kreidler
Seit mittlerweile zehn Jahren suchen Kreidler in Düsseldorf jetzt schon zwischen Bandinstrumenten und Computern nach dem reinen, schlichten, stilsicheren Groove. Die Ergebnisse ihrer Forschungen reichern Detlef Weinrich, Thomas Klein und Andreas Reihse dann mit Referenzen an bildende Kunst, Literatur, Film und Design an. So erkundeten sie vor zwei Jahren auf "Eve Future“ den Groove von barocker Kammermusik - und mit "Eve Future Recall“ reichen sie jetzt einen Nachschlag davon.
Eine abstrakte Form von Sinnlichkeit
Kreidler
DEBUG:
Du sprichst “Eve Future” französisch aus, weil das ein Romantitel des französischen Schriftstellers Auguste Villiers-de L’Isle Adams von 1886 ist. Was hat es damit auf sich?
WEINRICH:
Das ist einer der ersten Romane, die das Thema künstliche Intelligenz behandeln. Und zwar auf eine andere Weise als etwa Mary Shelleys “Frankenstein“. In dem Buch baut der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison eine künstliche Frau für einen englischen Lord. Denn die Frau, die der Lord liebt, entspricht zwar äußerlich seinem Ideal. Aber sie reicht ihm intellektuell nicht. Am Ende sterben dann beide Frauen bei einem tragischen Schiffsunglück.
DEBUG:
Wieso dieses Buch als Überbau über euren beiden neusten Platten?
WEINRICH:
Das ist uns bei Zitaten und Anspielungen und Referenzen in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Und außerdem war das Thema “Frau” ja schon immer wichtig bei Kreidler.
DEBUG:
Was meinst du damit?
WEINRICH:
Einfach die Liebe zu Frauen. Es gibt ja viele Ideen von Frauen, und das ist eine davon. Dieser Mann jagt einem Ideal hinterher, das vielleicht gar nicht existiert.
DEBUG:
Und auch Zitate waren ja schon immer sehr ausgeprägt bei Kreidler.
WEINRICH:
Es gibt eben viele Sachen, die einen begleiten und faszinieren. Und davon macht man dann Übersetzungen in das Medium, in dem man sich auskennt. In unserem Fall ist das halt das Medium Musik.
DEBUG:
Solche Querverweise geben einer Platte ja einerseits ein Grundgefühl, an dem man sich als Musiker und Hörer abarbeiten kann. Aber sie liefern auch immer einen Mehrwert an Ideen – also Anknüpfungspunkte, mit denen man sich bei Interesse weiter beschäftigen kann.
WEINRICH:
Ja, und das sagen wir ja schon seit Jahren in Interviews: dass man halt nicht nur von Musik beeinflusst ist. Das wäre dann doch ein bisschen dünn. Obwohl es natürlich genügend Musiker gibt, deren Musik sich idiosynkratisch nur mit anderer Musik beschäftigt.
DEBUG:
Eure LP “Kreidler“ beschrieb der Autor des zugehörigen Infozettels vor vier Jahren als Soundtrack für eine Fahrt durch “eine fremde Stadt voller viktorianischer Gebäude“. Später habt ihr diese Textstelle dann in “voller barocker Gebäude“ abgewandelt. Dieser Bezug auf Barock ist euch wichtig, oder?
WEINRICH:
Na ja, wenn ich ehrlich bin, ist das auch eine gewisse Leichtfertigkeit von uns, dass wir einfach so mit solchen Sachen umgehen. Ich persönlich zumindest kenne mich mit klassischer Musik nicht wirklich aus. Andreas (Reihse, Anm. d. A.) ist da schon ein bisschen fitter, aber ich möchte mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Es geht dabei vor allem darum, wo man gewisse Orte findet, in denen Zukunft und Vergangenheit oder eben Barockes und Modernes gleichzeitig passieren.
DEBUG:
Aber zumindest der französische Barock hatte ja viel mit einer Formalstrenge zu tun, die damals vom absolutistischen Hof von Ludwig XIV. ausging – also mit geordneten Ornamenten. Und es gab im Barock ja auch erstmals den Gedanken, dass man mit bestimmten Melodiefiguren emotionale Zustände ausdrückt. Das beides kann man bei den beiden “Eve Future“-Platten schon raushören.
