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2.01.2009 | 11:01
 
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Chez Damier: Ein sauberer Schnitt

Chez Damier hat zusammen mit Ron Trent Anfang der Neunziger den Deephouse-Gral gegründet. Heute ist er als DJ und Produzent eine erleuchtete Instanz.



Wie schön ist es, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Anthony Pearson aka Chez Damier tänzelt vor seinem Berliner Hotel hin und her und staunt über den Wandel, den die Stadt seit seinem letzten Besuch durchgemacht hat. Dreizehn Jahre ist das jetzt her. Eine halbe Ewigkeit. Zumindest in House- und Techno-Zeitrechnung. Dabei swingt seine Stimme in einem so freundlichen wie melodischen Singsang, während er seine Hände gestikulierend durch die Luft wirbeln lässt.

Seit Ende der Neunziger, nach einem Jahrzehnt, in dem er die House- und Techno-Geschichte von Chicago und Detroit entscheidend mitgeprägt hat, hat sich Chez Damier sukzessive aus dem Musikbusiness zurückgezogen. Er hat Ende der Achtziger mit Alton Miller und Derrick May den wohl ersten Techno-Club der Welt, das Music Institute in Detroit, betrieben, war danach A&R für Kevin Saudersons KMS Label und begann Anfang der Neunziger selber als Produzent Maßstäbe zu setzen. Wenn er etwas macht – einen DJ-Gig hier, eine Platte da -, dann immer nur für oder mit Freunden.

Zusammen mit Ron Trent bildete Chez Damier Anfang bis Mitte der Neunziger ein Dreamteam, das House und Techno stark von seinen R’n’B- und Disco-Wurzeln her definierte und mit ihrem gemeinsamen Label Prescription einen Sound prägte, bei dem gleichzeitig eine fast schon esoterische Deepness im Zentrum stand wie auch eine Konzentration auf den Groove. In den letzten Jahren hat eine neue Generation von jungen Produzenten angefangen, sich am Prescription-Sound abzuarbeiten. Eine Tatsache, die auch Chez Damier nicht verborgen geblieben ist und ein Grund war, sich nach dreizehn Jahren mal wieder hinter die Plattenteller in einem Berliner Club zu stellen.

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De:Bug: Du hast dich seit einer ganzen Weile aus dem aktuellen Musikbusiness zurückgezogen. Was bedeutet für dich Inspiration?

Chez Damier: Alles. Ein inspirierter Künstler zu sein bedeutet, nicht auf Nachfrage tätig zu werden. Ein inspirierter Künstler geht seiner Kunst nicht nach, weil er damit sein Geld verdient. Ich bin einfach nicht jeden Tag inspiriert. Und auch nicht jedes Jahr. Aber wenn ich es bin, dann ist es aufregend, ha ha.

De:Bug: Du hattest also immer einen Plan B neben der Musik.

Chez Damier: Lass es mich so sagen: Ich kam als Clubbetreiber zu KMS, als ich dort als A&R für Kevin Saunderson angefangen habe. Danach habe ich immer in Kommunikations-Firmen gearbeitet. Ich habe Trainings für Verkäufer geleitet und jetzt arbeite ich als Berater mit Jugendlichen. Für mich gehört das alles zusammen. Und beide Welten sind für mich gleich erfüllend. Beide sind ein Teil von mir. Das ist der Grund, warum ich nicht mehr ausschließlich Musik mache. Ich will mich nicht auf die Dancemusic-Szene beschränken.

De:Bug: Was genau machst du als Berater?

Chez Damier: Momentan arbeite ich mit Adoptivkindern. Ich bin deren Mentor und Berater. Ich stehe auch in Kontakt zu den Adoptiveltern. Das ist ein toller Job. Ich zeige den Kids, was ich mache, und ich inspiriere sie dazu, das zu machen, was sie wollen. Das ist mein Kick. Mein Job ist es, Leben zu verändern. Ich hoffe auch, dass ich dich mit unserem Gespräch inspirieren kann. Darum geht es mir. Ich weiß, dass ich Popstar hätte werden können, wenn ich denn gewollt hätte. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich nicht bereit bin, den Preis dafür zu zahlen. Die Konsequenzen, die mit einem solchen Status einhergehen, wollte ich nie tragen. Ich wollte meine Seele nicht dem Teufel verkaufen.

