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15.01.2008 | 15:49
 
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Cristian Vogel

Als Techno Mitte der Neunziger von Brighton aus mit schmirgelnden, kompromisslos-noisigen Tracks umgepflügt wurde, war Cristian Vogel einer der Rädelsführer dieses neuen punkigen Sounds. Kurz darauf wurde ihm Techno langweillig und er formte mit Jamie Lidell die IDM-goes-R'n'B- Supergroup Super_Collider, um sich nach derem Split diversen Punk-Bands anzuschließen. Jetzt, zwölf Jahre nach dem Aufblühen von "Brighton-Techno", hat er zu dem Sound, der ihn bekannt gemacht hat, zurückgefunden.


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Techno-Orgasmus in der Zeitmaschine

Cristian Vogel

Seit dem Ende seiner Super_Collider-Kooperation mit Jamie Lidell arbeitet Cristian Vogel wieder im Maschinenraum des Mutterschiffs Techno. Vogel schraubt am Zeitreisen-Modul und entwickelt autonome Musikautomaten, die mit kosmischer Sexualenergie betrieben werden.

Was kommt nach Techno? Cristian Vogel hat uns als Antwort auf diese Frage 2005 den Kalauer “Montag!” um die Ohren gehauen. Anlass für das damalige Gespräch war sein Album “Station 55″ (Novamute), mit dem sich Vogel nach der Zeit als Teil des Duos Super_Collider als Solo-Produzent zurückmeldete. Und auch wenn sein fröhliches “Montag!” schnell zur Raver-Folklore wurde, ist die Angelegenheit damit auch für Herrn Vogel nicht befriedigend geklärt. Sein aktuelles Album “NeverEngine” auf Tresor-Records kreist eigentlich beständig um die Frage, und als ob man das nicht deutlich genug hören könnte, hat Vogel sogar noch einen Begleittext verfasst, der wohl zu gleichen Teilen als Prosa, PR-Waschzettel und Künstlerkonzept zu verstehen ist:

“Es ist legitim, Klangparallelen und Bezugslinien zu einem eigenartigen Attraktor herzustellen, der sich aus der Electro-Narco-Sound-Produktion vor der Jahrhundertwende entwickelt hat: die intensive, sich selbst reproduzierende Mensch-Klang-Interaktion zwischen 1994 und 1998.”

Das klingt zunächst nach schwerem Tobak, lässt sich aber schnell aufdröseln. Zunächst formuliert Vogel, der schon lange Jahre in Barcelona lebt, immer noch mit steifer britischer Oberlippe. Zudem hat Vogel einen Hang zur grenzkuriosen Wissenschaft und baut gerne sperrige Begriffsklumpen wie “Attraktor” ein, was man in diesem Fall getrost mit “einem bestimmten Sound” übersetzen kann. Lange Rede, kurzer Sinn: NeverEngine böllert wie ‘96, als Techno wahnsinnig selbstsicher und brüsk war. Möbelrücken in ganz großen Hallen, und zwar in einem Tempo, das heute schleppend langsam erscheint, oft deutlich unter 120 Bpm. Der ‘96er-Sound ist so spröde, weil er auf die Hookline-Elemente verzichtet, die im klassischen Detroit-Techno auf House verweisen. Im Rückblick scheint diese Reduzierung schlicht eine Zwangsläufigkeit, aber in der durchexerzierten Konsequenz auf breiter Floor-Front wäre sie ohne den Techno-Boom dieser Jahre nicht möglich gewesen. Nur mit der Dynamik, die Techno damals hatte, konnten auch noch die sperrigsten Brecher ihr Hitpotential realisieren. Techno musste sich in dieser Phase jedenfalls einen Dreck um Zugänglichkeit oder Zustimmung kümmern, NeverEngine haut in die gleiche Bumms-Kerbe, und zwar ganz bewusst.

