Süße Unschuld
Text: Michael Döringer aus De:Bug 164

Don’t call it Witch House. Aber wie denn dann? Dass man sich ohne Hintergedanken nach einem religiösen Symbol benennt, könnte man für ein geschicktes Täuschungsmanöver halten. Doch es passt, denn die neuen 4AD-Schützlinge wirken wie der keusche Gegenpart zu den Teufelsanbetern von Salem und haben diese schon länger vorherrschende Popästhetik als erste gänzlich auf Glanz poliert.

Viele mächtige Goldringe an Megan James‘ Händen. Auch an einem von Corin Roddicks Fingern prangt ein leicht ramponierter Flohmarktklunker – oder doch ein über trendigen Goldschmuck hinausweisendes Symbol? Die Frage musste kommen, aber nein: kein kultischer Reinheitsring dabei. Der ”Purity Ring” ist oder war in strengen christlichen Gemeinden der USA ein Zeichen der eigenen geschlechtlichen Unbeflecktheit, Zeugnis von Reinheit und Unschuld. Megan und Corin haben noch nicht mal eine besondere Beziehung zu diesem obskuren Gegenstand, nach dem sie ihre Band benannt haben. ”Es klingt gut und man vergisst es nicht so schnell“, sagt Megan, die kleine 24- jährige Sängerin mit dem braunen Wuschelkopf. “Der Symbolismus des Bandnamens ist uns nicht so wichtig. Es ist ein schöner Name für unsere Musik, und dadurch verleihen wir dieser Wortkombination eine neue Bedeutung.“ Corin, der 21-jährige Produzent, setzt nach: ”Ich liebe einfach die Verbindung von bestimmten Silben und Sounds!“ Kleinigkeiten, die sehr viel über die Musik und Herangehensweise von Purity Ring aussagen. Auch wenn sie jede persönliche Verbindung zu religiöser Metaphorik im klassischen Sinn verneinen, triggern sie durch diese Bezugnahme natürlich, bewusst oder unbewusst, ganz bestimmte Erwartungen an und streifen einen Kontext, der nicht zuletzt in ihren Songs anklingt. Ihr nun erscheinendes Debütalbum ”Shrines“ wird bestimmt von dieser Mischung aus Downbeat-Electronica, Synthpop und R‘n‘B-Versatzstücken, die in den letzten Jahren – auch der Einfachheit halber – als Witch House gehandelt wurde, und bei Purity Ring ihren bisher höchsten Gefälligkeitsgrad erreicht, als minutiös ausproduzierte, anheimelnde Popsongs. Wenn Salem wirklich einen okkulten, blasphemischen Vibe hatten, dann sind Purity Ring im wahrsten Wortsinn der keusche Gegenpart dazu.


Warmes Glücksgefühl

Megan und Corin sind zusammen im kanadischen Edmonton aufgewachsen, sie wohnt mittlerweile in Halifax, er in Montreal. In ihrem Heimatort waren sie Teil der Punk- und Hardcoreszene, die quasi ihren ganzen Freundeskreis umfasste. “Ich habe in vielen Hardcore-Bands Drums gespielt, wir machten immer sehr emotionale, aggressive Musik. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwann haben viele Leute aus der Szene begonnen, elektronisch zu produzieren“, überlegt Corin. Auch er hat vor ein paar Jahren das Drum-Programming am Rechner für sich entdeckt, während er und Megan zusammen mit der Band Born Gold auf Tour waren.

“Wir waren nur Teil der Live-Show und haben nichts von der Musik geschrieben“, sagt Megan. “Das war ein sehr aufdringlicher elektronischer Sound, schwer zu hören, mehr in-your-face als unsere Musik. Ich habe gesungen und Corin hat Percussion gespielt.“ Der begann nun also, mit neuen, für ihn ungewöhnlichen Genres zu experimentieren. ”HipHop-Drums haben einen ganz speziellen Groove, das hat mein Schlagzeugspiel immer beeinflusst. Ich habe zwar nie viel HipHop und R’n’B gehört, aber beim Produzieren habe ich gemerkt, dass ich das immer mochte, das hat sich dann ganz natürlich weiterentwickelt.“ Auf instrumentalen, elektronischen Sound stehe er selber auch nicht besonders, deshalb bat er Megan, über seine Tracks zu singen. “Ich liebe Hooks und Vocals, und es war mir von Anfang an klar, dass ich Gesang haben will.“ Mit ihrer makellosen, relativ unverfremdeten Stimme rundet Megan Corins durchgeplante Arrangements aus Claps, gepitchten Vocal-Samples und süßen Synthmelodien ab. Die Melancholie und Darkness, die sich bei den ganz ähnlich aufgebauten Tracks der Tri-Angle-Schule von Holy Other oder oOoOO stets Bahn bricht, verkehrt sich bei Purity Ring am Ende jedes Songs in ein warmes Glücksgefühl. Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder selbst entscheiden.

Ihre ersten kleinen Hits hatten die beiden mit ”Ungirthed“ und ”Lofticries“ schon vor über einem Jahr. Beide Songs sind auch auf ihrem Album, das nun ein wenig wie ein Nachzügler einer spannenden Phase wirkt. Das stört Megan und Corin nicht, die Zeit hätten sie gebraucht, um ihre Songs zu perfektionieren. Vielleicht hat es auch Zeit und Vorarbeit durch andere gebraucht, um eine Band wie Purity Ring anzuteasen. Man war eigentlich schon vorbereitet auf ”Shrines“, seine abgerundeten Kanten und geglätteten Schockwogen. Viele Bands und Künstler haben, mal mehr mal weniger experimentell, dazu beigetragen, dass dieser Sound zwischen Gothicattitüde, Dreampop und moderner, teils harscher elektronischer Produktion zu einer solch vorherrschenden Popästhetik werden konnte, die Purity Ring nun komplett ausfüllen. Eine besonders mutige Veröffentlichung ist es zwar nicht, aber zu 4AD passt die Platte, wie schon die von Grimes, ganz gut. Finden auch Megan und Corin, obwohl: Mit dem Erbe des Labels haben sie sich erst auseinandergesetzt, als sie dort unterschrieben haben: ”Ich war immer großer Pixies-Fan, aber die Cocteau Twins kannte ich gar nicht“, zuckt Corin seine Schultern. Oh du süße Unschuld.


Purity Ring, Shrines,

ist auf 4AD/Indigo erschienen

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