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Die französischen HipHopper von TTC sorgen mit elektronischen Beats und uneigentlichen Sexismen für Furore und Missverständnisse. Das Album "Bâtards Sensibles" beschert der "Plus"-Generation ihren ersten Meilenstein.
TTC
“Oui! Nous sommes différents, mais c’est parce que nous sommes nous mêmes.”
Die Buchstaben “TTC” stehen in Frankreich für “Toutes Taxes Comprises”, den üblichen Ausdruck für “Steuern inklusive”. Dass sich wegen ihrer MCs Tido Berman, Tekilatex und Cuizinier auch eine HipHop-Band so nennt, ist an der französischen Öffentlichkeit größtenteils vorbeigegangen, bis zum Herbst vergangenen Jahres. Im Oktober 2004 veröffentlichte das Londoner Ninja-Tune-Sublabel Big Dada das zweite TTC-Album “Bâtards Sensibles” und löste damit ein in Frankreich in seiner Einstimmigkeit bisher nicht gekanntes Medienecho aus. Abgesehen von der HipHop-Presse hatten es die Pariser vor allem auch den großen Tages- und Wochenzeitungen angetan: Libération war begeistert und Les Inrockuptibles urteilte kurz: “Très Très Classe”. Schon die erste TTC-LP “Ceci n’est pas un disque” erschien 2002 bei Big Dada. in England interessierte man sich von Anfang an für die Band, während die französischen Labels zu dieser Zeit kein Risiko eingehen wollten und dem Underground-HipHop mit Misstrauen gegenüberstanden.
Die neue Platte wurde in der Presse oft als das innovativste Album bezeichnet, das der französische HipHop seit langem gesehen hat. Die Einigkeit der Kritiker war fast schon beängstigend. Dennoch ist der Tenor nachvollziehbar, vor allem was die Instrumentals angeht: Der die französischen Beats bisher dominierende Funk ist den elektronischen Einflüssen der Produzenten Paraone und Tacteel gewichen – beim ersten Hören denkt man spontan an das Antipop Consortium. Während die Entwicklung hin zu elektronischeren Beats in den USA schon seit ein paar Jahren im Gang ist, hat sich in dieser Hinsicht in Frankreich, wo die Instrumentals im Vergleich zu den Texten häufig etwas im Hintergrund stehen, bisher wenig getan. Projekte wie das Ende 2000 erschienene “Electro Cypher” von IAM-Frontman Akhenaton bildeten bislang die Ausnahme. Gerade hinsichtlich der Instrumentals ist “Bâtards Sensibles” damit eine eher untypische Platte in Frankreich. Die ständigen Vergleiche mit anderer Musik findet die Band jedoch anstrengend: “Wir versuchen offen zu bleiben und uns von den guten Sachen beeinflussen zu lassen, anstatt Musik als Reaktion auf andere Musik zu machen, um dadurch anders zu wirken. Wir verstehen uns eher als ‘Plus’- und nicht als ‘Anti’-Generation”, so Tekilatex. Das Anderssein an sich leugnet der Rapper aber nicht: “Wir sind anders, das aber, weil wir einfach wir selbst sind. Jede Band sollte anders sein, sonst braucht man sie nicht. Wir arbeiten anders, wollen letztlich aber nur ehrliche Musik machen, anstatt gegen etwas zu sein.”
Eleganz statt Engagement
Auch die Texte auf “Bâtards Sensibles” sind für Frankreich ungewöhnlich. Französischer Rap ist traditionell mit “sozialem” und “politischem” Engagement verbunden und behandelt Themen, die von grundsätzlicher Bedeutung sind. Häufig geschieht das aber auch sehr oberflächlich und scheint eine Grundbedingung für HipHop zu sein. Abgesehen davon, dass die Szene sich auf diesem Weg oft unnötig selbst beschränkt, werden andere dadurch ausgegrenzt. Weil in den Texten von TTC gerade keine soziologische oder politische Betrachtung der aktuellen französischen Gesellschaft erfolgt, wird die Band oft auch nicht als “französische HipHop-Gruppe” gesehen, sondern “nur” als Band, die auf Französisch rappt. Tekilatex, Tido und Cuizinier rappen über zwischenmenschliche Beziehungen, und gerade weil sie dafür zurzeit so viel Anerkennung bekommen, unterschreiben sie – metaphorisch gesprochen – quasi das Todesurteil des klischeehaften HipHop à la française, den man im Radio hört. Was sie zum Schreiben bringt, ist ziemlich einfach: “Die Lust, sich auszudrücken. Auf ‘Bâtards Sensibles’ sind Frauen eindeutig das Hauptthema.” Allerdings nicht nur die Frauen, wie Tekilatex erläutert, sondern “die Verführung im weiteren Sinne. Die Lust, den anderen zu gefallen, zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen. Ein faszinierendes, nie versiegendes Thema.”
Leider bleiben die Texte, was die Haltung gegenüber Frauen angeht, jedoch mehrheitlich so klischeehaft wie die vieler anderer Rap-Songs auch. Eine positive Ausnahme bildet “Bâtards Sensibles”, in dem die MCs dem Titel entsprechend ihre feinfühlende Seite enthüllen. Dennoch sind Zeilen wie “Pute, je suis ton mac – alors suce ma bite gratuit” (“Schlampe, ich bin dein Zuhälter, also blas’ mir einen kostenlos”) aus dem in dieser Hinsicht besonders krassen “Girlfriend” für das Album eher repräsentativ. Darauf angesprochen, verteidigt Tekilatex die Band: “Meiner Meinung nach ist klar genug, dass das alles nur Humor und Provokation ist. Mit einem Song wie ‘Girlfriend’ wollten wir beispielsweise einfach nur Strip-Club-Musik machen – eine Art Booty auf Französisch.” Das klingt jedoch zunächst befremdlich, vielleicht auch, weil man bisher nicht daran gewöhnt ist. Zugleich fragt man sich aber, ob man sich gerade an so etwas gewöhnen muss.
Nach Ansicht der Band kommt es darauf an, Text-Inhalte nicht überzubetonen. Wichtig seien vielmehr die Form und der Stil – Tekilatex: “Ich bin der Meinung, dass man fast alles sagen kann, solange man es mit Stil tut. Entscheidend ist, zu wissen, wie man es sagt, und den treffenden Ton zu finden, damit es nicht vulgär und abgedroschen klingt. Es ist oft schwierig, den notwendigen Abstand zu wahren und Tricks zu finden, um die Sachen mit Klasse und Eleganz zu schreiben. Anschließend kann dann jeder unsere Texte interpretieren, wie er will. Ich würde fast sagen, das geht uns gar nichts mehr an. In der Kunst sollte man den Inhalt getrennt von der Form betrachten. Der Künstler beschreibt nur Sachen, die im Menschen versteckt sind. Danach müssen die Hörer eben genug Abstand haben, um die Dinge richtig zu verstehen.” Dass die drei MCs nicht frauenfeindlich sind, wird im Gespräch schnell klar. Woran man aber zweifeln kann, ist die Fähigkeit eines Teils des Publikums, den eingeforderten Abstand ebenfalls aufzubringen. Für Tekilatex ist Provokation ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, und dieses Ziel haben sie auf jeden Fall erreicht: Die Texte von TTC werden niemanden unberührt lassen.
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Text aus De:Bug 89Autor: magali girault
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