Cristian Vogel: “Zu dieser Zeit befand sich meine Plattensammlung für Techno-Sets auf ihrem Höhepunkt. Analoge, sehr rohe Produktionen aus Chicago, Detroit und Deutschland. Wir haben es damals “Jacking Techno” genannt: strengste Rhythmen, eintaktig geloopte Heuler, dazu ein Akkord oder Brummen. Ich habe dieses Zeug echt geliebt, es war das Rückrat meiner DJ-Sets. Aber ‘96 hat Austrian Airlines einen Koffer verbummelt, womit der Kern meiner Underground-Vinyl-Sammlung verloren war, da war kaum was wieder zu beschaffen. Den Rest hat dann 2002 Iberia besorgt, mit dem zweiten Koffer kam mir dieser spezielle Sound fast ganz abhanden. Nur im Kopf habe ich ihn noch gehört. Jetzt habe ich die NeverEngine gebaut, um diese Erinnerungen wieder richtig erklingen zu lassen.”

Natürlich existiert die NeverEngine bei einem ausgemachten Studio-Nerd wie Vogel wirklich, mindestens als spezielles Studio-Setup für Zeitreisen in Vogels Techno-Lieblingsperiode. Und wie es sich für einen guten Konstrukteur gehört, ist die Maschine, deren Name klanglich zwischen “Nie” und “Endlos” changiert, noch längst nicht fertig. Aktuell soll sie mittels spezieller Sequenzer-Algorhythmen in der Lage sein, Klangmuster durch “Interpolation” zu transformieren: Aus Beats werden Bleeps oder aus einzelnen Tönen Basskörper. Schon die erste Version der Maschine (Code-Name “Xpute”) produziert angeblich eigenständig Effekte wie eine “verlangsamte Wahrnehmung”, zudem soll sie sich mittels “linearer Frequenz-Verschiebung” selbst justieren und dabei einer “orgonotischen Singularität” zustreben. Ein echter Höllenapparat, diese NeverEngine, nachher überflügelt sie noch eines Tages unsere beschränkten Gehirne?

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“Ich habe in letzter Zeit einige Sets erlebt, bei denen Software Musik erzeugt hat, die bereits die menschliche Psyche kontrollieren könnte. So etwas ist natürlich besorgniserregend, aber die NeverEngine soll diese Zusammenhänge ja gerade erhellen.”

Aha. Und welche Rolle spielt dabei “Orgon”?

“Ich will damit an Wilhelm Reichs Orgon-Forschung erinnern, dem es um die Befreiung dieser universellen Sexualenergie ging (Anmerkung: Reich war ein abtrünniger Schüler Sigmund Freuds, auf den sich posthum Hippies, New Age und Teile der 68er-Marxisten beriefen). Reich will herausgefunden haben, dass bei jedem menschlichen Höhepunkt Orgon freigesetzt wird. Vielleicht war er da wirklich etwas auf die Spur gekommen, aber das FBI hat ihn ins Gefängnis gesteckt, wo er unter mysteriösen Umständen starb. Anschließend wurden seine Unterlagen verbrannt. Ich finde, dass man bei Techno-Partys manchmal eine Energie in der Art von Orgon spüren kann, wenn gerade alles zusammenpasst, die Musik, die Leute und das Licht …”

Das ist nachvollziehbar, aber ist es dir mit dem Reich-Kram wirklich ernst?

“Ich mag die Sex-Fi-Slogans. Und ich mag die Metapher einer messbaren, menschlichen Sexualenergie. Wie in diesem Club-Mythos, nach dem ein Raver zum Höhepunkt des Snare-Wirbels von Hardfloors “Acperience 1″ (Harthouse, 1992) einen Orgasmus hatte. Jenseits der Tanzfläche hänge ich aber weder einer Religion noch einer Philosophie oder einer abseitigen Wissenschaft ernsthaft an.”

Alles klar! Zuletzt noch einmal die Frage: Was kommt nach Techno?

Inzwischen bin ich wohl eher ein Dienstagstyp.

Text aus De:Bug 118
Autor: Anton Waldt


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