exil? Electric Indigo: Eine Hardwax-Schule oder so gibt es nicht. Höchstens, dass dort konstant und mit einer enormen Bandbreite an Aktivitäten, Qualität gepflegt wird. Das trägt halt immer mehr Früchte, langsam aber kontinuierlich. Ausserdem habe ich das Hardwax immer als einen wichtigen Kommunikations-Knotenpunkt gesehen, die ersten Kontakte von Berlin nach Detroit, oder überhaupt in die Staaten, das lief ja alles übers Hardwax. Viele Sachen, die heute Allgemeingut sind, haben da ihren Anfang gehabt. Vielleicht ist der Laden deshalb als Plattenladen nicht mehr so einzigartig, dafür kommt aus dem Umfeld immer mehr gute Musik. De:Bug: Was hat es dann mit dem Barock auf sich? Electric Indigo: Es gibt einige erstaunliche Parallelen zu heute, was die Haltung betrifft. Wir scheinen in einer Phase zu sein, in der bestimmte Denkweisen wieder wichtig werden, für die es im Barock Vorbilder gibt. In Wien kriegt das noch eine Bedeutung mehr, weil die halbe Stadt ein Barock-Museum ist und mir gefällt es hier extrem gut. De:Bug: In deinem Presse-Info steht, du hättest in 103 Städten in 19 Ländern aufgelegt?Electric Indigo: Ich habe das wirklich mal gezählt…ist seit dem noch mehr geworden. Die Zahlen sagen natürlich eigentlich nichts, höchstens dass hier eine Kultur enstanden ist und mit der etabliert sich DJ anders als vorher als Beruf. Mit Tanzkapellen vergleichbar: Ganz solide wird eine Tanzfläche bedient, erst danach kommen die Pop-Aspekte. De:Bug: Welche Rolle spielt das Geld?Electric Indigo: Klar ist DJen ein Job, wo du eine bestimmte Leistungen ablieferst, auch wenn das nicht dein Tag ist. Auflegen, kassieren und zurück ins Hotel. Aber bei vielen Bookings kann man vorher gar nicht wissen, ob das eine geniale Party wird, oder Routine. Und wenn man viel rumkommt, passieren ja auch überraschend tolle Sachen, in Moskau im Radio auflegen und hinterher erzählen sie dir: da haben jetzt 20 Millionen einem Chicago-Set zugehört. Sowas hilft am nächsten Wochenende dann über die Halle voll amerikanischer Kids hinweg, von denen die meisten irgendein Pferdebeteubungsmittel drin haben und die deswegen den ganzen Abend auf der Tanzfläche im Schneidersitz hocken.De:Bug: Produzierst du zur Zeit selbst Tracks? Electric Indigo: Ich versuche gerade mein eigenes Studio in Gang zu kriegen. Konkret in Arbeit ist ein Remix von DJ Rush’s letzter EP auf Mental Groove.Dann kommt Surgeon in den Backstage und es wird ziemlich albern, erstaunen einen immer wieder die bleichen Engländer, der Groupie muss noch ziemlich viel Sekt holen und das Gespräch pendelt sich zwischen Thomas Mann und Tim und Struppi ein.Discographie: Electric Indigo – Skyway (Experimental, NY) Electric Indigo – Wolkenkratzer (Disko B)DJ Hell – My Definition of House/Northstar RMX(Disko B)Northstar – Figure Skating ep (Disko B)Electric Indigo und Walker – SP 12 Trax (DJungle Fever)Electric Indigo und Walker – Golden Gate Bridge (Temple)Loisaida Sisters – Home Cooking ep (Pharma)Electric Indigo Mix Tape (Int. DJ Gigolos)ZITATE: Nicht neues Personal mit neuen Ideen brachte den Vogel aus der Asche, sondern Protagonisten mit dem ursprünglichen Programm.Bei Techno wird sich auf einem theoretischen Pfad bewegt, der den physischen Kick vernachlässigt oder verleugnet.
Auch gut:
Text aus De:Bug 12Autor: anton waldt
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