Commix
In seiner Blütezeit stand Drum and Bass für Soundforschung und advancte Produktion. Das kann mittlerweile jeder. Commix wollen diesen alten Geist wieder lebendig machen. Underground Resistance haben geholfen.

Gegen den Strom
Commix
Vor etwa 17 Jahren haben 4 Hero und andere angefangen, die Einheit von Techno und Drum and Bass aufzubrechen. Beides befand sich damals noch in der Kinderstube. Aber wie so vieles war es eine Einheit. Die gleiche Warehouse-Partyszene Englands verband Breakbeats und Acid, belgische Euroraver, Divengesang und Housemusik. 4 Hero katapultierten die Breakbeat- und Hardcore- Szene langsam aber sicher in die deeperen und immer schnelleren Ebenen von Jungle und Drum and Bass, betonten das “London Sumtin” und von da ab gab es kein zurück mehr. Vermutlich markierte Manix’ (Marc von 4 Hero) “Feel Real Good” auf KMS die letzte echte Schnittstelle. Danach hatten Drum and Bass und Techno sich eigentlich nichts mehr zu sagen.
Commix wollen das wieder rückgängig machen, indem sie die Elemente vom Jetztzeit-Technosound aufgreifen und dort hinbringen, wo sie hingehören: auch auf den Drum-and-Bass-Floor. Ihrem Versuch stellen sich zwei Probleme in den Weg. Erstens drohen sie am Gelächter besonders engstirniger Drum-and-Bass-Dödel zu scheitern. Immerhin haben sich die Erwartungen auf vielen Drum-and-Bass-Tanzböden in den letzten 17 Jahren beständig in eine Richtung entwickelt, die mit anderen Musikstilen, na sagen wir mal, begrenzt kompatibel ist, und die Bereitschaft vieler namhafter DJs, tiefer in ihr Genre zu blicken, ist gering. Zweitens die beinahe prinzipielle Unvereinbarkeit von Dancefloors, die entweder 128 BPM 4/4 oder 180 BPM-Präzisionsgeknüppel gewöhnt sind. Trotz der genannten Schwierigkeiten haben Commix einen solchen Versuch gestartet. Sie haben das Beste aus beiden Genres genommen und vereint, ohne sich zu weit aus dem Drum-and-Bass-Fenster lehnen zu müssen. Das Neue, das Revolutionäre steckt in der Einfachheit, in der Klarheit ihrer Tunes und vielleicht in der Erkenntnis, dass Techno und Drum and Bass ohnehin viele Gemeinsamkeiten haben. Der letztbleibende Unterschied ist also das unterschiedliche Tempo? (ich dachte, der Break macht den Unterschied? Jan)
Commix aka Guy Brewer und George Levings betraten die Drum-and-Bass-Bühne im Jahr 2003. Das ist ungefähr die Zeit, in der für viele DnB-Fans von heute Oldschool beginnt. Die ersten Veröffentlichungen von Commix waren auf Aquasonic, dem Label von Blue Sonix, New Identity von DJ SS und John B´s Tangent Recordings. Das waren damals noch zuckersüße soulfulle Roller, mit aufgemotzt-buttrigen Discovocal-Schnipseln, die bedenkenlos in die Liquid-Schublade gehören. Damals verfolgten Commix noch einen ausschließlich souligen Ansatz. Dass Nu:Tone und Logistics in der Nachbarschaft gewohnt haben, hat sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Heute ist einiges anders.
Wie würdet ihr Drum and Bass definieren?
Guy: Das ist eine schwere Frage. Für mich ist das nach wie vor einfach die UK-Musik von der Straße. Es begann in den 90ern mit Leuten wie Goldie und Photek. Was denkst du, George?
George: Ein Mash-Up von verschiedenen Stilen mit softerem, langsamerem Tempo.
Guy: Wenn du Drum and Bass hörst, dann hörst du Soul, Techno, Reggae usw. heraus.
Und was macht ihr anders als andere Drum-and-Bass-Producer?
Guy: Ich denke, wir unterscheiden uns von vielen mit unserem Ansatz. Es gibt jede Menge Drum-and-Bass-Tunes mit diesen übertriebenen Basslines und Auf-die-Fresse-Schlägen. Wir versuchen, mehr Melodie unterzubringen, und experimentieren mit dem Arrangement. Wir sind große Fans von Techno. Ich hoffe, das wird deutlich, wenn man unser Album hört.
Glaubt ihr, dass Begriffe wie “Minimalismus“ oder “Techno“ neue Perspektiven für Drum and Bass sind?
Guy: Definitiv. Einige andere produzieren diesen Sound ja auch. Z.B. Markus Intalex, Calibre, Lynx, Instramental, DBridge. All diese Leute beziehen sich auf Techno und andere Spielarten elektronischer Musik. Schließlich gibt es ja noch den ganzen Warp Sound und jede Menge guter Dancemusic aus den 90er Jahren als Inspirationsquelle.
