Detroit-Update
Detroit-UpdateWie die amerikanische Presse Detroit entdeckt und dabei die alten Fehler machtTamara WarrenÜbersetzung: Jan JoswigFünfzehn Jahre, schon ‘ne Elle Zeit. Damals war ich sieben. Nur zwanzig Meilen vor meiner Haustür revolutionierte sich die Musik, aber ich hatte keine Ahnung.Die Musikszene explodierte in den Kellerstudios, die amerikanischen Medien hörten nicht hin. Der durchschnittliche Londoner Clubber wußte mehr über die Musik aus meiner Stadt als die meisten Detroiter selbst. Seitdem hat sich nichts geändert in Amerika, nicht einmal in der 7th City selbst – der Heimstatt von Techno.Für den wahren Untergrund, der bei den ersten Veröffentlichungen aufhorchte und sich nie wieder abwandte, ist die Story ein alter Hut. Die drei Belleville-Teenager, die die Reformation computerisierter Drumbeats erträumten – Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May – waren die Innovatoren. Sie reisten in der Hoffnung nach Europa, auch hier mit offenen Armen von der afro-amerikanischen Bevölkerung empfangen zu werden, die zuhause ihre Haupthörerschaft ausmachte. Detroit selbst zeigte sich ungerührt von ihrem Auszug. Obwohl zahllose Detroiter Produzenten weltweite Ikonen der Tanzmusik wurden, schrumpften sie auf Durchschnittsmaß zurück, sobald sie nach Detroit zurückkehrten. Hier spielten sie auf Warehouse-Parties und in Underground-Clubs, und als diese Nächte vorbei waren, beachtete kaum noch jemand die Phalanx aufstrebender Produzenten aus der “Techno City” außer Vorstadtkids auf der Suche nach dem Rausch des Nachtlebens.Europa kennt die Detroit-Story aus dem Effeff. Schließlich dürstet man immer nach dem, was am anderen Ende der Welt im Umlauf ist; bloß nicht immer die gleiche Geschichte. Fälschlicherweise wird Detroit immer mit dem rückgewandten Blick betrachtet, das Neue wird nicht fokussiert. ”Die Leute schreiben immer das gleiche über Detroit”, beschwert sich der Detroiter Houseproduzent Terrence Parker. “Die Speerspitze der Detroiter Szene bilden nicht Derrick, Kevin und Juan.” TP verweist auf Carl Craig und Kenny Dixon Jr., die mit ihrem permanenten Veröffentlichungsfluß die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.In den USA selbst ist die Berichterstattung in der Presse eine völlig andere Sache. “Electronica” beherrscht als neues Buzz-Wort die moderne Musik. Erst jetzt fangen die Amerikaner an, aufgeschreckt durch Megagruppen wie Prodigy, nach den Wurzeln aus dem Mittelwesten, aus Chicago und Detroit, zu suchen. Fünfzehn Jahre zu spät, wie jeder Detroit-Künstler schulterzuckt. Von Amüsement über Indignation bis zu Skeptizismus reicht das Haltungsspektrum, mit dem die Untergrundszene den Hype in der amerikanischen Presse verfolgt. Schon ein Treppenwitz, daß in Amerika Detroit jetzt zum neuen Phänomen wird.Innerhalb der letzten fünf Jahre gab es eine Schwemme von neuen Magazinen, die sich der Tanzmusikindustrie ergeben haben. Einige dieser Magazine haben Detroitkünstler herausgestellt. Aber der Großteil behandelte Detroit stiefmütterlich im Vergleich zu den Berichten über Ost- und Westküstentanzmusik von New York House bis zu Westküsten Drum and Bass. Die meisten der Blätter sitzen in Kalifornien, wie “Urb” und “XLR8R”. Profunde Artikel zur musikalischen Geschichte sind selten. Erst seit neuestem wendet sich das Blatt. “Sweater” bot eine Titelgeschichte zu Derrick May, “XLR8R” befaßte sich letzten Monat mit Carl Craig und dem aus Windsor stammenden Richie Hawtin. “Urb” plant eine Spezialausgabe zu den Helden der Bewegung, vor allem den Detroiter Pionieren wie Underground Resistance.Mittlerweile hat der mediale Durchbruch die Massen gepackt. Populäre Magazine, die Tanzmusik bisher ignorierten, richten ihre Ohren nach Detroit. Das “Spin”-Magazin, eines der ersten amerikanischen Musikmagazine, porträtierte in der Oktoberausgabe Detroit auf sechs Seiten. Kein Wunder. Schließlich ist der Chefredakteur Simon Reynolds Engländer und erklärter Detroitfanatiker. Die