Kluge Dinge: Consumer RFID
Die winzigen Funkchips zur eindeutigen Identifizierung von Dingen halten im Alltag Einzug, nachdem sie sich in der unsichtbaren Welt der Logistik bereits fest eingenistet haben. Es ist also höchste Zeit sich von den Horror- und Hurra-Klischees zu befreien und RFIDs nüchtern willkommen zu heißen.

Das Internet der Dinge steht heute an einer ähnlichen Stelle im Bewusstsein der Masse, wie das Internet, bevor es seinen Namen als Leihgabe vom World Wide Web übernahm. In dieser grauen Vorzeit waren die Horrorszenarien, die sich aus weltweiten Computernetzen stricken lassen, nahezu alles, was man über das Netz wusste. Dass wir uns dort alle dauernd herumtreiben würden, das Internet also Normalität werden würde und nahezu jeder Bereich des Alltags eine Online-Entsprechung finden würde, war damals reine Science Fiction.
Daher musste der Glaube an eine virtuelle Welt vor allem das Virtuelle betonen, das Andersartige im Gleichen der anderen Art. Das Internet war ein anderer Körper, eine Art neuer Astralleib. Trotzdem schien die Tatsache, dass etwas völlig neuartiges kommt, nur noch schüchtern hinterfragbar, genauso wie klar war, dass mit dem Internet etwas transnationales entstehen würde, für das man damals noch kein Wort hatte.
Heute befinden wir uns einer ähnlichen Situation, denn das Internet der Dinge steht vor der Tür. Noch fehlt uns ein Phantasma, um das Unbekannte fassbar zu machen, wie die virtuelle Welt in der Frühphase des Internets. Es gibt keine Neon-Visionen vom Internet der Dinge, keine halluzinogenen Tunnelfahrten, keine quecksilberartigen Körpervorstellungen, keine entkernten Räume aus grün leuchtenden Hieroglyphen. Aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Vermutlich wird man sogar herausfinden, dass – ähnlich wie das Internet – das Internet der Dinge eine Droge sein kann.

Vielleicht wird es Geschichten geben, in denen jedes Rauchen einer Film-Zigarette vom sanften ”Rrrring“ eines Kassenklingelns der Überweisung eines soeben gestiegenen Krankenkassenbeitrags begleitet wird. Bestimmt wird der Barcode als visuelles Synonym für Überwachung bald von dem mäandernden Muster der RFID-Antenne abgelöst werden. Aber bevor es so weit kommen wird, sollten wir dieses Internet der Dinge erst einmal selbst in die Hand bekommen. Es wird und muss den Alltag jenseits des braven Konsumenten auf einer anderen Ebene durchdringen, einer Ebene auf der wir selber etwas mit den Funk-Chips anstellen können. Und inzwischen können wir RFID tatsächlich auch in diesem Alltag willkommen heißen.
Schon da
RFIDs sind zunächst verblüffend kleine Chips mit Antenne, die über eine gewisse, jedoch immer Nähe suggerierende Entfernung ausgelesen wird (Die Winzigkeit ist übrigens ein kniffeliges Problem für den Eintritt von RFID als visuell-narratives Moment in die kulturelle Popkultur). Und so verblüffend klein RFID-Chips sind, so weit ist die Verbreitung schon vorangeschritten.
Als Verkehrskontrolle und Zahlungsgrundlage, in Pässen, als Produkt-Tracking, in Hunden, Rindern und anderem Getier, in Büchereien, Schulen, Museen und auch in Menschen. Kaum ein Ding (ja, belebte Dinge gehören auch mit zum neuen Internet), das nicht irgendwo mindestens einen Testversuch laufen hat, bei dem wir im Allgemeinen die Versuchskaninchen sind. Hey, selbst die religiöse Rechte hat RFID schon als “Mark Of The Beast” identifiziert.

