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16.01.2009 | 11:43
 
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ALLES auf KARTE

Mappen ohne Sinn und Verstand



Noch nie zuvor war so viel Karte. Heutige Landkarten sind exakt, aktuell und unzensiert, weiße Flächen gibt es praktisch nicht mehr. Tendenziell können alle Menschen die Landkarten des Globus nutzen. Alle wissen Bescheid, wie es überall aussieht, fast jedenfalls. Karten sind nicht mehr allmächtig, sondern allgegenwärtig. Schon weil andauernd Massen in der Gegend und um die Welt unterwegs sind. Auch die Politik hat sich aus der räumlichen Erstarrung des Kalten Krieges gelöst und betrachtet den Weltatlas wieder als offenes Spielfeld. Das neue “Great Game” wird allerdings zusehends ohne verdeckte Züge gespielt, da die Player sich per Satellit rundum überwachen. Wir sehen uns ganz genau auf die Finger. Und als ob dieses kollektive Raumgreifen nicht schon atemberaubend genug wäre, öffnen sich neben der geographischen Welt auch noch überall virtuelle Realitäten. Diese neuen Datenräume stülpen sich über die Weltkugel, wodurch ganz neue Orte entstehen, aber auch ganz reale Distanzen überwunden werden. Über diese Kanäle finden natürlich prompt Rückversicherungen statt, Landkarten werden mit den Realitäten vor Ort abgeglichen und diesen Rückkoppelungen dürfte kaum noch eine Dissonanz entgehen. Von überallher strömen Informationen in die letzten Ecken und auf unsere Wahrnehmung ein, die schnell verstopft, überhitzt und kollabiert. Die Globalisierung verunsichert fundamental, die Digitalisierung überfordert die Sinne und um die Verwirrung komplett zu machen, verläuft man sich auch noch ständig in der virtuellen Realität.

Karten-Balsam
Aber Karten verdeutlichen nicht nur die Schwindel erregenden Dimensionen, in denen die Menschheit physisch und mental unterwegs ist. Karten sind auch wahnsinnig beruhigend. Wenn alles eingezeichnet und beschriftet ist, haben wir das Chaos bequem und übersichtlich im Überblick. So ist es auszuhalten. Karten suggerieren unweigerlich Sicherheit, denn was objektiv verzeichnet ist, ist auch unter Kontrolle. So ticken wir eben. Da trifft es sich gut, dass nicht nur das Privileg der Kartennutzung abgeschafft wird, sondern auch das der Kartenherstellung. Dank offen zugänglicher Datenbanken und verfügbarer Software können heute Milliarden ihre eigenen Karten produzieren. Und viele haben schon angefangen, haltlos werden beliebige Sachverhalte in Kartenform dargestellt, in einem unkoordinierten Tohuwabohu zwängen Ahnungslose alle Informationen, derer sie habhaft werden können, ins Kartenformat. Ob die Informationen geografisch oder räumlich oder inhaltlich oder gar nicht im Zusammenhang stehen, ist den Kartographie-Dilettanten völlig einerlei, solange aus vielen Daten unterschiedlicher Konsistenz ein zweidimensionales Bild mit Landkartenanmutung wird. Die Grenze zwischen Infografik, Organigramm und Karte verschwimmt zusehends, und das ist nicht immer nachteilig: Karten werden lebendiger, wenn sie Elemente von Infografiken nutzen, Infografiken werden eingängiger, wenn sie in Kartenform auftreten.

Geo ist besser
Das Raumgefühl wird heute von den widersprüchlichsten Eindrücken bestürmt, Google liefert Satellitenbilder aus der scheinbar allwissenden Vogelperspektive. Aber kaum jemand weiß, wie man mit diesen Fotos umgehen muss (mehr dazu ab Seite 44). Die Computerstimme des Navigationssystems weist jeden Weg, gleichzeitig limitiert sie den Horizont auf die nächste Ecke und schränkt den Handlungsspielraum radikal ein: An der nächsten Kreuzung links abbiegen. Ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen, surfen wir grenzenlos um die Welt, und ohne mit der Wimper zu zucken, jetten Massen ganz real um die Welt. Klar, dass das völlig verstörte Raumempfinden im bekannten Terrain Halt sucht, je verwirrender die Zustände, umso heftiger das Sehnen nach vertrauten Verhältnissen. Weshalb virtuelle Dimensionen vehement nach räumlichen Ordnungsprinzipien gebändigt werden, Raummetaphern bis zum Abwinken inklusive: Chatroom, Datenautobahn, Sitemap, Homepage. Daten huschen als Leuchtkäfer durch den virtuellen Raum, ihre Bahnen haben dabei frappierende Ähnlichkeit mit den neuronalen Netzwerken im menschlichen Gehirn, wie es sich wissenschaftliche Vorstellungskraft gerade ausmalt.

Kupferstecher vor
Die virtuelle Realität mit geografischen Formen zu fassen ist natürlich nur ein Vorstellungstrick, mit dem der Wahnsinn vermieden werden soll, der droht, wenn das Internet ernsthaft räumlich gedacht wird. Jede Seite ist nur einen Link von jeder anderen Seite entfernt. Der Weg besteht immer aus demselben Klick, egal ob die “benachbarte” Seite auf der “Homepage” aufgesucht wird oder der “Chatroom in China”. Aus dieser Perspektive gedacht, müsste man sich das Internet wohl wie ein schwarzes Loch mit unendlicher Informationsdichte vorstellen. Da kommt ganz schnell Schwindel auf und die Karte wieder ins Spiel. Wir brauchen die vertraute Topologie als Strukturierungshilfe: rechts, links, dahinter, daneben, auf dem Weg, am Horizont. Wenn allerdings das formale Repertoire der Kartographie solchermaßen zweckentfremdet wird, ändert sich natürlich auch die Wahrnehmung klassischer geographischer Karten. Das strenge Regelwerk der Kartographie erodiert – und damit das Bemühen um eine möglichst objektive Darstellung der Wirklichkeit. Die Welle neuer Karten ist daher auch besonders anfällig für Missbrauch und Manipulationen. Dagegen hilft wohl nur: besonders genau hinschauen.

Auch gut:

  1. Wahlen: California über alles!
  2. Soffy O – Alles voll unklar
  3. Apparat: Alles abreißen
  4. Open über alles
  5. Totale Kontrolle über alles: Native Instruments Kore
Text aus De:Bug 124
Autor: Anton Waldt
Ausgabe 124 hier Online via Paypal bestellen.




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