Liste wächst weiter. Das hippe “Männer, so müßt ihr leben”-Magazin “Details” kündigt ein Feature zu Juan Atkins an. Die Frage, ob solche Magazine das Thema adäquat fassen können, bleibt. Detroit wird von der Presse traditionellerweise eingeengt auf die Rassenfrage. Jahre der Fehlinterpretation haben das Bild ethnisch getrennter Zonen ausgemalt. Obwohl sonst jeglicher mögliche Aspekt amerikanischer Urbanität thematisiert wird, läßt man Detroit als tote Stadt links liegen. Der “Spin”-Artikel “The Tale of two Cities” konzentrierte sich auf die historischen, ethnischen Viertel von Detroit, statt eine ehrlichere, repräsentative Diskussion zur aktuellen Musikszene der Stadt anzustrengen. Nach einem Kurzaufenthalt in der Motor City versucht der Autor das Monsterthema “Rassen” in zwei Kapiteln seiner Geschichte abzuhaken. Er schreibt:” Detroit ist wohl der einzige Ort, an dem das Vorurteil weiter verfochten wird, daß Weiße keinen Techno spielen sollten.” Der Artikel legt nahe, Detroit hätte die Rassenschranke heruntergekurbelt – ein Bild, das der Stadt in keinster Weise gerecht wird. In einer Millionenstadt gibt es mehr als eine Sichtweise der Dinge, und die eklektischen Musiker belegen diese Pluralität. Detroit ist nicht nur Ghetto Bass, wie mehr als eine Veröffentlichung zu unterstellen versuchte.Mehrere angekündigte Bücher über die Geschichte der Tanzmusik richten ihren Blick auf Detroit. Und auch den Filmmarkt zur Tanzmusik berühren die Amerikaner.”Modulations”, einer der Gewinner des Sundance Film Festival Awards, ist ein neuer amerikanischer Dokumentarfilm zur reichen Technogeschichte mit Detroitkünstlern wie Stacey Pullen, Juan Atkins und Kevin Saunderson. Der Film wird stark unterstützt, er startet gleichzeitig in mehreren amerikanischen Städten. Die Stars dieses Schlagers werden ihn das erste Mal bei der Erstaufführung im Laufe dieses Monats in Detroit sehen. Man steht dem Film mißtrauisch gegenüber, da die Kommentatoren nicht aus Detroit stammen und sich nur für die musikalische Perspektive der Stadt interessieren. Kritische Themen zu einer fragmentierten Stadt wie Detroit muß man komplexer angehen als es zwei Paragraphen in einem “Spin”-Artikel oder fünf Minuten in einer Dokumentation möglich ist.Trotz des nationalen Interesses zeigen sich die lokalen Medien weiterhin ignorant. Nur eine Radiostation, National Public Radio, sendet eine Late Night Dance Music Show, alle anderen Detroiter Sender haben Tanzmusik vor Jahren aus dem Programm verbannt. Die beiden Tageszeitungen “The Detroit News” und “The Detroit Free Press” haben das erste Mal diesen Oktober Artikel zur Technogeschichte aufgenommen. Ihre Kommentare gestehen die Unterlassungssünde der örtlichen Medien ein. Die “Detroit News” schreibt:” Die meisten Detroiter wissen nicht einmal, daß ihre Stadt der Geburtsort von Techno ist, noch weniger wissen, was das überhaupt ist.” In das gleiche Horn stößt die “Free Press”: “Wenn sie dachten, die Stadt wäre musikalisch verwaist, nachdem Motown nach L.A. übersiedelte, grämen sie sich nicht. Sie sind nicht alleine.” Die einzigen Publikationen mit größerer Auflage, die sich um Tanzmusik aus Detroit bemühten, waren die Gratis-Veranstaltungsanzeiger wie “Metro Times” und “Orbit”.Die Überblicksartikel neigen dazu, die einzigartige Qualität von Detroit als musikalische Quelle in diesem Jahrhundert zu übersehen. Die begrenzte Berichterstattung in Amerika hat nichts daran geändert, daß man immer noch in einer Detroiter Nachbarschaft wohnen kann, ohne diese revolutionäre Form von Musik wahrzunehmen, fünfzehn Jahre nach ihrem Entwicklungsstart. Andererseits sind das genau die Bedingungen, unter denen die Untergrundszene Fuß faßte und sich ohne öffentliche Unterstützung entwickelte. Einige Dinge werden sich in Detroit nie ändern, und am Ende läuft alles auf den Leitspruch von Submerge Distribution hinaus: “For those who know”.
Autor: Tamara Warren
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