Ubiquitäres Teufelszeug, also wird es höchste Zeit, dass wir selbst etwas damit anstellen können. Da RFID weitestgehend ein parasitärer Netzzyklus ist (aufgepfropft auf bestehenden Rechnerarchitekturen), obendrein auch noch einer, in dem Sender und Empfänger mal wieder deutlicher getrennt sind als beim Internet, beginnt jetzt erst mal – nachdem wir uns ähnlich wie gegen Aliens mit etwas Alufolie vor den Nebenwirkungen zu schützen gelernt haben – die Lego-Phase.
Überall werden Einzellösungen gebastelt. Intelligente Türen für unsere vierbeinigen Freunde, intelligente Reifen für unsere vierrädrigen Freunde, aber all das ist medial noch relativ einseitig. Das könnte sich jetzt ändern, denn mit Violet und Tikitag sind zwei Anbieter vorgeprescht und eröffnen den Reigen einer Spielerei mit den neuen Dingen. Violet ist, wie schon in De:Bug 126 berichtet, die Firma, die durch den Internet-Hasen Nabaztag bekannt wurde.
Tikitag ist eine Alcatel-Lucent-Tochter mit viel 2.0-Styling. Beide verkaufen RFID-Reader und -Tags an ein noch ziemlich hilfloses Publikum, das letztendlich noch nicht so genau weiß, was es damit anstellen soll (auch hier ist gelegentlich, ähnlich wie bei manchen Web2.0-Applikationen, etwas API-Verständnis nicht fehl am Platz). Also losphantasiert, welche Gegenstände könnte man alles mit einer Funk-ID versehen, und welche Aktionen könnten sie auslösen, wenn sie in den Bereich des Lesegeräts kommen? Teddybär auf dem Rechner einen Song zuordnen? Schlüssel aufs Tablett legen und damit jemandem mitteilen, dass man zu Hause angekommen ist?
So klar die Vorstellung sein mag, wenn man von allem, was so in der Gegend rumfleucht, auch auf Datenebene weiß, was es ist (automatisiertes Zuhause, intelligenter Kühlschrank, etc.), so unklar ist uns noch, was man wirklich Sinnvolles damit anstellen kann (ähnlich wie bei vielen Widgets). Die weitestgehend offene Welt von Möglichkeiten, die mit Gegenständen verbundene Daten liefert, ist gleichzeitig auch ihr Nachteil. Denn wenn man mit etwas gefühlt “alles” machen kann, ist das erst mal nicht viel.

Losgedacht
Angesichts der weißen Leinwand setzen viele Überlegungen, was man mit einem eigenen RFID-Reader und programmierbaren Tags so anstellen könnte, erst mal Sicherheitsphantasien in Kraft. Sich selbst überwachen. Bin ich da? Ist auch kein anderer da? Türschlösser, PC-Schlösser, und so weiter. Dann fängt man an, mit Konstellationen zu spielen: Reader in Türnähe positionieren und notwendige Ausgehkonstellationen (Schlüssel, Handy, Portemonnaie) programmieren.
Hat man alles dabei, passiert nichts, fehlt ein Bestandteil, ertönt nervtötendes Geräusch. Dann kommen langsam eher soziale Ideen. Was wäre, wenn eine Gruppe von Leuten einen RFID-Chip hätte und eine Gruppe von Orten darauf reagieren könnte. Wer ist im Office? Wer im Club? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Man beginnt sich darüber Gedanken zu machen, was An- und Abwesenheiten jenseits der puren Mitteilung eines Zustands aussagen können (ruf mich lieber auf dem Festnetz an, bin nicht im Netz, also besser simsen, habe mein Handy nicht mit, schicke besser E-Mail, Rufumleitungsphantasien etc.).
Man überlegt, welche Dinge man wirklich sinnvoll fernbedienen möchte und ob sich Fernbedienungen dafür nicht besser eignen als ein an den Rechner angeschlossenes Tablett. Man fragt sich, warum ein RFID-Reader nicht wireless sein kann oder zumindest zuerst so sein sollte, und beschließt dann erst mal Businessideen zu entwickeln (RFID als schicke Bonuskarten), selbst wenn das Business nicht so ernst gemeint ist.
Dann überlegt man, wie viele Reader man bräuchte, um eine genaue Positionierung auf einem eh schon beschränkten Raum via Triangulation hinzubekommen, und wie viele Tags, um einen Informationsraum von einer sinnvoll nutzbaren Dichte zu erreichen, und träumt, wie bei LEGO, von einem richtigen Auto. Aber bis dahin kann man viel Spaß haben und sich heimtückisch denken, ähnlich wie beim Netz auf Handys, dass im echten Netz alles viel besser war, bis man langsam merkt, was wirklich fehlt.
Auch gut:
- Kluge Dinge: Sachen werden sinnlich
- RFID – Vom Ursprung einer (all)gegenwärtigen Kulturtechnologie
- RFID-Tags
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- Biometrie der Dinge
Autor: Sascha Kösch
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