Es gab ja auch mal eine Zeit, in der Techno und Drum and Bass gar nicht so weit auseinander lagen.
Guy: Genau. Ich hoffe, wir können das zurückbringen. Ich denke, eine Menge Leute haben Drum and Bass einfach vergessen, was eindeutig an dem falschen Weg liegt, der eingeschlagen wurde. Hoffentlich können wir das wieder zurückbringen.
Viele bleiben innerhalb der Grenzen ihrer Musikstile stehen. Indierocker hören zum Teil nichts anderes als ihre Musik. Dasselbe gilt auch für viele Elektro- oder Drum-and-Bass-Fans.
Guy: Sie wollen nur die reinsten Elemente. Aber ich denke, man verliert nichts, wenn man die Genre-Grenzen übertritt. Im Gegenteil. Es ist pure Inspiration. Das ist überhaupt erst interessant.
Call To Mind
Über Metalheadz sind Commix damals zur Musik gekommen. Zwar wollten sie immer auch schon auf Metalheadz veröffentlichen, aber es dauerte ein Jahr, bis sie die Tunes hatten, die zum Label passen. Dann, unerwartet, die erste Produktion für Hospital. Einer dieser Tracks hat Goldie so gut gefallen, dass er sich sofort bei ihnen meldete. Es dauerte dann zwar noch ein ganzes Jahr, bis sie die erste 12“ für Metalheadz fertig hatten. Gleich danach stand allerdings schon fest, dass ein ganzes Album folgen soll. Daran haben die Jungs dann zwei Jahre lang gearbeitet. Halten wir fest: 1 + 1 + 2 = 4 Jahre. Angefangen 2003. Jetzt ist 2007. Haut hin. Nebenher sind Commix große Fans von Underground Resistance und eigentlich wollten sie ja auch schon immer einmal mit ihren Techno-Helden zusammenarbeiten. Jetzt, mit dem Album “Call To Mind“, wird auch dieser Wunsch wahr, den man leider nur auf der CD-Version zu hören bekommt. Herausgekommen ist mit “Call To Mind“ ein Meilenstein, bei dem man in Zukunft von einem Vorher und einem Nachher sprechen könnte. Überraschend ist allem voran schon mal das Cover.
Was sehen wir da?
Guy: Ja. Das Bild ist absolut untypisch für Drum and Bass. Es wurde von einem Freund aus unserer Gegend gemalt. Wir haben etwas gesucht, das niemand so erwartet. Ich denke, dass es auch gut zur Musik auf dem Album passt.
Ist das eine Kreuzung aus einem Mensch und einem Tier?
Guy: Nein, es ist ein Bär.
Es hätte auch ein entfernter Verwandter von Chewbacca sein können.
Guy: Nein, nein, nein, einfach ein Bär. Er lebt in Nordamerika.
Alles klar. Und was bedeutet “Call to Mind“?
Guy: “Call To Mind“ ist eine Referenz dafür, dass die Leute auf die Vergangenheit von Drum and Bass schauen sollten. Auf das, was es alles gab, was Drum and Bass experimentell gemacht hat. Ich denke, dass der Mainstream von heute all das verloren hat. Es gibt zwar noch einige wenige Künstler, die etwas anderes pushen. Aber die Drum-and-Bass-Mehrheit hat ihre Schärfe, ihren Kern verloren.
Wie haben die Leute auf das Album reagiert?
Guy: Es scheint gut zu funktionieren. Von dem, was bisher an Feedback kam, wollen die Leute das Album haben oder mögen es zumindest. Das ehrt uns natürlich, gerade weil wir so lange daran gearbeitet haben.
Welches Stück kommt am besten an?
Guy: Persönlich mag ich “Japanese Electronics“ und “Belleview“ besonders, weil wir es dort vielleicht am besten geschafft haben, unsere wichtigsten Einflüsse umzusetzen.
George: Ich mag “Be True“ am meisten, wegen des Vocals, den musikalischen Elementen und vor allem wegen des cinematischen Arrangements.
Warum ist das Album interessant für Leute, die sonst kein Drum and Bass hören?
George: Du meinst, warum sie es gut finden? Ich denke, wir haben uns auf eine Suche begeben und unsere Köpfe hin und her gedreht. Was herausgekommen ist, ist ein Vergleich zwischen Drum and Bass auf der einen Seite und Techno auf der anderen Seite. Wir zeigen, denke ich, wie ähnlich beide Genres doch eigentlich sind.
Keine ähnlichen Posts
Text aus De:Bug 118Autor: Felix Krone
Ausgabe 118 hier Online via Paypal bestellen.