WEINRICH:
Das schon, natürlich. Es geht um eine abstrakte Form von Sinnlichkeit und Üppigkeit.
DEBUG:
Gleichzeitig verweist dieses Ornamentale aber auch auf etwas, das für euch eine Art Utopia zu sein scheint: nämlich auf das Brüssel der Achtzigerjahre, wo damals unter anderem Les Disques Du Crepuscule ja eine ebenfalls sehr ornamentale und barocke, aber trotzdem reduzierte Popmusik veröffentlich haben.
WEINRICH:
Klar, beide “Eve Future“-Platten haben natürlich unheimlich viel mit dem Brüssel der Achtziger und mit dem Crepuscule-Label zu tun. Das ist eine musikalische Richtung aus dieser Zeit, die viele Menschen nach wie vor nicht kennen. Und die ganze Haltung dieses Labels war natürlich phänomenal, mit seiner Eleganz und diesen ganzen Anbindungen an Literatur, beispielsweise von Burroughs oder Duras. Das war zeitlos, es ging um Stil, und wirklicher Stil ist nun einmal zeitlos. Außerdem war da zwischen Disco und New Wave alles Mögliche vertreten. Und genau so kann man als Band ja auch erst so eine Platte machen, und dann wieder eine, die mehr rockt und groovt oder die wieder viel elektronischer ist.
DEBUG:
Sag, wenn du das als überinterpretiert empfindest, aber bislang klang Kreidler-Musik immer elektronisch, war jedoch von einer Band gespielt. Und die beiden neuen Platten klingen von der Instrumentierung her organisch, sind aber komplett am Computer entstanden. Da gab es also eine Umkehrung.
WEINRICH:
Das schon. Aber die beiden neuen Platten klingen ja auch deswegen so organisch, weil wir dabei keine fremden Quellen benutzt haben. Es kommt halt alles aus ein- und derselben Kiste, aus demselben Computer.
DEBUG:
Ist euer Schlagzeuger Thomas Klein dann jetzt arbeitslos?
WEINRICH:
Nein, nein, Thomas hatte natürlich einen riesigen Anteil am Entstehen der Platten. Wir arbeiten da alle drei gleichberechtigt. Und live spielt er sowieso noch Schlagzeug, weil es schließlich nichts Langweiligeres gibt als so drei Jungs, die an ihren Laptops rumfummeln. Wir haben jetzt übrigens auch noch eine zweite Platte so gut wie fertig. Bei der hatten wir uns aber über die Arbeit mit Software total verzettelt. Das ist auch so ein Computerproblem: dass man sich da reinversenken und dabei hängen bleiben kann. An der kommenden Platte haben wir mehr als ein Jahr gearbeitet. Da haben wir dann “Eve Future“ sehr schnell dazwischengeschoben. Die war in vier Wochen gemacht.
DEBUG:
Bei all der Künstlichkeit und Detailliertheit würde man das ja gar nicht denken.
WEINRICH:
Das ging schneller, weil die Soundwelt schon feststand, die wir benutzen wollten, während man sonst beim Klang ja immer alle Möglichkeiten hat.
DEBUG:
Und wieso dieser Nachschlag mit einer zweiten Platte, die sich an derselben Idee abarbeitet?
WEINRICH:
Weil wir fanden, dass die Idee von “Eve Future“ noch nicht zu Ende formuliert war. Außerdem hatten wir auf diese Weise das Gefühl, dass man die Platte, an der wir gerade arbeiteten, noch mal neu sehen kann. Die unterscheidet sich dann auch schon ziemlich von den beiden “Eve Future“-Platten. Sie macht eigentlich da weiter, wo die vorletzte LP aufgehört hat, also wieder mit Schlagzeug und vielen Melodien, so typisch Kreidler halt. Es ist doch legitim, sich als Band immer wieder neu zu erfinden. Was soll man denn sonst machen?
Auch gut:
Text aus De:Bug 88Autor: florian sievers
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[...] Movement eine Sektion von Künstlerinnen/Künstler-Tonträgern, die der Musiker Andreas Reihse (Kreidler) aufgebaut hat. Den Schwerpunkt hat er dabei auf Vinylveröffentlichungen zeitgenössischer [...]