phunkstudio
Das Grafikdesign-Quartett :phunkstudio aus Singapur bearbeitet als "visual Rockband" westliche Firmenidentitäten - immer mit China im Herzen.
Handkantenschlag quer durch die Popkultur
Das :phunkstudio aus Singapur
An namhaften Referenzen mangelt es :phunkstudio wirklich nicht: Agnes B, Commes Des Garcons, Diesel, Daimler Chrysler, Levis und MTV gehören zu ihren Auftraggebern. Außerdem stylt die Grafikdesigncombo aus Singapur Mode, Bücher, Fonts, Skateboards, Platten, Galerie- oder Ladenwände und hat Magazincover unter anderem für Lodown, Soma und Werk gestaltet.
:phunkstudio fühlen sich in sämtlichen popkulturellen Bereichen zu Hause. Wenn sie zwischen reiner Grafikarbeit zu Clips und einer eigenen Musikproduktion wechseln, spielt jeder der vier Jungs einen eigenen Part in dem umtriebigen Kollektiv: Alvin Tans Schwerpunkt ist die Mode, Jackson Tans der Mangastil, Melvin Chee entwickelt Illustrationen und William Chan ist für Filme verantwortlich. Kein Wunder, dass sie sich eine “visual rockband” nennen. Nun hat Nike :phunkstudio beauftragt, einen Turnschuh zu designen. Doch :phunkstudio wäre nicht :phunkstudio, hätten sie nicht zur Präsentation des neuen Modells den Nike Spiritroom in Berlin in eine Gesamtinstallation verwandelt.
Debug:
Von Singapur hört man ja, dass man dort für Graffiti Prügel mit dem Rohrstock beziehen kann …
William:
Als wir 1994 angefangen haben, waren wir 19-jährige Kids, die
zusammen abhingen, skateten und nach was suchten. Damals war diese ganze urban street culture in Singapur noch nicht so groß.
Alvin:
Heute gibt es einen Park, der von der Regierung gesponsert wird, in dem die Kids skaten und sprühen können.
William:
Lustig ist, dass es da keine Wände gibt. Alle sprühen auf dem Boden
- ein “Singapore-thing”! Naja, wir haben damals eigentlich mit einem T-Shirt-Label angefangen. Leider wollte die Shirts niemand kaufen, und so haben wir stattdessen Grafik-Design gemacht. Damals gab es fast keine Grafik-Design-Kultur in Singapur und wir wurden überhaupt nicht wahrgenommen. Erst als Magazine aus Europa und Amerika uns gefeatured haben, kamen auch Leute in Singapur an: “Hey, ihr Jungs seid schon seit vier, fünf Jahren dabei?” Und dann ging es los mit MTV, Discovery Channel, Levis.
Alvin:
Wir haben sogar den Wirtschaftsreport von Daimler Chrysler 2003 illustriert.
William:
Heute ist die Grafikdesign-Szene in Singapur ziemlich groß und wächst noch weiter.
Debug:
Damals hattet ihr fast eine Pioneerstellung in der Grafikdesign-Szene. Woher kamen eure Einflüsse?
William:
Ganz am Anfang haben wir uns schwer beschaffbare Magazine wie I-D und The Face für teures Geld bestellt. Westliche Musik war auch wichtig, dieser ganze frühe 90er Jahre britische Indiepop-Kram.
Alvin:
Aber wir leben in Asien und sind aufgewachsen mit Einflüssen aus Hong Kong, Japan und China. Auch vom Grafischen her: Als Kinder haben wir viel Comics gelesen, Cartoons und Animés gesehen. Sogar im Schulunterricht haben wir Manga gezeichnet.
Punch
William:
Wir machen eh ein “mixed stuff thing” – ein crosscultural Mix von Ost und West. Wir sprechen zwar englisch miteinander – meine Muttersprache ist Kantonesisch, die der anderen Mandarin -, doch im Herzen sind wir Chinesen. Wenn wir nach Hause kommen, gucken wir alle Hong-Kong-Serien.
Debug:
Dieser kulturelle Bruch zieht sich durch all eure Arbeiten. Ihr mischt z.B. Yakuza-mäßige Muster, Tiere, die wie Fabelwesen erscheinen – Fische, Affen, Hunde, kleine “Spiral-bubbles”, Blumen und Baumhäuser mit den Logos großer Marken: Nike, Starbucks, McDonalds. Die Logos sind universal verständliche Zeichen, aber wie ist das mit den Tieren?
William:
Alles basiert auf der chinesischen Mythologie von Himmel, Hölle und Erde. Die Tiere sind himmlische Götter. Wir benutzen dieses Wissen, aber es ist nicht so, dass wir uns das bewusst überlegen. Das geht einfach über unseren Verstand und das Körperliche hinaus. Es zeigt, wie wir denken und womit wir aufgewachsen sind.
Alvin:
Da ist eine Art scherzhafter Bruch in allem, was wir machen. Sowas wie ein “Punch”, der durch die Verbindung von Asiatischem und Westlichem entsteht.
Debug:
Diesen Punch habt Ihr auch Nike verpasst. Die Kollektion ist geprägt von Reißverschlüssen, und euch wurde nur der Begriff SPLIT vorgegeben.
William:
Uns kam dabei gleich die Assoziation zu Yut Chi Mah, einer
Splitting Technique aus dem Kung Fu.
Debug:
Die Installation ist ziemlich dark, fast gothic. Die Farbe schwarz dominiert, goldene Reißverschlüsse durchqueren den Raum und machen den Blick frei auf morbide Welten, die dort herausquillen: Fliegenschwärme, Skelette, Blut. Warum diese dunkle Interpretation von split und Reißverschluss?
William:
So ein Reißverschluss ist doch mehr als ein schönes Modeteil. Vielleicht existiert darunter ein dunkleres Geheimnis …
Autor: annika hennebach
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