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De:Bug: Ich habe vor ein paar Wochen mit deinem Ex-Partner gesprochen, Ron Trent.

Chez Damier: Oh ja? Ron und ich haben schön öfter darüber gesprochen, uns wieder zusammenzutun, gemeinsam Musik zu machen. Aber ich bin in den letzten Jahren gereift und warte darauf, dass Ron auch auf einem ähnlichen Level ankommt, damit wir effektiv sein können.

De:Bug: Was meinst du damit?

Chez Damier: Ich will nichts wiederbeleben will, was in der Vergangenheit funktioniert hat. Ich weiß nicht, ob Ron schon an einem ähnlichen Reifepunkt ist. Ich bin persönlich so gewachsen, dass ich es für notwendig halte, dass Ron nachzieht. Damit meine ich eine gelassene Art, das Leben zu betrachten. Und zum Beispiel nicht in Erinnerungen darüber zu schwelgen, was früher war. Seitdem hat jeder von uns eine Menge Erfahrungen gesammelt und unterschiedlichste Dinge erlebt. Und die Frage für mich ist, wie wir es von diesem neuen Ort aus schaffen können, zusammen anderen wieder etwas zu geben.

De:Bug: Dein ehemaliger Partner hängt deiner Meinung nach zur sehr an der Vergangenheit?

Chez Damier: Ja, und genau das ist nicht meine Art. Manchmal ist eine Trennung gut, weil man die Gelegenheit hat, einen Schritt zurück zu machen und sich Dinge mit etwas Abstand anzugucken und sich zu fragen: Wenn ich etwas ändern könnte … was wäre das. Ich habe das schon hinter mir.

De:Bug: Ist das ein Grund, warum du nicht Teil der Prescription-Renaissance bist, die gerade im Gange ist? Ron hat das Label in den letzten Monaten ja wieder reaktiviert.

Chez Damier: Ich habe Ron meinen Anteil an dem Label geschenkt, ich wollte reinen Tisch machen und habe nie daran gezweifelt, dass er die Integrität des Labels aufrecht erhält. Was Ron und ich mit Prescription geschaffen haben, war etwas Wunderschönes, etwas Besonderes. Aber es ist genauso besonders zu sagen: Okay, das war’s, wir haben viele Menschen inspiriert, was kommt jetzt? An diesem Punkt bin ich gerade.

Und ich genieße die Zurückgezogenheit. Ich habe nie etwas gemacht, nur weil die Nachfrage groß war, war nie eine Prostituierte im Musikbusiness und immer sehr wählerisch, wenn es darum ging, was und wie ich etwas mache. Momentan spüre ich diese neue Energie, Musik zu machen, und das ist aufregend.

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De:Bug: Ich habe gehört, dass du für das Berliner Label Mojuba etwas machen wirst.

Ich kann da noch nicht so viel zu sagen, außer dass ich einige Mojuba-Tracks neu interpretieren werde. Aber es werden keine Remixe sein. Lass dich überraschen.

De:Bug: Findest du es problematisch, dass sich heute junge europäische Produzenten ganz konkret auf dich beziehen, aber kaum Bezug zu den musikalischen und kulturellen Wurzeln haben, die deinen Sound ausgemacht haben?

Chez Damier: Nein, Musik ist immer eine Interpretation. Und unser Gespräch wirst du so interpretieren, wie nur du es kannst. Du wirst es so übersetzen, wie du es verstanden hast. Und das ist okay so. Ich bin nicht der gleichen Meinung wie z.B. Glenn Underground, dass Jazz, R’n'B etc. die Wurzeln sind, auf die man sich immer wieder beziehen muss. Inspiration kommt aus unterschiedlichsten Quellen. Mich zum Beispiel inspiriert die Musik von Don Williams oder Oracy. Wenn ich einen Moment meines Lebens in deren Musik höre, fühle ich mich ermutigt.

