Katerfrühstück mit Label-Don Jesse Rose und der Familie

Wie kaum ein anderes Label brachte Jesse Rose‘s Label Made to Play über die vergangenen fünf Jahre Bigroom-Entertainment und Underground-Ethos zusammen. Beim Katerfrühstück nach der Jubiläumssause sprechen wir mit dem Label-Don, Renaissance Man, Oliver $, Jamie Anderson, Zombie Disco Squad, Round Table Knights, Caroline und Roniti darüber, was jetzt noch kommen kann.

Normalerweise gibt es vor jeder Party das DJ-Dinner, diese versozialisierte Form des Szene-Gatherings bevor das anstehende Fest und die dazu gehörigen Pegel vieles im Nachhinein schwammig und indifferent erscheinen lassen. Eine feste Institution im Nachtleben, für all die, die hinter den Dingen stehen, hinter dem Pult, hinter der Gästeliste, hinter der Theke oder hinter einem Label. Als das Label Made To Play ihr fünfjähriges Bestehen in Berlin mit Rave und Bammbamm-Popanz feiert, gibt es das gemeinsame Essen danach, am Montagnachmittag: Ein Katerfrühstück, der kollektive graue Hangover schmiegt sich gar nicht so ätzend an die sichtbetonige, dunkelkubistische Innenarchitektur des asiatischen Restaurants am Rosenthaler Platz. Labelchef Jesse Rose ist noch immer außer sich. In seiner allzu langen Karriere habe er noch nie so einen Abend erlebt, fast 24 Stunden vor Ort, unfassbar das alles. Sein iPhone zeigt ununterbrochen Memory-Schnipsel der vergangenen Doppelnacht.

Jesse liebt die großen Dinge. Wenn er erzählt, dann rudert er weit mit den Armen, man bekommt das Gefühl hinter einem würden die Erzählungen monströs real. Er ist der Don dieser Familie, die sich hier trifft. Das Amalgam einer internationalen DJ- und Producer-Szene, die wie kaum ein anderes über die vergangenen Jahre Bigroom-Entertainment und Underground-Ethos zusammenbrachte. Fidget, Post-Fidget, Deephouse-Revival, UK Bass, US Festival, Kellerparty. Nicht einmal verkopft und gerne auch mal ein derangiert breites Armhoch-Grinsen vertragend. Ihr wollt Deepness? Deepness heißt, es muss dir den Arsch aufreißen, könnte die ungeschriebene Losung heißen. “Das ist hier kein klassisches DJ-Dinner. Es sind alles meine Freunde hier. Hier muss keiner so tun als ob, nur weil ein Promoter hier ist – der bin ich, and i couldn‘t care less …“, erklärt Jesse bestimmt. Der, der sich in der Vorstellungsrunde selber Captain Rose nennt, nachdem er einmal durch die Runde zeigt: Renaissance Man, Oliver $, Jamie Anderson, Zombie Disco Squad, Round Table Knights, Caroline und Roniti vom Label und weitere Entourage wartet auf die “Einmal-Karte-rauf-und-runter-Bestellung“, und der Captain eben: “Ja, es sieht aus wie ein Hochzeitsempfang …“ Alle an Bord.

Jesse Rose (links) und Caroline Kaven (rechts)

US Raves & Chartproduktionen
Jesse Rose ist in West-London aufgewachsen, weit weg vom Chelsea-Schick, in einem Squad, einer Hippie-Kommune, wo man während seiner Kindheit eine eigene Republik ausrufen wollte, es war eine hermetische eigene Welt, wo andere Regeln galten als gemeinhin im bürgerlichen Großbritannien üblich, mehr anti und anders geht wahrscheinlich nicht. Es verwundert vielleicht auch deshalb nicht, dass aus derart antiautoritären Umfeldern solche Macherbilder enstehen. Straight, ruhelos, fokussiert, man macht es eben immer anders als die Eltern. Jedes noch so alternative Umfeld bietet genug Humus für seine internen Rebellionen. Nun plant er für drei Monate nach Los Angeles zu gehen. Um alte Buddies wie Switch und Diplo wieder um sich zu haben. Die Black Eyed Peas wohnen auch nur einen Steinwurf entfernt. Nirgendwo hängen DJs, Producer und Superstardom enger zusammen als in Kalifornien. Ein Netzwerk, das mit anderen Parametern arbeitet als die hiesigen. Dance ist in den USA der große neue Mainstream. Nach dem 00er Jahrzehnt der Pharrells und Timbalands, sammeln nun Dance-Produktionen ihre Linernotes in Platin-Chartproduktionen wie bei Usher, Katie, Gaga und Konsorten.