Ich finde das aufregend, weil ich die Chance habe, mich hinter einen Künstler zu stellen, den meine Musik inspiriert hat, und ich mit ihm gemeinsam eine Signatur in seiner Musik hinterlassen kann. Für mich ist das etwas sehr Bedeutendes. Es ist wichtig, dass die ältere Generation die jüngere mitzieht und die gemachten Erfahrungen weitergibt. Das war damals bei Ron oder auch bei Mark Kinchen und mir so. Ich war älter, ich habe ihnen vermittelt, was ich erlebt hatte und wovon sie nur gehört hatten. Und ich habe ihnen gesagt: Ich will nicht, dass ihr so werdet wie ich, sondern ihr sollt so werden, wie ihr seid, damit ihr noch weiter gehen könnt als ich.

De:Bug: Es gab vor kurzem ein recht kontroverses Online-Interview mit Theo Parrish, in dem er anprangerte, dass auch in der House- und Techno-Szene das Muster “black roots, white fruits” gültig ist. Wie stehst du dazu?

Chez Damier: Es steckt so viel Freiheit in Musik. Wir werden von unseren Lebensumständen inspiriert. Und wenn ich morgen Barbara Streisand samplen wollen würde, dann würde ich es tun, weil mich ihre Musik inspiriert hat. Und der Track, den ich mit diesem Sample produzieren würde, wäre meine Interpretation dieser Inspiration. Ich finde es sehr problematisch, ständig die Dinge zu isolieren und festzulegen, das ist weiße Musik und das schwarze, das ist amerikanisch, das europäisch. Musik ist ein Ventil, um Frustration abzubauen. Musik bringt die Menschen zusammen und motiviert sie. Deine Hautfarbe könnte pink sein und du könntest mich inspirieren.

In Chicago und Detroit gibt es eine Menge Leute, die dieses Thema zu einer Ideologie gemacht haben. Aber wenn der Spruch “House is a feeling” stimmt, dann kann es doch nicht sein, dass dieses Gefühl limitiert ist und nur für bestimmte Personen gilt. Gefühl ist Inspiration. Ich bin DJ und Produzent geworden, weil ich so inspiriert war von dem, was ich erlebt und gehört habe, dass ich irgendwann andere Menschen auch so inspirieren wollte. Das war der einzige Grund, warum ich in dieses Business gegangen bin. All die Nächte in Chicago, New York und Detroit, in denen ich einfach wie hypnotisiert war von der Musik, dem DJ, dem Dancefloor-Erlebnis. Und die Möglichkeit, diese Erlebnisse an jemanden weiterzugeben, der nicht dabei war, habe ich, indem ich etwas von diesen Emotionen in die Musik einfließen lasse, sodass er sie später hört und sagt, ich weiß zwar nicht, was damals alles passiert ist, aber ich weiß, wie ich mich jetzt fühle. Das ist meine Philosophie.

Ich glaube nicht daran, dass irgendwem etwas gehört und er dafür ein Leben lang einen Titel verdient hat. Ich glaube an Förderung und Unterstützung. Darum sollte es gehen. Alles andere ist in meinen Augen falsches Denken, das nur noch mehr Trennung erzeugt. Diese Musik ist nicht auf das Ghetto limitiert, sie findet auf der ganzen Welt statt. Überall leiden Menschen, sind unterdrückt, frustriert. Und sie verarbeiten das in ihrer Musik. Wer bin ich zu sagen, dass ihr Ausdruck nicht der richtige ist. Bei Musik geht es nicht um Streit, nicht um einen Kampf darum, wer Recht hat und wer nicht, sondern um die Freiheit sich auszudrücken.
http://www.prescriptionworld.org

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Text aus De:Bug 127
Autor: Sven von Thülen
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  1. sebastian says:

    omg, ron trent is going to “re-interpret” some mojuba releases for the label: http://de-bug.de/mag/6044.html

  2. sebastian says:

    omg, ron trent is going to “re-interpret” some mojuba releases for the label: http://de-bug.de/mag/6044.html

  3. [...] das wir mit Chez Damier vor knapp anderthalb Jahren geführt haben, könnt ihr noch einmal hier [...]

  4. [...] zweite Teil geht auf historische Deep House-Reise. Die De:Bug bringt Chez Damier als einen Gründer des Deep House-Grals an. Weitaus jünger, aber nicht minder [...]