Es würde nicht wundern, wenn der Kommunikator Rose nicht zumindest eine Nasenhälfte in das prosperierende Feld des neuen US Raves stecken würde. “Wenn man in London lebt, dann geht man über die Straße und Leute verprügeln dich, einfach so. In L.A. wird man vielleicht erschossen, aber bis zu dem Punkt muss etwas passiert sein, es fühlt sich schon anders an. Ich ziehe ja nicht für immer dahin. Ich behalte meine Wohnung hier. Es spricht auch nichts dagegen, im Winter seine Homebase mal nicht in Berlin zu haben. Die ersten Wochen habe ich einen persönlichen Fahrer. Vielleicht schaffe ich es sogar, einen Führerschein zu machen, würde mal Zeit“, relativiert er seine Pläne. 25 Grad, Sonne, Strand klingen ganz überzeugend. Dabei gab es doch gerade mit dem “Fidget“-Schlager “We speak no Americano“ der Australier Yolanda Be Cool seit Jahren wieder einen globalen Nummer-Eins-Hit, der eindeutig Dancefloor ist, wenn auch nicht auf Jesses Mist gewachsen, hört man seine Einflüsse eindeutig heraus.

Round Table Knights
“Wir wurden ja gefragt, ob wir einen Remix zu Americano machen wollen“, meint Christoph vom Duo Round Table Knights, “mussten aber absagen, weil wir mit eigenen Produktionen beschäftigt waren.“ Christoph und Marc kommen aus Bern und sind seit Anfang des Jahres bei Made To Play. Christoph betreibt zudem den Club Bonsoir, wo auch der Erstkontakt zu Jesse entstand. So ein Hit treibt aber auch eigene Blüten. “Es tut sich gerade eine Menge durch so einen Track, auch wenn man nicht weiß, in welche Richtung“, ergänzt Marc. “Unser Track ‘Cut To The Top‘ hat scheinbar Ähnlichkeiten mit Americano, weshalb wir seitdem immer in diesem Zusammenhang genannt werden.“ Noch verflixter ist: “Die Schweizer Medien verstehen das jetzt so: Hätten wir den Remix gemacht, wären wir auch die Nummer 1. Was natürlich überhaupt keinen Sinn macht“, ergänzt Christoph. “Wenn das Stück im Schweizer Radio läuft, heißt es immer, dass die Round Table Knights ja den Remix hätten machen können, aber nicht gemacht haben. Jetzt kommen die Leute auf uns zu und halten uns vor, wie dumm wir doch wären, wir hätten die Chance unseres Lebens verspielt.“ Ein einziges Dilemma.

Round Table Knights

Aber diese Geschichte zeigt eben auch das besondere Spannungsfeld des MTP-Universums. Viele kannten sich schon vor ihrem Signing persönlich. Es fällt der internationale Aspekt der einzelnen Familienmitglieder auf. So kommen Renaissance Man ursprünglich aus Finnland, Zombie Disco Squad aus London, Round Table Knights wie erwähnt aus der Schweiz, Oliver $ aus Deutschland und Label-Überflieger Riva Starr aus Italien. “Meiner Meinung nach geht es um zeitgenössische, moderne Interpretationen von House. Das ist es, was uns alle hier verbindet“, sagt Lucas von Zombie Disco Squad. “Aber es geht auch um bestimmte Energien. Gerade junge Leute, die Clubmusik allmählich für sich entdecken, für die kann Made To Play der Einstieg in tiefere House-Gefilden sein. Wenn man sich die Popularität des Labels ansieht, dann macht es Sinn auch von Basisarbeit zu sprechen. In den USA ist es grad besonders interessant, in Frankreich hat man auch schon viel erreicht. Vor einigen Jahren hatten wir alle eine gemeinsame Soundidee, die meisten haben sich in ihre Richtung weiterentwickelt. Es ist dennoch schön zu sehen, dass das Netzwerk noch immer so gut funktioniert.“

Autofirmen & Vinyl
Wer einen Einblick in das Labelbusiness wirft, versteht auch, dass hier ganz andere Prinzipien arbeiten, als von klassischen Techno-Labels gewohnt. 2009 war allen Krisenrufen trotzend das erfolgreichste Jahr der Labelgeschichte. “Momentan wird das Lizenzgeschäft immer größer und wichtiger für uns. Wir arbeiten mit Firmen zusammen und bauen Partnerschaften aus, z.B. mit Autofirmen in den USA. Noch immer wollen die Produzenten Vinyl machen, daher lassen wir das auch weiterhin mitlaufen. Vinyl zu verkaufen, kann aber nicht mehr als Kernmarkt von Made To Play gesehen werden. Bei 800 verkauften Platten, werden zeitgleich etwa 12.000 Downloads umgesetzt“, erklärt Caroline Kaven die Geschäftslage, die von London aus für die administrativen Angelegenheiten des Labels zuständig ist. Man hat also die Zeichen der Zeit für sich interpretiert. Man betreibt keine Ethos-Politik der Gattung Digital vs. Analog, man schert sich nicht um Deepness- und Realness-Gehabe, man schaut, wie sich der musikalische Output ökonomisieren lässt, ist aber auch für Überraschungen gut.

Das neue Sublabel Play It Down verzichtet z.B. gänzlich auf Promotion, ist auf 200 Vinyls limitiert, kein aufgeblasenes Rambazamba, ein guter Beat, fertig, der Rest wird schon kommen. So wird mit Sicherheit noch mindestens für weitere fünf Jahre mit Made To Play zu rechnen sein. Ob im Mainstream-Radio oder in der Underground-Plattenkiste, ob im Afterhour-Schuppen oder in der Balearen-Halle. Einen Beweis liefert die bisherige Geschichte des Labels indes ohne Zweifel: Konsens kann ziemlich funky sein.

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